Maßnahmenblätter für die weit verbreiteten Arten der Unionsliste
Für die gelisteten und in Deutschland als weit verbreitet eingestuften Arten werden länderübergreifend abgestimmte Managementmaßnahmen zusammengestellt. Weitere Informationen
In der Wissenschaft wird von Neobiota gesprochen; im Englischen von “invasive alien species”. Dabei ist zu beachten: Mit den Begriffen “Heimat” und “heimisch”, “einbürgern” oder “Einbürgerung”, “gebietsfremd” oder “einnischen” wird die Fachsprache des Naturschutzes und der Geoökologie benutzt, die, aus diesem Zusammenhang heraus gerissen, zu falschen Schlüssen führen könnte.
Die EU KOM hat eine Durchführungsverordnung zum Umgang mit invasiven Neobiota erlassen (Durchführungsverordnung EU 2016/1141). Diese Verordnung hat eine Vorgeschichte, die die Komplexität der Herausforderung zeigt, mit gebietsfremden Tier- und Pflanzenarten verantwortungsvoll umzugehen. Die Notwendigkeit invasive gebietsfremde Arten zu berücksichtigen, findet ihren Niederschlag bereits 1996 im Anhang B der Verordnung (EG) Nr. 338/97. Es handelt sich um die Arten Grauhörnchen, Fuchshörnchen, Pallasschönhörnchen, Schwarzkopf-Ruderente, Rotwangen-Schmuckschildkröte, Zierschildkröte und den Amerikanischen Ochsenfrosch. Diese Arten dürfen seitdem nicht mehr in die Europäische Union eingeführt werden. Die Verordnung (EG) Nr. 708/2007 über die Verwendung nichtheimischer und gebietsfremder Arten in der Aquakultur regelt die Freisetzung gebietsfremder Arten zu Zwecken der Aquakultur. Die Verordnungen über Pflanzenschutzmittel (EG) Nr. 1107/2009 und Biozidprodukte (EU) Nr. 528/2012 regeln die absichtliche Freisetzung von Mikroorganismen als Pflanzenschutzmittel bzw. als Biozide. Arten, die, wie zum Beispiel der Asiatische Laubholzbockkäfer, nach seinem Auftreten im Freiland unter Quarantäne zu stellen sind, werden gesondert in der Richtlinie 2000/29/EG (Pflanzenbeschaurichtlinie) behandelt.
In der Verordnung (EU) Nr. 1143/2014 vom 22. Oktober 2014 zur Prävention und zum Management der Einbringung und Ausbreitung invasiver gebietsfremder Arten sind die Grundsätze des Umgangs mit den Arten geregelt. Im Sommer 2016 wurde von der EU KOM eine Liste mit 37 invasiven Arten von unionsweiter Bedeutung veröffentlicht. 2017 wurde diese Liste bereits um 12 Arten erweitert und 2019 um weitere 17 Arten. Mit der dritten Erweiterung der Unionsliste am 2.8.2022 um weitere 22 invasive Arten, wobei die Listung für vier Arten erst ab 2.8.2024 bzw. 2.8.2027 in Kraft tritt, stehen derzeit 84 (bzw. 88) Arten auf der Unionsliste, welche nach wissenschaftlichem Dafürhalten erhebliche nachteilige Auswirkungen auf die Biodiversität und Ökosystemdienstleitungen haben (Unionsliste).
In der Union und in anderen europäischen Ländern kommen im Freiland rund 12.000 gebietsfremde Tier- und Pflanzenarten (Neophyten und Neozoen) vor, von denen schätzungsweise 10 bis 15 % als invasiv angesehen werden. Ein erheblicher Teil dieser Arten kann ernsthaft nachteilige Folgen für die Biodiversität und die damit verbundenen Ökosystemdienstleistungen sowie auch wirtschaftliche Auswirkungen haben. Das betrifft auch Fragen der ungesteuerten Hybridisierung mit heimischen Arten, die Tiergesundheit oder Auswirkungen von genetisch veränderten Organismen auf die Natur.
Mit der Unionsliste soll verhindert werden, dass die Arten ins Freiland gelangen, sich ungehemmt ausbreiten und negative Folgen für Mensch, Natur und Wirtschaft entstehen.
Nach der vierten Erweiterung der Unionsliste am 07.08.2025 sind derzeit insgesamt 114 Tier- und Pflanzenarten gelistet. Für zwei der neu gelisteten Arten – den Kanadischen Biber und den Mink – gilt die Listung allerdings erst ab 07.08.2027.
Zu den Neubürgern aus Flora und Fauna gehören in Deutschland allerdings deutlich mehr Arten als in der Unionsliste aufgeführt sind:
Allein in den Gewässern Berlins finden sich bis heute etwa 50 Neubürger wie Muscheln oder Schnecken. Darunter sind zwei Arten der Dreikantmuschel, die Körbchenmuschel oder die Neuseeländische Deckelschnecke. Von den warmen Temperaturen und der verbesserten Wasserqualität profitiert auch eine unter Wasser lebende und durch Enten verbreitete Pflanze: das Große Nixenkraut.
Ebenso nicht auf der Unionsliste aufgeführt aber invasiv – sind der Japanische Staudenknöterich, die Späte Traubenkirsche und die beiden nordamerikanischen Goldruten, die in Wäldern, auf städtischen Brachflächen, in Gewässern oder an Ufern sehr weit verbreitet sind.
In Berlin kommen derzeit 21 der 114 Arten der Unionsliste im Freiland vor. Darunter befinden sich der Riesenbärenklau, der Götterbaum, das Drüsige Springkraut, die Gewöhnliche Seidenpflanze, die Schmalblättrige Wasserpest, der Wassersalat, der Japanische und der Sachalin-Flügelknöterich, die Chinesische Wollhandkrabbe und weitere Krebsarten wie Kamberkrebs (Amerikanischer Flusskrebs), Roter Amerikanischer Sumpfkrebs (Louisiana Krebs), Marmorkrebs, die Fischarten Schwarzer Zwergwels, Blaubandbärbling und Sonnenbarsch, die Nilgans, die Säugetierarten Nutria, Waschbär, Bisam und selten der Marderhund sowie die Buchstaben Schmuckschildkröte.
Die in Deutschland eindringenden Tier- und Pflanzenarten kommen nicht aus eigener Kraft ins Land. Sie werden kommerziell gehandelt oder, wie es umgangssprachlich heißt, “eingeschleppt”. Alle Einfuhren gehen direkt oder indirekt vom Handel aus: Arten, die im Garten- oder Zoohandel an Private oder Gartenbaubetriebe verkauft werden, Arten, die aus Zuchten entkommen – wie Waschbär oder der Amerikanische Flusskrebs, der sich auf diese Weise schon vor über 100 Jahren im Raum Berlin ausbreiten konnte. Arten gelangen unabsichtlich an Güterbahnhöfe oder Umschlagplätze oder zum Beispiel mit Ballastwasser in Häfen und werden weiter über Gewässer, Eisenbahnen oder Autobahnen in der Fläche verbreitet. Andere werden im Holz von Paletten oder Verunreinigungen im Saatgut, bei Futtermitteln oder bei Bodenverbringungen als blinde Passagiere eingeführt oder “huckepack” weiter transportiert.
Die Unionsliste benennt konkret die Arten, die ab sofort in Deutschland und in Europa durch aktive Maßnahmen im Freiland bekämpft und durch Handelsbeschränkungen und Auflagen für Händler und Halter zu regulieren sind. Alle sechs Jahre ist gegenüber der EU KOM über die Maßnahmen und die Ergebnisse der Bestandsregulierung zu berichten.
Nichtgewerbliche Besitzerinnen und Besitzer dürfen ihre auf der Unionsliste geführten Heim- oder Haustiere bis zum Ende des natürlichen Ablebens des Tieres weiter halten, wenn die Tiere vor der Listung in den Besitz gekommen sind (Artikel 31). Für Gewerbetreibende gilt, dass sie Tiere oder Pflanzen der genannten invasiven gebietsfremden Arten mit Ablauf einer Zweijahresfrist nach der Listung (Artikel 32) nicht weiter halten dürfen.
Der Handel mit und die Beförderung von allen derzeit 84 Arten der Unionsliste sowie das Aussetzen der Arten sind in Deutschland untersagt (Artikel 7).
PDF-Dokument - Stand: Dritte Fortschreibung 2022
(2,0 MB)
PDF-Dokument - Stand: 2014
Oberste Naturschutzbehörde des Landes Berlin
Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt
Abteilung Naturschutz und Stadtgrün
Referat Naturschutz, Landschaftsplanung, Forstwesen
Annette Scharmann