Integrierte energetische Quartiersentwicklung

Hände stecken vier Puzzleteile zusammen

Die Konzeption und Umsetzung von Klimaschutz- und Klimaanpassungsmaßnahmen auf der Quartiersebene sind ein vielschichtiger Prozess, bei dem neben der Verwaltung eine Vielzahl von Akteuren eingebunden ist. Lokale Initiativen von Anwohnenden, aber auch Wohnungsbauunternehmen und Energieversorger haben vielfältige Möglichkeiten, die Entwicklung „ihrer“ Quartiere mitzugestalten oder auch eigene Projekte anzustoßen.
In vielen Berliner Quartieren wurden diese Möglichkeiten bereits genutzt und zukunftsfähige Konzepte für eine regenerative Strom- und Wärmeversorgung, energieeffiziente Gebäude, umweltfreundliche Mobilität und klimaresiliente Grünflächen entwickelt und umgesetzt.
Nachfolgend sind einige Informationen zusammengestellt, die insbesondere zivilgesellschaftlichen Akteuren helfen sollen, sich in die integrierte energetische Quartiersentwicklung einzubringen.

Was ist eigentlich ein Quartier?

Für den Begriff „Quartier“ gibt es keine einheitliche Definition. Hier ist damit ein Gebiet gemeint, das mehrere flächenmäßig zusammenhängende Gebäude einschließlich öffentlicher Infrastruktur umfasst. Die Größe kann unterschiedlich sein, in der Regel ist ein Quartier aber kleiner als ein Stadtteil.

Viele Quartiere haben bereits einen Namen und eine längere Tradition. Für die Menschen vor Ort ist das Wohnen in „ihrem“ Quartier häufig Teil ihrer Identität. Manchmal werden Quartiere aber auch von einer Verwaltung definiert, weil sich komplexe Prozesse wie die Energiewende in einem überschaubaren Gebiet besser steuern lassen.

Quartiere werden von vielen unterschiedlichen Faktoren geprägt. Neben physischen Gegebenheiten wie Siedlungsstruktur, vorhandener Energieinfrastruktur und dem Zustand der Gebäude spielen auch soziale Faktoren wie Eigentumsverhältnisse und Demographie eine Rolle. Aber auch die sozialen Beziehungen der Menschen, die vor Ort leben, machen ein Quartier aus und ermöglichen gemeinsame Projekte.

Durch Zusammenspiel all dieser Faktoren ist jedes Quartier besonders. Gerade in Berlin ist die Vielfalt sehr groß und reicht von Gründerzeitquartieren über plattenbaugeprägte Großwohnsiedlungen bis hin zu Einfamilienhaussiedlungen. Deshalb kann es für die energetische Quartiersentwicklung kein „Patentrezept“ geben. Für jedes Quartier müssen passende Lösungen unter Berücksichtigung der lokalen Eigenheiten sowie der beteiligten Akteurinnen und Akteure gefunden werden.

Integrierter Ansatz für klimafreundliche Quartiere

Auch wenn Ausgangsbedingungen und Ergebnisse für jedes Quartier individuell sind, gibt es für die energetische Quartiersentwicklung einige verbindende Ziele:

  • Gebäude mit möglichst niedrigem Energieverbrauch
  • Strom- und Wärmeversorgung auf Basis erneuerbarer Energien
  • umweltfreundliche Mobilität
  • Anpassung des Quartiers an die Folgen des Klimawandels wie größere Sommerhitze oder stärkere Niederschläge.

Um die Umsetzung dieser Ziele voranzubringen, ist es wichtig, nicht jeden Einzelaspekt isoliert zu betrachten, sondern einen integrierten Ansatz zu verfolgen. Ziel ist es, das Quartier als Gesamtsystem zu betrachten und die Interessen von Betroffenen so gut wie möglich abzuwägen.

Eine integrierte Betrachtung ermöglicht häufig Synergieeffekte: energetisch sanierte Gebäude erleichtern zum Beispiel durch ihren geringeren Energiebedarf die Versorgung mit erneuerbaren Energien. In anderen Fällen müssen aber verschiedene Ziele miteinander abgewogen und Kompromisse gefunden werden.

  • Energieeffizienz von Gebäuden
    Haus mit Energie-Effizienz-Diagramm

    Gebäude sind in den meisten Quartieren für den größten Teil des Wärme- und Strombedarfs verantwortlich. Daher spielen sie in den Klimaschutzstrategien auf Bundes- und Landesebene eine besonders wichtige Rolle und die Gebäudeenergieeffizienz ist Gegenstand zahlreicher gesetzlicher Regelungen und Förderprogramme.

    Die gesetzlichen Mindestanforderungen für den Neubau oder die Sanierung von Gebäuden regelt das Gebäudeenergiegesetz (GEG). Um das Ziel der Klimaneutralität zu erreichen, sind jedoch in vielen Fällen Maßnahmen notwendig, die über gesetzliche Anforderungen hinausgehen – deren Umsetzung wird über verschiedene Fördermöglichkeiten auf Bundes- und Landesebene unterstützt.

    Hier haben insbesondere die Gebäudeeigentümerinnen und -eigentümer vor Ort einen großen Handlungsspielraum, um zur Entwicklung eines klimafreundlichen Quartiers beizutragen.

    Eine kostenlose Erstberatung rund um das Thema nachhaltiges Bauen und Sanieren und die entsprechenden Fördermöglichkeiten bietet das BAUinfo Berlin.

  • Wärme- und Kälteversorgung
    Fernwärmerohre

    Um Klimaneutralität zu erreichen, gilt es, neben der Verbesserung der Gebäudeenergieeffizienz, den Energiebedarf der Gebäude mittels erneuerbarer Energie zu decken.

    Anhand der Voraussetzungen in einem Quartier können Fachleute einschätzen, ob eine dezentrale oder eine zentrale Wärmeversorgung sinnvoll ist. Im Fall einer dezentralen Versorgung wird jedes Gebäude individuell mit Wärme versorgt (zum Beispiel mit einer Luftwärmepumpe).

    Wenn ein Quartier für eine zentrale Versorgung geeignet ist, kann diese über ein Wärmenetz erfolgen. Zu den Umsetzungsmöglichkeiten von Nahwärmenetzen finden Sie umfangreiche Informationen in dem Online-Handbuch der Servicestelle.

    Zusätzlich zum Wärmebedarf sollte bei der Konzeptentwicklung für ein Quartier auch geprüft werden, inwiefern aktuell oder in Zukunft ein Bedarf an Kälte besteht. Dies kann zum Beispiel im Gewerbe der Fall sein, aber auch zur Gebäudekühlung, etwa wenn vulnerable Bevölkerungsgruppen vor Sommerhitze geschützt werden müssen (zum Beispiel in Seniorenresidenzen). Mit geeigneten technischen Konzepten – etwa einem Kalten Nahwärmenetz – können sowohl Wärme- als auch Kältebedarfe adressiert werden.

  • Stromversorgung und Sektorenkopplung
    Inspektion eine Solaranlage auf einem Schuldach

    Strom spielt eine besondere Rolle für die Energiewende, weil er aufgrund seiner Speicherfähigkeit im Vergleich mit anderen Formen der Energie besonders flexibel und vielseitig eingesetzt werden kann und dadurch Sektorenkopplung ermöglicht. Er wird im Rahmen der Energiewende nicht mehr nur für „klassische“ Anwendungen wie etwa Beleuchtung benötigt, sondern auch für die Wärmeversorgung (z.B. Wärmepumpen) und im Mobilitätssektor (Laden von Elektrofahrzeugen).

    Für das Erreichen der Klimaschutzziele ist die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien entscheidend. In Stadtquartieren ist die Photovoltaik (Stromerzeugung mit Sonnenenergie) die wichtigste Möglichkeit der regenerativen Stromerzeugung. In Berlin gibt es in vielen Quartieren noch ein großes Potenzial geeigneter Dachflächen. Unter bestimmten Voraussetzungen können auch Fassaden sowie Balkone zur Stromerzeugung mit Solarmodulen nutzbar gemacht werden. Zu den Möglichkeiten der Erzeugung von Solarstrom bietet das SolarZentrum Berlin umfassende Beratung.

    Im Rahmen einer klimafreundlichen Quartiersentwicklung ist es auch sinnvoll, Einsparpotenziale auf der Verbrauchsseite zu prüfen. Durch Effizienzmaßnahmen wie beispielsweise die Umstellung der Straßenbeleuchtung auf LED kann der Strombedarf zum Teil deutlich gesenkt werden.

    Darüber hinaus bieten Quartiere viele Möglichkeiten, eine gemeinsame Stromerzeugung für lokale Verbraucher zu realisieren, etwa über Mieterstrom- oder Quartierstromkonzepte. Auch ein Zusammenschluss unterschiedlicher Akteure zu einer Energiegemeinschaft ist denkbar. Informationen und Hinweise dazu bietet die Informationsplattform Erneuerbare-Energie-Gemeinschaften.

  • Mobilität
    Gelbe Straßenbahn in Berlin, nahe des Roten Rathauses am Alexanderplatz.

    Im Rahmen von energetischen Quartierskonzepten können auch Maßnahmen einer klimafreundlichen Quartiersmobilität adressiert werden. Zentrale Elemente sind hier die Verkehrsvermeidung – etwa durch Konzepte der Nutzungs- und Funktionsmischung im Sinne einer „Stadt der kurzen Wege“, die Verlagerung auf umweltfreundliche Mobilitätsformen sowie die Umstellung auf nicht-fossile Antriebe (in der Regel Elektrofahrzeuge).

    Vor allem in innenstädtischen Quartieren gibt es eine Tendenz zu weniger Autobesitz und Individualverkehr. Konzepte für die integrierte energetische Quartiersentwicklung können daher auch die Machbarkeit des Ausbaus von Car-Sharing-Angeboten untersuchen.

    Hinsichtlich der Umstellung auf nicht-fossile Antriebe ist die lokal verfügbare Ladeinfrastruktur ein Schlüsselfaktor. Zu Themen rund um den Ausbau der Elektromobilität berät die Berliner Landesagentur eMO.

  • Stadtgrün
    Park im Sommer

    Grünflächen in Quartieren erfüllen zahlreiche Funktionen: Sie sind Lebensraum für Pflanzen und Tiere und dienen Anwohnenden zur Naherholung und als Begegnungsraum. Zudem prägen sie das Mikroklima durch Schatten, Verdunstungskühlung, Frisch- und Kaltluftschneisen.

    Daher haben sie eine große Bedeutung für die Anpassung an nicht mehr vermeidbare Klimawandelfolgen. Sie unterstützen die Kühlung im Sommer und tragen auch dazu bei, die Folgen von Starkregenereignissen abzumildern.

    Konzepte zur Klimaanpassung von Quartieren sollten insbesondere auch den Bedarf berücksichtigen, bestehende Grünflächen klimaresilient zu gestalten, beispielsweise durch die Auswahl von Baumarten, die trockenere und heißere Sommer verkraften.

    Insgesamt benötigen viele Quartiere perspektivisch mehr Grün sowie eine bessere Vernetzung vorhandener Grünflächen. Neben Freiflächen und Straßenbäumen sind dabei auch Fassaden- und Dachbegrünung von Bedeutung.

    Zu den Möglichkeiten der Gebäudebegrünung und Regenwassernutzung in Quartieren sowie zu Fördermöglichkeiten für entsprechende Maßnahmen berät die Berliner Regenwasseragentur.

  • Querschnittsthema Digitalisierung
    Programmierung Software-Entwickler arbeiten mit Augmented-Reality-Armaturenbrett Computer-Ikonen des Gedränges agile Entwicklung und Code-Gabel und Versionierung mit reagierenden cybersecurity. Businesshand arbeiten mit Laptop-Computer.

    Die Umsetzung von Klimaschutzmaßnahmen auf der Quartiersebene geht häufig mit einer technischen Modernisierung und Digitalisierung einher. Beispiele aus Berlin sind unter Smart City Projekte zu finden.

    Technologien wie Smart Meter, Smart Grids und digitale Steuerungstechnik in Gebäuden können dazu beitragen, den Energieverbrauch durch bedarfsgerechte Steuerung zu senken. Digitale Verbraucherinformationen können auch zu sparsamerem Verbrauchsverhalten beitragen.

    Auch im Bereich der Mobilität können durch Digitalisierung Einsparpotenziale erschlossen werden, zum Beispiel durch die Lenkung und Vermeidung von Verkehrsströmen.

    In Forschungsprojekten werden zunehmend auch die Anwendungsmöglichkeiten künstlicher Intelligenz für die Umsetzung der Energiewende untersucht – beispielsweise in EnergyMap Berlin.

    Wie viel Digitalisierung im Rahmen einer energetischen Quartiersentwicklung notwendig und erwünscht ist, sollte stets mit den betroffenen Akteurinnen und Akteuren vor Ort abgewogen werden. In jedem Fall ist es sinnvoll, mögliche Synergien mit anderen Maßnahmen zu prüfen. Beispielsweise können bei Arbeiten an Wärme- oder Stromleitungen möglicherweise auch Glasfaserkabel mitverlegt werden – oder zumindest Leerrohre, die später die Umsetzung digitaler Lösungsansätze vereinfachen.

    Richtlinien für Digitalisierungslösungen, die hohen Standards gerecht werden, bietet die Smart City Charta der Nationalen Dialogplattform Smart Cities.

  • Vernetzung im Quartier
    Verschiedene Menschen sitzen im Stuhlkreis zusammen

    Vernetzung, Austausch und Beteiligung von relevanten lokalen Akteurinnen und Akteuren sind ausschlaggebend für den Erfolg der Energiewende im Quartier. Vorhandene Strukturen wie Vereine, Quartiersräte oder Nachbarschaftsinitiativen bieten häufig eine gute Ausgangsbasis, um einen Dialog in Gang zu bringen und andere zur Mitwirkung zu bewegen.

    Wo eine solche Struktur noch nicht vorhanden ist, kann es sinnvoll sein, den Fokus zuerst auf die soziale Vernetzung im Quartier zu legen. Denn eine transparente Kommunikation gegenüber Betroffenen und die Möglichkeit, das eigene Quartier mitzugestalten, sind entscheidend für die Akzeptanz der Maßnahmen.

Kontakt

Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt
Referat Klimaschutz und Klimaanpassung

Larissa Euteneuer