Weitere Stimmen zur Lärmaktionsplanung

Neben den Hintergrundinfos zu bereits umgesetzten Maßnahmen und der Lärmkartierung haben wir Interviews mit wichtigen Akteuren der Lärmaktionsplanung geführt. Lesen Sie hier, was die BVG, die Deutsche Bahn, das UBA, der Arbeitsring Lärm der DEGA sowie die ASPHALTA GmbH zum Thema Lärmminderung sagen.

Die BVG zum Thema Kurvenquietschen und Lärmreduzierung

Rico Gast
Bild: Maria Covelo-Boente

Was unternimmt die BVG als Betreiberin der Straßenbahn in Berlin zum Lärmschutz? Antworten gibt Rico Gast von der BVG:

Bei der letzten LAP Berlin wurde insbesondere das Kurvenquietschen bei der Straßenbahn als Lärmproblem genannt. Fahren die Straßenbahnen heute leiser durch die Kurven?
Ja, es ist leiser geworden. Wir haben die letzte LAP Berlin als Chance begriffen, den wichtigsten Kritikpunkten schnell und wirksam zu begegnen. Daher wurde gründlich analysiert, wo genau das Quietschen in den Kurven seine Ursache hat und haben gezielt dort Lösungen angesetzt. Wir konnten seither die Laufflächen der Räder so bearbeiten, dass sich die Reibungsenergie nicht mehr in Schall umwandelt. Die Nachrüstung an allen Fahrzeugen ist wegen der komplexen Technologie sehr aufwendig, so dass noch etwas Zeit vergehen wird, bis alle Fahrzeuge leiser sind. Die neuesten Flexity-Fahrzeuge werden aber bereits mit dieser lärmreduzierenden Technik an uns geliefert.

Welche Maßnahmen zur Lärmreduzierung der Berliner Straßenbahn haben Sie generell vorangetrieben?
Wir haben bereits viele verschiedene Maßnahmen zur Lärmreduzierung ergriffen, und zwar an den Fahrzeugen selbst, beim Bau neuer Gleise und bei der Gleispflege. Manche Maßnahmen waren relativ simpel, so schalten wir grundsätzlich an den Endhaltestellen die auf dem Dach befindlichen Klimaanlagen ab. Andere dafür umso aufwändiger, zum Beispiel haben wir an allen Fahrzeugen der Baureihe GT6 die Getriebe saniert. Im Berliner Straßenbahnnetz haben wir vergleichsweise viele Weichen und Kreuzungen, an denen beim Überfahren der meiste Lärm entsteht. Daher haben wir das Radprofil unserer Fahrzeuge so angepasst, dass das möglichst geräuscharm passiert. Außerdem haben wir an den Gleisen Messstellen eingebaut, an denen künftig bereits im Netz erkannt wird, welche Fahrzeuge zu viel Lärm erzeugen und gewartet werden müssen. Beim Einbau neuer Gleise wird darauf geachtet, dass enge Kurven, an denen viel Lärm entsteht, vermieden werden, und es werden geräuschreduzierende, sogenannte Grüne Gleise eingebaut. Darüber hinaus gibt es bereits 72 Schienenschmieranlagen, die das Kurvenquietschen vermindern, alle unserer Weichen werden zweimal in der Woche inspiziert und alle anderen Gleisanlagen alle sechs Wochen. Ich könnte noch weiter aufzählen… Sie sehen, wir sind fleißig dabei, leiser zu werden.

Mit Blick auf die nächsten fünf bis zehn Jahre: Wo erwarten Sie, dass die Berliner Straßenbahnen leiser werden?
Zunächst einmal: Die Straßenbahn wird in Berlin in den nächsten Jahren umfangreich ausgebaut. Dabei soll sie auch ständig an Qualität gewinnen und die Minderung der Geräusche ist vor allem für die direkten Anwohner eine wesentliche Qualität. Es liegt daher in unserem ureigenen Interesse, hier ständig besser zu werden. Daher werden wir die oben aufgezählten Maßnahmen weiter vorantreiben. Wir arbeiten zudem sehr eng mit den zuständigen Senatsstellen zusammen. Baugenehmigungen und Freigaben neuer Strecken liegen zum Beispiel auch in der Mitverantwortung der TAB, also der Technischen Aufsichtsbehörde. Hier wird nach dem aktuellen Stand der Technik alles gefordert und vieles angewendet, um Lärm erst gar nicht entstehen zu lassen. Aber auch auf den bestehenden Strecken entwickeln wir eine Strategie, wie es immer leiser werden kann. Neben den Maßnahmen, die ich bereits erwähnte, arbeiten wir zum Beispiel mit einem Fristenplan, nach dem die Strecken regelmäßig gewartet werden.

Was wünschen Sie sich von der Berliner Politik und Verwaltung um Berlin zukünftig „leiser zu machen“?
Die vielen Maßnahmen kosten natürlich auch Geld. Hier gibt es ein sehr gutes, gemeinsames Verständnis über Möglichkeiten und realistisch umsetzbare Ziele. Auf dieser partnerschaftlichen Basis wollen wir noch intensiver mit dem Senat zusammenarbeiten. Gemeinsam wollen wir auch neue Technologien entwickeln. Neben den Förderprogrammen des Senates wünschen wir uns hier eine noch engere Zusammenarbeit mit den fachlich versierten Instituten. Denn wir sind uns sicher, dass eine gezielte Forschung in diesem spannenden Spezialgebiet nachhaltig die Straßenbahnen leiser macht. Sie sollte deshalb konkret gefördert werden.

Die Deutsche Bahn zum Thema S-Bahn-Lärm

Portrait Peter Buchner
Bild: Max Lautenschläger

Die Deutsche Bahn wurde zum Lärm durch die S-Bahn und Maßnahmen zur Lärmreduzierung befragt. Lesen Sie hier, was Peter Buchner geantwortet hat:

Bei der letzten LAP Berlin wurden insbesondere laute S-Bahn-Fahrzeuge als Lärmproblem genannt. Sind die S-Bahnen heute leiser geworden? Welche Maßnahmen zur Lärmreduzierung der Berliner S-Bahn haben Sie generell vorangetrieben?
Nach unserer Beobachtung wurden vor allem die S-Bahn-Fahrzeuge der Baureihe 480 als laut wahrgenommen. Grund dafür waren Verschleißerscheinungen an den Antriebseinheiten dieser Fahrzeuge. Die S-Bahn Berlin hat daher im Rahmen des Ertüchtigungsprogramms für den Weiterbetrieb der Fahrzeuge der Baureihe 480 seit 2016 an allen Fahrzeugen der Baureihe 480 die Getriebe und Radsatzlager erneuert. Insbesondere die Erneuerung der Radsatzgetriebe hat zu einer deutlich abgesenkten Geräuschentwicklung während der Fahrt geführt. Die Maßnahme ist an allen 70 Viertelzügen dieser Baureihe umgesetzt. Die Baureihe 481 ist im Betrieb ein ohnehin relativ leises Fahrzeug. Dennoch wurde in den Jahren 2004 bis 2007 in Zusammenarbeit mit der Technischen Universität Berlin untersucht, ob und wenn ja wie die Fahrgeräusche dieser Baureihe weiter verringert werden können. Als einzig gangbarer Weg wurden Veränderungen an den Drehgestellen und Radsätzen identifiziert. Nach den Ereignissen im Jahr 2009 (Radscheibenbruch etc.) wurden umfangreiche Untersuchungen zu Festigkeiten an den Drehgestellen und Radsätzen durchgeführt. Diese haben ergeben, dass die zu einer Geräuschminderung notwendigen Maßnahmen konstruktiv als nicht (mehr) zulässig angesehen werden müssen. Daher können diese Maßnahmen nicht weiterverfolgt werden.

Mit Blick auf die nächsten fünf bis zehn Jahre: Wo erwarten Sie, dass die Berliner S-Bahn leiser wird?
Im Rahmen der Vergabe des Verkehrsvertrages für das Teilnetz Ring (Linien S41, S42, S46, S47 und S8) für die Zeit von 2021 bis 2035 beschaffen wir Neufahrzeuge. Bei diesen wurde schon seitens der Länder als Besteller der Verkehrsleistung größter Wert auf eine lärmarme Konstruktion gelegt. Die Fahrzeuge werden teilweise sogar die strengen Vorgaben der TSI Noise übererfüllen. Ab 2021 werden sie in den Fahrgastbetrieb gehen und vor allem die alte Reichsbahn-Baureihe 485 ablösen. Mit der Einflottung dieser neuen S-Bahn-Fahrzeuge und der Ausflottung der alten S-Bahn-Fahrzeuge der BR 485 wird die Berliner S-Bahn im genannten Zeitraum deutlich leiser werden.

Was wünschen Sie sich von der Berliner Politik und Verwaltung um Berlin zukünftig „leiser zu machen“?
Es ist zu erwarten, dass die Länder Berlin und Brandenburg auch in Zukunft für die Beschaffung von neuen S-Bahn-Fahrzeugen für die Berliner S-Bahn anspruchsvolle Vorgaben zur lärmarmen konstruktiven Gestaltung der Neufahrzeuge definieren werden. Wir sind zuversichtlich, dass damit ein Beitrag geleistet wird, um Berlin zukünftig „leiser zu machen“.

Das Umweltbundesamt zum Stand der Lärmaktionsplanungen in Deutschland

Portrait Matthias Hintzsche
Bild: privat

Das Umweltbundesamt gibt Auskunft zum Lärmaktionsplan. Matthias Hintzsche aus dem Bereich “Lärmminderung bei Anlagen und Produkten, Lärmwirkungen” hat die Fragen beantwortet:

Das Umweltbundesamt verfolgt den Stand der Lärmaktionsplanungen in Deutschland von Beginn an. Was ist Ihre Einschätzung – tragen die Lärmaktionsplanungen zu einer Lärmminderung bei?
Mit der EU-Umgebungslärmrichtlinie gibt es europaweit erstmalig ein Instrument zur flächenhaften Erfassung der Lärmbelastungen der Bevölkerung durch die wesentlichen Verursacher. Straßen-, Schienen- und Luftverkehr stehen dabei im Fokus. Mit der Lärmaktionsplanung sollen, unter breiter Mitwirkung der Öffentlichkeit, Maßnahmen zur Lärmminderung geplant und umgesetzt werden. Neben kurzfristigen Maßnahmen für einzelne Lärmschwerpunkte (beispielsweise lärmmindernde Fahrbahnbeläge oder Geschwindigkeitsbeschränkungen) werden in Lärmaktionsplänen auch langfristige Strategien zur Lärmminderung entwickelt. Dies können zum Beispiel die Stärkung des öffentlichen Personennahverkehrs oder die Planung von neuen lärmarmen Straßen sowie Stadtquartieren sein.
Lärmaktionspläne tragen mit einer Überprüfung der gegenwärtigen Lärmsituation, der Neu- und Weiterentwicklung von Minderungsmaßnahmen und einer Verankerung der Lärmminderung bei allen städtischen Planungen zu einer dauerhaften Verbesserung bei der Lärmminderung bei.
Darüber hinaus sollen schützenswert ruhige Gebiete vor einer Verlärmung bewahrt werden. Damit kann auch für laute Bereiche in der Stadt ein gewisser Ausgleich und Rückzugsmöglichkeiten zur Erholung in Parks und Grünanlagen sichergestellt werden.

Gibt es Trends, die sich abzeichnen? Welche Maßnahmen zur Lärmminderung setzen sich durch, welche neuen Maßnahmen sind in den letzten Jahren dazu gekommen?
In den bisherigen Lärmaktionsplänen der Kommunen liegt ein wesentlicher Schwerpunkt auf den kurzfristig wirksamen Maßnahmen. Dies sind zum einen städtische Geschwindigkeitskonzepte für den Straßenverkehr. Niedrigere Geschwindigkeiten bedeuten nicht nur weniger Lärm, sondern auch geringere Belastungen durch Luftschadstoffe und weniger Unfälle. Damit wird das Wohnumfeld insgesamt attraktiver.
Auch die Entwicklungen bei lärmmindernden Fahrbahnbelägen sind positiv. Mittlerweile stehen für alle Verkehrssituationen geeignete Straßenoberflächen zur Verfügung, die leiser sind als Standardbeläge. Hier sind auch zukünftig noch weitere Minderungspotenziale zu erwarten.
Infolge der aktuellen Diskussionen um die Luftreinhaltung kommt der Elektromobilität zunehmend Bedeutung zu. Insbesondere Kommunalfahrzeuge, wie beispielsweise Müllsammelfahrzeuge und Busse sind mit Elektroantrieb wesentlich leiser unterwegs.

Was wünschen Sie sich von der Bundespolitik, damit Kommunen in der Lärmaktionsplanung aktiver handeln können um Berlin zukünftig leiser zu machen?
Garant für eine dauerhafte Lärmminderung ist eine Verstetigung der Lärmaktionsplanung. Neben dem „Mitdenken“ der Lärmminderung bei allen Planprozessen in den Kommunen, ist auch eine dauerhafte eigene Finanzierung von Lärmminderungsmaßnahmen hilfreich. Hier sind weiterhin neben den Kommunen auch die Bundesländer und der Bund aufgerufen, notwendige Gelder für den Lärmschutz zur Verfügung zu stellen.

Der Arbeitsring Lärm der DEGA zum Lärmaktionsplan

Michael Jäcker-Cüppers
Bild: privat

Michael Jäcker-Cüppers, der Vorsitzende des Arbeitsring Lärm der DEGA, hat mit uns über die Wirkkraft der Lärmaktionsplanung in Deutschland gesprochen:

Der Arbeitsring Lärm in der Deutschen Gesellschaft für Akustik setzt sich dafür ein, den Lärmschutz in Deutschland zu verbessern. Was ist Ihre Einschätzung – tragen die Lärmaktionsplanungen zu mehr Lärmschutz bei?

Durchaus! Die bei der Lärmaktionsplanung vorgeschriebene Beteiligung der Öffentlichkeit hat zu einer deutlichen Steigerung des Problembewusstseins in Fragen des Lärms geführt, was ja die Voraussetzung für ambitioniertes Handeln ist.
Die Lärmaktionsplanung ist als systematischer und kontinuierlicher Prozess angelegt, sie verpflichtet die Politik zum Handeln und verlangt alle fünf Jahre eine Bestandsaufnahme sowie eine Fortschreibung. Es kann also sehr gut verfolgt werden, inwieweit es den Kommunen gelingt, schädliche Umwelteinwirkungen durch Geräusche abzubauen,

Konkret ist der Straßenverkehr – Berlins dominierende Lärmquelle – durch die Lärmaktionsplanung in Berlin leiser geworden, bewirkt z. B. durch die Einführung von Tempo 30 auf Hauptverkehrsstraßen in der Nacht, den Einbau leiserer Straßendecken und die Umgestaltung des Straßenraums zugunsten des Radverkehrs. Allerdings ist der Fortschritt zu langsam: Bei gleichbleibendem Minderungstempo würden gesundheitsrelevante Belastungen erst kurz vor Mitte des Jahrhunderts abgebaut sein.

Welche Möglichkeiten sehen Sie, die in Berlin von Lärm Betroffenen vor belästigendem und die Gesundheit gefährdendem Lärm zu schützen? Wie kann ein guter Umgang mit den Themen Lärm und Ruhe in Berlin gelingen?

Der Verkehrslärm als Hauptgegenstand der Lärmaktionsplanung ist an manchen Trassen so hoch, dass eine einzelne Maßnahme zum Abbau der Belastungen nicht ausreicht. Vielmehr ist oft ein Bündel aufeinander abgestimmter Maßnahmen erforderlich. Die Belastungen sind dabei vorrangig durch Verkehrsvermeidung, gefolgt von der Verlagerung auf leisere Verkehrsmittel, drittens durch die Reduktion der Geräuschemissionen der Fahrzeuge und schließlich durch Maßnahmen auf dem Ausbreitungsweg wie Lärmschutzwände zu mindern. Verkehrsvermeidung durch eine Stadt der kurzen Wege und die Förderung von Fuß- und Radverkehr (auch für die Lastenfahrten) ist gleichermaßen für die Luftreinhaltung und den Klimaschutz gewinnbringend. Die Verlagerung des motorisierten Individualverkehrs auf leise Busse und Bahnen trägt zur Minderung des Verkehrslärms bei. Die Geräuschemissionen des motorisierten Verkehrs schließlich können durch Ausschöpfung der technischen Minderungsmaßnahmen wie leise Fahrbahndecken und durch Geschwindigkeitsreduktion gemindert werden.
Bürgerinnen und Bürger der Stadt können aktiv zum Lärmschutz beitragen, indem sie ihre motorisierten Fahrten reduzieren, die aus Gründen des Lärmschutzes eingeführten Geschwindigkeitsbegrenzungen beachten und niedertourig fahren. Ein bewusster Umgang mit Ressourcen trägt zur Vermeidung des Güterverkehrs bei.
Der gute Umgang mit den Themen Lärm und Ruhe setzt eine breite gesellschaftliche Diskussion voraus. Bürgerinnen und Bürger können am besten zur Identifizierung ruhiger wohnungsnaher Orte beitragen, die aktuelle Onlinebefragung ermöglicht dies dankenswerterweise.

Was wünschen Sie sich von der Berliner Politik und Verwaltung, um Berlin zukünftig „leiser zu machen“?

Das Land Berlin sollte Vorreiter beim Lärmschutz durch die Beschaffung von möglichst leisen Fahrzeugen, Geräten und Maschinen für die Verwaltung und die landeseigenen Betriebe sein. Konsequente Elektrifizierung ist nicht nur ein Beitrag zum Klimaschutz.

Es sollten vermehrt Landesmittel für eine Beschleunigung der Lärmaktionsplanung eingesetzt werden.

Die Daten der Lärmkartierung zeigen, dass die nächtlichen Belastungen besonders problematisch sind. Vorrang der Lärmaktionsplanung sollte deshalb für Wohnungen bestehen, die nicht über eine Fassade verfügen, wo es deutlich leiser ist und Schlafräume eingerichtet werden können.

Das Land sollte einen integrierten Ansatz in der Lärmbekämpfung verfolgen. Die Bevölkerung wird ja neben dem Verkehr von einer Vielzahl von Quellen beeinträchtigt. Die Berlinerinnen und Berliner beklagen sich zunehmend über den Lärm von Freizeitereignissen und Gaststätten, auch Baulärm und Gartengeräte werden als störend genannt. Wir brauchen die hochrangige Selbstverpflichtung der Politik für ein Konzept zur Minderung des Gesamtlärms. Tourismuswerbung, die das Signal vermittelt, dass in Berlin rund um die Uhr „alles geht“, sollte vermieden werden.

Wie schwierig allerdings die Lärmschutzpolitik angesichts der Verflechtung der verschiedenen Politikfelder ist, zeigt sich beim städtebaulichen Leitbild der „Stadt der kurzen Wege“: Das Fehlen bezahlbaren Wohnraums und akzeptabler Mieten für das Gewerbe gefährdet zunehmend dieses nachhaltige Konzept.

Was wünschen Sie sich vom Bund, damit die Lärmaktionsplanung zu mehr Lärmschutz führt?

Der Bund sollte die Defizite im Lärmschutzrecht beseitigen. Dazu gehört die fast durchgängig getrennte Betrachtung einzelner Quellen statt eines Gesamtlärmansatzes. Betroffene an schon lange bestehenden Straßen und Schienentrassen haben noch immer keinen einlösbaren Rechtsanspruch auf Lärmschutz. Die durch die städtebauliche Innenentwicklung eingeleitete Senkung des Schutzniveaus (Bsp. Urbanes Gebiet) sollte zurückgenommen und der Vorrang des aktiven Lärmschutzes (der auf die Minderung der Außenpegel zielt) gestärkt werden, vor allem beim Fluglärm. Neben den üblichen gemittelten Pegeln für die Geräuschbelastung sollten Maximalpegelkriterien eingeführt werden.
Der Einsatz leiser Produkte und Fahrzeuge sollte nach dem Beispiel des Schienenverkehrslärms (für leise Züge sind geringere Trassenpreise zu zahlen) finanziell belohnt werden.

Während der Bund über finanziell gut ausgestatte Lärmsanierungsprogramme an Bundesfernstraßen und Eisenbahnen verfügt, können viele Kommunen wegen mangelnder personeller und finanzieller Ressourcen ihre Lärmaktionsplanung nicht umsetzen. Hier ist die Unterstützung auch durch den Bund gefragt.

Die ASPHALTA GmbH zu lärmminderndem Asphalt

Bernd Dudenhöfer, ASPHALTA
Bild: privat

Mit Bernd Dudenhöfer von der ASPHALTA Prüf- und Forschungslaboratorium GmbH hat mit uns über Fahrbahnsanierungen und lärmmindernden Asphalt gesprochen:

Bei der letzten LAP Berlin wurde die Fahrbahnsanierung häufig als Maßnahme genannt, um Straßenlärm zu reduzieren. Inwiefern können lärmmindernde Asphalte in einer Stadt wie Berlin helfen?

Neben den Quellen „Motor“ und „Ladung/Fahrzeug“ ist das Rollgeräusch eine dritte Quelle der Geräuschentstehung aus Straßenverkehr. Das Motorengeräusch verliert durch die immer bessere akustische Kapselung und nicht zuletzt durch die zukünftige Entwicklung weg vom Verbrennungsmotor an Bedeutung. Verbleiben die Ladung und das Reifen-Fahrbahn-Geräusch. Um den Lärm aus Einzelgeräuschen von Ladung oder Fahrzeug zu vermeiden, genügt jeder übliche Fahrbahnbelag aus Asphalt oder Beton, in dem die Einbauten wie Schächte und Abläufe höhengleich mit der Fahrbahn hergestellt wurden. Um insbesondere aber die Lärmemissionen von PKW zu verringern bedarf es spezieller lärmtechnisch optimierter Fahrbahnbeläge, die bereits ab Geschwindigkeiten von 30 km/h zur Geräuschminderung beitragen, die aber nicht vergleichbar sind mit den Offenporigen Asphaltdeckschichten, die auf Autobahnen als Standard gelten dürfen.

An welchen Stellen in Berlin wird bereits lärmmindernder Asphalt eingesetzt und gibt es Untersuchungen zu den Effekten?

In Berlin wurden bereits in den 1980er Jahren erste Versuche mit lärmarmen Fahrbahnbelägen unternommen. Auf Grund der sehr geringen Nutzungsdauer, der Belag hat sich einfach aufgelöst, hat man sich davon aber schnell wieder verabschiedet. Erst ab dem Jahre 2007 und insbesondere nach 2009 wurden lärmtechnisch optimierte Asphaltdeckschichten in größeren Flächen eingebaut. Nach anfänglichen Berührungsängsten wurden in vielen Bezirken Maßnahmen im Rahmen von Fahrbahninstandsetzungen realisiert. Hervorzuheben sind eine Vielzahl von Straßen in Reinickendorf, in Friedrichshain-Kreuzberg sowie die Neubaumaßnahme der Invalidenstraße in Mitte. Über die bautechnischen Erfahrungen und die akustische Wirksamkeit wird von der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz ein Monitoring betrieben und daraus konnten eine ganze Reihe von Optimierungen abgeleitet werden. Es hat sich z.B. nicht bewährt, eine lärmtechnisch optimierte Deckschicht auf eine vorhandene Unterlage einzubauen, ohne diese vorher in ihrer Homogenität und Ebenheit zu verbessern. Daher umfasst heute eine Maßnahme zur Lärmminderung auch mindestens den Ersatz von etwa 12 cm der bestehenden Fahrbahnbefestigung durch neue Asphaltschichten. Dies garantiert eine erheblich längere Nutzungsdauer und akustische Wirksamkeit.

Da in Berlin nur wenig Neubau oder grundhafte Erneuerung stattfindet, wurden die bisherigen Baumaßnahmen meist nach dem Instandsetzungsbedarf ausgewählt. Dieser betrifft das übergeordnete Straßennetz ebenso wie Wohnstraßen.
Nicht vergessen werden sollten die Abschnitte mit lärmarmen Fahrbahnbelägen auf dem Stadtring, der A 100 in Berlin. Geschätzt etwa 25 – 30 % der A 100 haben einen lärmarmen Fahrbahnbelag. Hervorzuheben ist der Abschnitt zwischen der Brücke über die Halenseestraße und dem Abzweig nach Steglitz (A 103), bei dem in beiden Richtungen im Jahre 2016 eine lärmarme Fahrbahnoberfläche hergestellt wurde.
Das akustische Verhalten jeder Fahrbahnoberfläche verändert sich während der Nutzung. Mit wenigen Ausnahmen werden alle Beläge lauter. Dies betrifft die konventionellen Deckschichten genauso wie die lärmtechnisch optimierten Deckschichten. Der Verlauf dieser Funktion der akustischen Wirksamkeit hängt von vielen Faktoren ab, insbesondere von den Verkehrsmengen des Schwerverkehrs und den besonderen Beanspruchungen z.B. durch langsam fahrende LKW und Busse. Daneben führen die Alterung der Oberfläche und die natürliche Verwitterung zu einer Veränderung der akustischen Eigenschaften.

In einem Messprogramm der Senatsverwaltung wird, beginnend vom Neuzustand, diese Veränderung erfasst. Die Pegelminderung der in Berlin eingesetzten Deckschichttypen beträgt im Neuzustand gegenüber dem Referenzbelag mindestens 3 dB (A). Hinsichtlich der Veränderung der akustischen Eigenschaften und den dafür verantwortlichen Mechanismen gibt es jedoch noch einen großen Forschungsbedarf, zu dem Berlin seinen Anteil leisten sollte.

Mit Blick auf die nächsten fünf – zehn Jahre: Wo erwarten Sie, dass Berlins Straßen leiser werden?

Wie bereits ausgeführt lohnt sich eine akustische Verbesserung der Fahrbahnoberfläche überall, in Wohnstraßen ebenso wie auf Autobahnen. Vordringlich sollten die Straßen in eine Lärmsanierung einbezogen werden, bei denen große Verkehrsmengen und eine hohe Zahl von Anwohnern betroffen sind. Grundsätzlich sollte bei jeder Baumaßnahme geprüft werden, ob nicht eine lärmarme Oberfläche hergestellt werden kann. Oft sind es nur Kleinigkeiten, die zu einer wesentlichen Pegelminderung führen können. Leider ist der Focus der Straßenbauverwaltung noch nicht, oder noch nicht ausreichend auf die akustischen Eigenschaften der Fahrbahnoberflächen ausgerichtet. Ebenso wie die Dimensionierung entsprechend der Verkehrsbelastung sollte bei jeder Baumaßnahme die Möglichkeit der Lärmminderung ein Prüf- und Entscheidungskriterium für die Wahl der Deckschicht sein.
Wenn dies gelingt, können Berlins Straßen in den nächsten 10 Jahren deutlich leiser werden.

Was wünschen Sie sich von der Berliner Politik und Verwaltung um Berlin zukünftig „leiser zu machen“?

Um Berlins Straßen leiser zu machen, benötigen wir keine Tempo 30-Zonen sondern eine regelmäßige Instandsetzung der Fahrbahnbeläge. Hierzu ist es wichtig, dass die Haushaltsansätze für die Straßenerhaltung dauerhaft auf ein ausreichendes Maß angehoben werden. Die größten Lärmquellen sind Unebenheiten, Schlaglöcher und Stufenbildung an Schachtabdeckungen etc. Wenn dies gewährleistet wird, dann ist der Einbau von lärmtechnisch optimierten Asphaltdeckschichten nur ein geringfügig erhöhter Aufwand gegenüber dem bisherigen Standard. Dies ist problemlos zu leisten. Lärmtechnisch optimierte Fahrbahnbeläge können von der überwiegenden Zahl der Straßenbaufirmen mit ein wenig Übung eingebaut werden, sie müssen nur ausgeschrieben werden.