Für Berlins Frösche, Kröten und Molche ist es fünf nach zwölf: Rund drei Viertel der größeren Amphibienpopulationen sind verschwunden. Das zeigt der aktuelle Berliner Amphibienbericht der Stiftung Naturschutz Berlin (SNB) für die Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt (SenMVKU). Betroffen sind nahezu alle Amphibienarten – selbst in Schutzgebieten.
Über 700 Gewässer hat die Stiftung Naturschutz Berlin zwischen 2016 und 2023 im gesamten Stadtgebiet untersucht und dabei mehr als 13.000 Amphibiennachweise dokumentiert. Das Ergebnis ist alarmierend: Von den 162 Gewässern, an denen in den 1980er- und 1990er-Jahren besonders große Amphibienvorkommen mit mehr als 100 rufenden Tieren bestanden, sind heute nur noch 43 übrig. Das entspricht einem Rückgang von 73,5 Prozent.
„Für Berlins Amphibien ist es fünf nach zwölf“, sagt Susanne Bengsch, Amphibienexpertin und Leiterin der Koordinierungsstelle Fauna der Stiftung Naturschutz Berlin. Sie und ihr Team haben die Funde über die letzten Jahre dokumentiert und den Amphibienbericht erstellt. „Von den größeren Vorkommen, die in den 1980er- und 1990er-Jahren noch existierten, sind heute, wenn überhaupt, nur noch Relikte vorhanden“. Und es trifft längst nicht nur seltene Arten. „Auch Erdkröte, Teichmolch und Teichfrosch, die viele Berlinerinnen und Berliner für selbstverständlich halten, finden wir immer seltener in größeren Beständen.“
Besonders dramatisch zeigt sich der Rückgang beim Moorfrosch: Am Barssee im Grunewald wurden Anfang der 1980er-Jahre noch regelmäßig mehr als 2.000 erwachsene Tiere erfasst. Zuletzt wurde dort nur noch ein einziges Moorfroschmännchen dokumentiert. „Das sind keine abstrakten Zahlen. Das sind Gewässer, an denen es still geworden ist, weil das Artensterben auf dem Vormarsch ist“, so Bengsch.
Auch die Wechselkröte ist aus Berlin fast verschwunden. 1997 gab es noch 102 dokumentierte Laichplätze. Heute leben die Tiere in ganz Berlin nur noch an vier Standorten, einer davon ist der Tierpark Berlin. Die Wechselkröten laichen in den künstlich angelegten Gewässern rund um die Tiergehege und konnten sich in den letzten Jahren kontinuierlich erfolgreich fortpflanzen.
Amphibien sind ein Frühwarnsystem
Der Bericht nennt eine Reihe an Gründen für den dramatischen Rückgang: Amphibien brauchen nicht nur geeignete Laichgewässer, sondern auch intakte Lebensräume an Land und einen funktionalen Biotopverbund. Gewässerverlust, Versiegelung, Schadstoff- und Nährstoffeinträge, Nutzungsdruck und Entwässerungssysteme setzen den Tieren ebenso zu wie Waschbär und eingeschleppte Krankheiten. Der Klimakrise verschärft die Situation durch längere Trockenphasen und drastische Hitzesommer.
Die Folgen sind deutlich: Alle FFH-relevanten Amphibienvorkommen befinden sich in einem ungünstigen Erhaltungszustand. Kein einziges Vorkommen wurde als „günstig“ bewertet. Dabei bedeutet „FFH-relevant“: Diese Arten stehen unter einem besonderen Schutz der EU. Berlin ist verpflichtet, zu ihrem Erhalt beizutragen und einen günstigen Erhaltungszustand herzustellen und zu bewahren.
Warnsignal für andere Länder
Auch bundesweit sind die Berliner Ergebnisse ein Signal. Denn Amphibien sind wie ein Zeiger und gelten als Indikatoren für die Gesundheit unserer Umwelt. „Der Rückgang der Berliner Amphibien ist mehr als ein Problem des Artenschutzes. Er ist ein Warnsignal für den ökologischen Zustand unserer Stadt“, betont der Ratsvorsitzende der Stiftung, Staatssekretär Andreas Kraus (SenMVKU). „Deshalb arbeiten wir mit unseren Aktivitäten für die biologische Vielfalt Berlins und mit unserem Einsatz für die Umsetzung der Klimaanpassung mit Nachdruck am Schutz ihrer Lebensräume und an der Klimaresilienz der Stadt insgesamt.“
Für Stefan Richter, Geschäftsführer der Stiftung Naturschutz Berlin, ist der aktuelle Bericht deshalb ein Arbeitsauftrag. „Die Amphibien zeigen uns auf dramatische Weise, dass wir gerade unsere eigene Lebensgrundlage zerstören. Ich bin aber fest davon überzeugt, dass es gemeinsam gelingen kann, dieses Artensterben noch zu stoppen und umzukehren.“
Der Amphibienbericht gibt deshalb Empfehlungen und benennt konkrete Maßnahmen, was jetzt getan werden kann. So müssen beispielsweise bestehende Gewässer gepflegt und renaturiert, neue Laichgewässer geschaffen, Landlebensräume aufgewertet, Wanderkorridore gesichert und teilweise auch über Unterstützungsaufzuchten oder Nachzuchten nachgedacht werden. Auch Gefahrenstellen an Straßen und Schächten sowie der Einfluss invasiver Arten müssen stärker in den Blick genommen werden. Ein fortlaufendes Monitoring und die Einbindung der Stadtgesellschaft, etwa über die Bürger*innenforschungsplattform ArtenFinder Berlin, können dazu beitragen, die Situation aufmerksam zu dokumentieren und Veränderungen im Blick zu behalten. Werden konsequent und zielgerichtete Maßnahmen zeitnah und wirkungsvoll umgesetzt, besteht Hoffnung für die Kröten, Frösche, Unken und Molche Berlins.
Die Stiftung Naturschutz Berlin hat den Bericht für die Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt (SenMVKU) erstellt. Er liefert auch die Grundlage für den EU-Bericht des Landes Berlin zur Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH-RL).