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Nutztierrassen pflegen artenreiche Offenlandschaften

Dülmener Pferde im Arche-Park am Kienberg, Marzahn.
Dülmener Pferde im Arche-Park am Kienberg, Marzahn.
Bild: Lena Flamm

Bedeutung für den Erhalt urbaner Offenlandschaften und ihrer biologischen Vielfalt

Viele artenreiche Offenlandschaften sind in vorindustrieller Zeit durch Beweidung entstanden. Die Weidetiere haben durch ihr Verhalten die Flächen davor bewahrt zuzuwachsen und so Grünland oder Staudenfluren, Trockenrasen oder Feuchtwiesen geschaffen. Da sich durch die historischen Nutzungen viele dieser artenreichen Lebensräume erst entwickelt haben, können sie ohne gezielte Pflege nicht erhalten werden. Durch den natürlichen Verbiss der Weidetiere wird der Gehölzaufwuchs reduziert, sodass die Flächen nicht verbuschen.

Nicht nur durch die Intensität der Beweidung lässt sich steuern, welche Pflanzenarten und Strukturen gefördert werden. So können sich auf schwächer beweideten Flächen störungsempfindliche Arten besser entwickeln.

Pferde, Rinder und Schafe zeichnen sich auch durch ganz unterschiedliche Verhaltens- und Fressweisen aus. Diesen Effekt nennt man Multispezieseffekt. Je nach Landschaftstyp und Pflegeziel lassen sie sich unterschiedlich einsetzen. Ziegen und Schafe sind geeignete Landschaftspfleger für wertvolle Trockenrasenlandschaften. Robustrinder wie Schottische Hochlandrinder oder Galloways halten widrigen Witterungsbedingungen besser stand als andere Rinder und können sich auch an feuchtere Bereiche anpassen. Zwischen Beweidung, Landschafts- und Pflanzenentwicklung entstehen so positive Wechselwirkungen.

Das Comeback traditioneller Nutztierrassen und die Bewahrung ihrer genetischen Vielfalt

Historische Nutztierrassen ließen durch ihre Beweidung offene, artenreiche Kulturlandschaften in der vorindustriellen Zeit oftmals erst entstehen. Im Zuge der Mechanisierung der Landwirtschaft wurden sie nach und nach durch Maschinen und Hochleistungszüchtungen ersetzt. Heute besinnt man sich jedoch wieder zunehmend auf ihre Qualitäten. Alte Nutztierrassen verfügen über genetische Eigenschaften wie Langlebigkeit, Genügsamkeit, und Widerstandsfähigkeit, die sich besonders für die Weidehaltung in der offenen Naturlandschaft eignen. Der Erhalt der genetischen Vielfalt von Nutztieren und der biologischen Vielfalt in der Landschaft gehen in Berlin immer öfter Hand in Hand.

Der Arche-Park am Kienberg als Refugium für alte Haustierrassen

Der Arche-Park ist ein besonderes Refugium zur Erhaltung und Zucht gefährdeter Haustierrassen. Der Park wurde durch die Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen e.V. (GEH) zertifiziert. Ein weitläufiges Areal entlang der Wuhle wird durch Dülmener Pferde beweidet, im Juni 2020 sind erstmals Kühe des Roten Höhenviechs hinzugekommen. Durch ihren Einsatz soll einer weiteren Verbuschung entgegengewirkt werden, ein Mosaik verschiedener Lebensräume und damit eine Zunahme der Artenvielfalt etwa von Schmetterlingen, Heuschrecken und Bodenbrütern gefördert werden.

Erholung und Artenvielfalt im Waldweideprojekt Rieselfeldlandschaft Hobrechtsfelde

Bildvergrößerung: Beweidung mit Schottischen Hochlandrindern in der Waldweide Hobrechtsfelde im Bereich des NSG Karower Teiche.
Beweidung mit Schottischen Hochlandrindern in der Waldweide Hobrechtsfelde im Bereich des NSG Karower Teiche.
Bild: Holger Brandt

Das Waldweideprojekt Rieselfeldlandschaft Hobrechtsfelde im Naturpark Barnim hat zum Ziel auf rund 600 Hektar eine parkartige Halboffenlandschaft zu schaffen. Beweidung, Waldwirtschaft, Erholung und die Förderung biologischer Vielfalt werden hier miteinander kombiniert. Robustrinder wie Galloways, Schottische Hochlandrinder und Uckermärker aber auch Fjordpferde und Koniks kommen hier als Landschaftspfleger zum Einsatz. Auch die angrenzenden Feuchtwiesen der Lietzengrabenniederung werden wieder ganzjährig beweidet, um die vielfältigen Biotope wie Nasswiesen und Rohrglanzwiesen als Brut- und Rastgebiet für Wasservögel dauerhaft zu erhalten. Die Artenzahlen sind nachweisbar gestiegen. Es profitieren beispielsweise Reptilien, Amphibien, und Libellen ebenso wie Krick- und Löffelente, Braunkehlen, Raubwürger und andere gefährdete Vogelarten. Im Jahr 2019 wurde das Projekt in der UN-Dekade Biologische Vielfalt ausgezeichnet.

Schafe und Robustrinder im Landschaftspark Johannisthal, Adlershof

Die geschützten Trocken- und Magerrasen im Herzen des Landschaftsparks Johannisthal beherbergen eine Vielzahl an spezialisierten, licht- und wärmeliebenden Arten. Durch die Beweidung mit Schafen und Robustrindern werden die Wiesen offengehalten. Die Weidetiere fördern durch ihren Verbiss diejenigen Pflanzengesellschaften, die seltenen und gefährdeten Tier- und Pflanzenarten Lebensraum und Nahrung bieten. Durch einen umlaufenden Rundweg wird diese besonders artenreiche urbane Offenlandschaft für den Menschen erlebbar.

Sport und Naturschutz Hand in Hand zur Förderung der biologischen Vielfalt

Im Wilmersdorfer Stadion wird mit der Schafbeweidung der ehemaligen Tribünen eine innovative Form der Sportstättenpflege seit Frühjahr 2021 erprobt. Die Tiere dämmen dabei nicht nur den Gehölzaufwuchs ein, sondern ermöglichen gleichzeitig unmittelbare Naturerfahrungen im städtischen Raum.

Reitpferde als Landschaftspfleger in der Lichterfelder Weidelandschaft

Über die Zeit hat sich die weitläufige Weidelandschaft auf dem ehemaligen militärischen Übungsgelände „Parks Range“ zu einem Hotspot der Berliner Artenvielfalt entwickelt. Die positive Entwicklung des Gebietes wurde maßgeblich durch eine geschickte Kombination aus gelenkter Beweidung mit Reitpferden und manueller Pflege erreicht. Die vielgestaltige Landschaft aus Wiesen, Gebüschen und kleinen Wäldern beheimatet heute unzählige geschützte Pflanzenarten, Amphibien, Insekten und Brutvögel.

Mitmachen!

Entdecken Sie die Beweidungsprojekte und beobachten Sie die Tiere in Ihrem Lebensraum.
Besuchen Sie die Domäne Dahlem, die auf ihren Flächen zahlreiche Nutztiere hält, die zu den vom Aussterben bedrohten Rassen gehören.

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