Coronavirus

Inhaltsspalte

Friedhöfe als Hotspots biologischer Vielfalt

Unter den grünen Baumkronen des Luisenstädtischen Friedhofs ragen Grabsteine und Stelen auf. Bepflanzte Gräber liegen in Gruppen beieinander, dazwischen wächst Gras. Im Vordergrund bildet das Sonnenlicht, das durch die Blätter des alten Baumbestands scheint, helle Flecken auf einer von hellbraunen Gräsern durchzogenen Wiese. Davor ist eine Informationstafel mit vier Fotos aufgestellt. Am linken Bildrand verläuft ein Weg.
Wie viele alte Friedhöfe ist der Luisenstädtische Friedhof mit alten Baumbeständen von hoher Struktur- und Artenvielfalt geprägt. Informationstafeln machen darauf aufmerksam.
Bild: bgmr Landschaftsarchitekten

224 Friedhöfe gibt es in Berlin. Zusammen sind das mehr als 1.100 Hektar Grün. Ihre Entstehung reicht bis ins 13. Jahrhundert zurück. Das macht sie zu einem kulturellen Archiv – und zu wertvollen Refugien für Tiere und Pflanzen. Die Berliner Strategie für biologische Vielfalt betont deshalb, wie wichtig es ist, Friedhöfe zu schützen.

Mehr als Orte des Abschieds – vielseitiges Leben auf Berlins Friedhöfen

Mit einem Wechsel aus Alleen, Hecken, offenen Rasenflächen, kleinteiligen Pflanzungen, verwitterten Mausoleen und Mauergräbern gelten Friedhöfe als besonders strukturreich. Es gibt alte Bäume vieler Arten – oft mit Höhlen, die Fledermäuse und Vögel beherbergen. An der Rinde der Bäume wachsen seltene Moose und Flechten. Auf alten artenreichen Offenflächen finden sich nicht selten gefährdete Pflanzengesellschaften der Trockenrasen und Frischwiesen. Auch verwilderte Kulturpflanzen tragen zur Vielfalt bei. Zu diesen „Stinsenpflanzen“ zählen Frühjahrsblüher wie Elfen-Krokus, Frühlingskrokus oder Gelbstern. Weil sich die Bestattungskultur ändert, werden Teile der Friedhöfe nur noch extensiv gepflegt. Das bereichert das Spektrum an Lebensräumen weiter – etwa um Langgraswiesen.

Friedhöfe im Umbruch: der Friedhofsentwicklungsplan

Der Flächenbedarf für Bestattungen ist seit den 1980er-Jahren stark gesunken, weil sich heute viele für ein Urnengrab entscheiden. Mit dem Berliner Friedhofsentwicklungsplan sollen die Flächen an den heutigen Bedarf angepasst und reduziert werden – ohne ihre ökologische und denkmalpflegerische Bedeutung zu schmälern. Von 1.037 Hektar Friedhofsfläche sollen 747 erhalten und 209 schrittweise zur Grünfläche, zum Wald oder Friedhofspark entwickelt werden. 81 Hektar sollen anders genutzt werden – unter anderem, um Wohnungen zu bauen. Die Charta für das Berliner Stadtgrün hat 2019 betont: Wo solche Überhangflächen entwickelt werden, stehen die Schaffung neuer Freiräume und der Erhalt von Biodiversität und gartenkulturellem Erbe im Fokus.

Das Beispiel Bergmannstraße

An der Kreuzberger Bergmannstraße liegt ein großer Friedhofskomplex, der mitten in der Stadt Natur erlebbar macht. Der Luisenstädtische Friedhof ist eine der dortigen Anlagen. Die Friedhofsverwaltung, das Büro des Landesbeauftragten für Naturschutz und der NABU Berlin tauschen sich dazu aus, wie sich hier biologische Vielfalt erhalten und stärken lässt. Seit einigen Jahren erfasst die NABU-Bezirksgruppe die Vogelwelt vor Ort. Dadurch weiß man heute, dass hier auch die Waldohreule zuhause ist. 2018 wurden Fledermauskästen der Stiftung Naturschutz Berlin aufgehängt. Und seit 2015 informieren Tafeln über die vielfältige Stadtnatur.

Waldfriedhof Oberschöneweide

Bildvergrößerung: Das Foto zeigt den Waldfriedhof Oberschöneweide. In der Bildmitte führt ein Weg über eine von krautigen Stauden bewachsene große Langgraswiese. Er besteht aus Trittplatten, die mit etwas Abstand zueinander verlegt wurden. Zu beiden Seiten ist je eine Liegebank aufgestellt. Mit ihren schräg nach hinten auslaufenden Rückenlehnen und ihren wellenartig geschwungenen Sitzflächen laden sie zum längeren Verweilen ein. Vor dem blauen Himmel stehen im Hintergrund verschiedene Bäume.
Waldfriedhof Oberschöneweide: Neue Gehölze, die Vögeln Nahrung bieten, insektenfreundliche Langgraswiesen und Stauden an einem Spazierweg.
Bild: Maria Reusrath

Auf dem knapp sechs Hektar großen Friedhof kommen unter anderem verschiedene Wildbienen, Grünfink, Grünspecht und viele andere Vögel, aber auch Reptilien wie Zauneidechse, Blindschleiche oder Ringelnatter vor. Das zeigten Bestandsaufnahmen, die in die Entscheidung über den Umgang mit Überhangsflächen eingeflossen sind. 2020 wurden insektenfreundliche Staudenbeete angelegt, Gehölze gepflanzt, die Vögeln Schutz und Nahrung bieten, Eidechsenhabitate mit Sonnenplätzen und unterirdischem Überwinterungsquartier eingerichtet. Ein Wildbienenhotel und ein Steingarten sollen folgen. Eine Besonderheit: Spontan gewachsene Baumsämlinge blieben teils erhalten oder wurden innerhalb des Friedhofs verpflanzt – als Beitrag zur genetischen Vielfalt. Liegebänke laden zur Naturbeobachtung ein.

Friedhöfe an der Hermannstraße

Bildvergrößerung: Im Halbschatten unter zwei Bäumen rasten eine mittelblonde und eine brünette Frau im Anita Berber Park. Sie sitzen abgewandt auf einem liegenden Baumstamm. Auf einer Wiese, die sich vor ihnen bis zu dichten dunkelgrünen Bäumen erstreckt, spitzt ein schwarz-brauner Pintscher seine Ohren. Im Vordergrund des Fotos liegen auf trockenem Erdboden zwei verwitterte Totholzblöcke.
Bäume und Totholz blieben im Anita Berber Park erhalten.
Bild: Christo Libuda / Henningsen Landschaftsarchitekten

An der Hermannstraße in Neukölln liegen mehrere Friedhöfe, die jetzt wieder zum Teil des Stadtlebens werden. Für ihre Zukunft setzt das Bezirksamt auf eine ausgewogene Mischung zwischen Erhalt als Grünfläche und künftigem Wohnungsneubau. Aus dem St.-Thomas-Friedhof ist bereits der Anita Berber Park geworden – als Grünverbindung zum Tempelhofer Feld. Ein Großteil des alten Baumbestands und selbst Totholz blieb erhalten. Auf dem St. Jacobi Friedhof geht Berlin neue, experimentelle Wege: Das Kollektiv des Prinzessinnengartens hat dort 2018 auf drei Hektar Hochbeete für den neuen Gemeinschaftsgarten Schillerraum angelegt. Ziel ist, den Friedhof langfristig als öffentliches Grün zu erhalten und ihn zum Lernort für nachhaltige Entwicklung zu machen.