Natur + Grün  

 

Straßen- und Parkbäume

Die Geschichte der Maulbeerbäume in Berlin


Historische Fotografie: Dorfkern Alt-Zehlendorf; Abbildung: aus dem Ausstellungskatalog 'Am seidenen Faden'
Abbildung: aus dem Ausstellungskatalog "Am seidenen Faden"

An der Potsdamer Straße Ecke Clay-Allee im Bezirk Steglitz-Zehlendorf steht die kleine Dorfkirche von Alt-Zehlendorf, erbaut im Jahre 1768. Gleich nebenan befindet sich der alte Dorffriedhof, auf dem drei urige Gestalten zu finden sind: über 200 Jahre alte Weiße Maulbeerbäume (Morus alba). Sie wurden bereits 1940 zu Naturdenkmälern erklärt. Gepflanzt wurden sie Ende des 18. Jahrhunderts von Ferdinand Ernst Schäde (1772-1861), der Lehrer der Dorfschule Zehlendorf war und im Nebenerwerb Seide produzierte.

In Japan und China wird der Weiße Maulbeerbaum seit Jahrtausenden angepflanzt und für die Seidenproduktion genutzt. Im Mittelalter gelangten die ersten Weißen Maulbeerbäume nach Italien und wurden schließlich seit 1663 auch in Brandenburg kultiviert.

Der großflächige Anbau von Weißen Maulbeerbäumen mit dem Ziel der Produktion von Seide wurde von französischen Hugenotten, die nach dem Dreißigjährigen Krieg vom Kurfürsten Friedrich Wilhelm (1620-1688) nach Preußen geholt wurden, eingeführt. Der Kurfürst förderte die Anpflanzung von Weißen Maulbeerbäumen in den Städten sowie insbesondere an Kirchen und auf Dorfplätzen. Friedrich-Wilhelm I (1688-1740) hat schließlich die Seidenproduktion in Europa durchsetzen wollen und forderte die Bevölkerung zur Pflanzung von Maulbeerbäumen auf. Bis Ende des 17. Jahrhunderts entstanden viele kleinere Plantagen und Hecken aus Maulbeerbäumen in und um Berlin. Im Nebenerwerb sollten Bauern, Lehrer und Arbeiter Seide produzieren, um das Abfließen von Devisen aus Preußen zu verhindern.

Die systematische Förderung begann allerdings erst unter Friedrich II. (1712-1786) im 18. Jahrhundert mit einer Reihe von Maßnahmen, wie dem Anwerben von ausländischen Experten, staatlichen Preisgarantien und der Abgabe von kostenlosen Samen der Bäume sowie Eiern des Seidenspinners. Durch Weiterbildungen, finanzielle Starthilfen und Prämien wurde die Bevölkerung motiviert, sich an der Seidenproduktion zu beteiligen. Jeder sollte etwa ein bis zwei Pfund Seide pro Jahr produzieren.

1784 erreichte die Produktion von Seide in Preußen ihren Höhepunkt. Es wurden 13.432 Pfund Rohseide produziert, die damals einen Wert von 54.000 Talern hatten. Das entsprach etwa 5% des damaligen Seidenimports und zeigt die wirtschaftliche Randbedeutung dieses Wirtschaftszweiges, der dennoch hoch subventioniert war. Die Bevölkerung pflanzte zwar die Bäume an, wehrte sich aber gegen die Raupenzucht. Es fehlte an Fachkenntnis und Zeit für den Umgang mit den Tieren. Immerhin waren etwa 200 Arbeitsstunden für 20.000 Raupen notwendig. Nach dem Tode Friedrichs II. im Jahre 1786 und dem damit verbundenen Ende der Förderung der Seidenproduktion brach dieser Industriezweig zusammen.

Die zweite Phase intensiver Seidenproduktion in Berlin begann im 19. Jahrhundert. Nur noch wenige begeisterte Hobby-Anbauer beschäftigten sich mit der Produktion von Seide und retteten dieses Handwerk in die nächste Ära. Ab den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts wurde wieder intensiver Seide in Brandenburg produziert. Eng verbunden mit diesem Aufschwung ist der Steglitzer Unternehmer und Seidenhändler Johann Adolf Heese (1783-1862). Ab 1840 legte er in Steglitz eine eigene Maulbeerplantage an und errichtete die zur Produktion der Seide nötigen Gebäude. Die Plantage lag rund um den heutigen Althoffplatz. In guten Jahren wurden hier bis zu 750 kg Seide produziert. Nachdem Heese im Jahre 1862 verstarb, erlangte die Seidenproduktion im 20. Jahrhundert nur noch während und zwischen den beiden Weltkriegen aufgrund der Rohstoffknappheit für kurze Zeit einige Bedeutung.

300 Jahre Seidenproduktion in Berlin und Brandenburg haben zu keiner Zeit zu dem erhofften Erfolg geführt. Dennoch ist die Seidenproduktion eng mit der Entwicklung einiger Berliner Bezirke verbunden. Sie brachte mit den Förderungen und den ausländischen Experten auch neue Ideen und Aufschwung in die Gemeinden.

Literatur:
Heimatverein Zehlendorf, Am Seidenen Faden Katalog zur Ausstellung
Vieth, Harald Bemerkenswerte Bäume in Berlin und Potsdam

Ferdinand Ernst Schäde
Ferdinand Ernst Schäde
(1772-1861)

Kurfürst Friedrich Wilhelm
Kurfürst Friedrich Wilhelm (1620-1688)

König Friedrich II.
König Friedrich II. von Preußen (1712-1786)

Johann A. Heese
Johann Adolf Heese (1783-1862)

historische Darstellung eines Maulbeerbaumes

Abbildungen: aus dem
Ausstellungskatalog
"Am seidenen Faden"