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Klimamodell Berlin - Bewertungskarten 2005

Kartenbeschreibung

Karte 04.11.1 Klimafunktionen

Die Klimafunktionskarte bildet den planungsrelevanten Ist-Zustand der Klimasituation ab. Dabei werden bioklimatische Belastungszustände, Ausgleichsleistungen kaltluftproduzierender Flächen sowie räumliche Beziehungen zwischen Ausgleichs- und Wirkungsräumen dargestellt. Da sowohl die Ausgleichsleistungen als auch die Belastungen klassifizierbar sind, lassen sich planerische Prioritäten ermitteln um zu verdeutlichen, welche Siedlungsflächen von Veränderungen in Ausgleichsräumen betroffen sein können.

Grün- und Freiflächenbestand

Vegetationsbestandene Freiflächen mit nennenswerter Kaltluftproduktion stellen klima- und immissionsökologische Ausgleichsräume dar. Eine hohe langwellige nächtliche Ausstrahlung während austauscharmer Hochdruckwetterlagen führt zu einer starken Abkühlung der bodennahen Luftschicht, wodurch vor allem emittentennahe innerstädtische Parkanlagen als sehr immissionsgefährdet gelten müssen. Die Menge der produzierten Kaltluft hängt ab vom vorherrschenden Vegetationstyp, den Bodeneigenschaften und der damit verbundenen nächtlichen Abkühlungsrate. Insgesamt wurden 699 Grünflächeneinheiten ausgewiesen, welche sich aus den jeweiligen Block- und Blockteilflächen der ISU5 zusammensetzen. Die qualitative Einordnung hinsichtlich des Kaltluftmassenstroms zeigt Tabelle 4.

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Abb. 4: Aggregation der Grün- und Freiflächen zu insgesamt 699 Aggregationsräumen
Bild: Umweltatlas Berlin
Übersicht der qualitativen Einordnung der Grünflächenaggregationsräume
Tab. 4: Übersicht der qualitativen Einordnung der Grünflächenaggregationsräume
Bild: Umweltatlas Berlin

Die Gesamtfläche der potenziell kaltluftproduzierenden Grünflächen beziffert sich auf ca. 47.420 Hektar, was einem Flächenanteil von rund 53 % des gesamten Stadtgebietes entspricht und als hoch angesehen werden kann. Die Ausprägung der Kaltluftlieferung innerhalb von Grünarealen ist dabei meist räumlich differenziert. Oft weisen bei innerstädtischen Grünflächen die zentralen Bereiche einen niedrigeren Kaltluftvolumenstrom auf als die an die Bebauung angrenzenden Teilflächen. Dies ist darauf zurück zu führen, dass, angetrieben durch den Temperaturunterschied zwischen Freifläche und Bebauung, die Kaltluft erst beschleunigt werden muss und dann die Werte in Richtung auf die Bebauung zunehmen. Im Übergangsbereich von Grünfläche und Bebauung ist der Temperaturgradient und damit auch die Intensität des Luftaustausches am höchsten.

Grün- und Freiflächen mit einem hohen Kaltluftmassenstrom sind insbesondere am Stadtrand anzutreffen. Generell erweisen sich die größeren Wald- und Ruderalflächen, Friedhöfe und Kleingartenanlagen als sehr kaltluftproduktiv. Die für die Stadtmitte flächenhaft wichtigsten stadtklimatischen Beiträge gehen vom Großen Tiergarten, dem ehemaligen Flughafen Tempelhof und den Kleingartenkolonien am Priesterweg aus. Diese Flächen sind durch ihre ausgedehnten Kaltlufteinwirkbereiche gekennzeichnet. Zu den bedeutsamen Freiflächen mit Bezug zur Innenstadt zählen auch Teile des Grunewaldes. Die in Richtung auf die Stadtmitte vorgelagerten, durchgrünten Siedlungstypen sowie auftretende Hangneigungen > 1° unterstützen die Kaltluftströmung erheblich, so dass Kaltluftreichweiten in die Bebauung der Ortsteile Schmargendorf und Wilmersdorf von bis zu 2.000 m erzielt werden (vgl. dazu auch die ausführliche Beschreibung innerhalb der Karte 04.10 Klimamodell Berlin). Zusammen mit den Kleingartenanlagen nördlich des Spandauer Damms, am Heckerdamm sowie den Volksparken Jungfernheide und Rehberge ergibt sich ein ca. 10 km langer, die westliche Stadtmitte umrahmender Kaltlufteinwirkbereich. Eine ähnliche Bedeutung haben in der östlichen Stadtmitte die Grünbereiche um den Volkspark Prenzlauer Berg bzw. den Zentralfriedhof Lichtenberg.

Mit einer Anzahl von 3.797 Blockflächen und einer Gesamtfläche von ca. 12.297 Hektar beträgt der Anteil dieser Kategorie am Grünflächenbestand ca. 26 %. Dazu zählen die ausgedehnten Wald- und Freiflächen in stadtrandnaher Lage mit hohen Kaltluftvolumenströmen vor allem im Norden und Westen Berlins.

Die Ausgleichsleistung von Flächen mit einem mittleren Kaltluftmassenstrom ist ebenfalls als bedeutsam einzuschätzen. In der Innenstadt treten der Schlosspark Charlottenburg, der Volkspark Friedrichshain sowie der Volkspark Humboldthain mit einem ausgeprägten Kaltlufteinwirkbereich hervor. Im Süden des Stadtgebietes weisen verbreitet die durchgrünten Siedlungstypen ohne Anbindung an Park- oder Waldflächen einen mittleren Massenstrom auf. Die Flächensumme der als mittel einzustufenden Freiflächen beläuft sich auf 16.506 Hektar, was in etwa 35% aller hier bewerteten Flächen entspricht.

Grünflächen, die einen geringen Kaltluftmassenstrom aufweisen, haben mit ca. 18.221 Hektar einen Anteil von 38 % am Grünflächenbestand. Dazu zählen vor allem die kleineren Friedhöfe, Kleingärten und Parkareale mit einer Flächengröße von bis zu 10 ha. Solange diese Areale in eine insgesamt wärmere Umgebungsbebauung eingebettet sind, bilden sie nur selten einen eigenen Einwirkbereich aus. In Nachbarschaft zu kaltluftproduktiveren Grünarealen können sie jedoch deren Wirkungen unterstützen und damit den jeweiligen klimatischen Einwirkbereich vergrößern.

Grünflächen mit einem sehr geringen Kaltluftmassenstrom bilden in der Regel auch keinen Einwirkbereich mehr aus. Dabei handelt es sich vor allem um kleinere, innerhalb der Bebauung gelegene Flächen von bis zu 2,5 ha. Innerhalb von Belastungsbereichen können aber auch diese Flächen eine bedeutsame Funktion als klimaökologische Komfortinseln erfüllen, sofern sie ein Mosaik aus unterschiedlichen Mikroklimaten wie beispielsweise beschattete und besonnte Bereiche oder kühlende Wasserflächen aufweisen (Mikroklimavielfalt). Der Anteil dieses Flächentyps am Gesamtbestand beträgt mit 396 Hektar lediglich ca. 1 %. Einen räumlichen Überblick über die Verteilung der einzelnen Kaltluft-Produktivitätsklassen bietet Abbildung 5.

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Abb. 5: Klassifikation der Grünaggregationsräume und Freiflächen des Umlandes nach ihrer Kaltluftlieferung
Bild: Umweltatlas Berlin

Die Kaltluftentstehungsgebiete des Umlandes stehen oftmals in direktem Kontakt zu denen des Stadtgebietes und sind quasi als deren Erweiterung anzusehen. Aufgrund der größeren Distanz zu Siedlungsräumen ist das Strömungsfeld erst zum 06.00-Uhr-Zeitpunkt voll ausgeprägt. Die größten Kaltluftentstehungsgebiete sind im Nordosten Berlins anzutreffen. Der hier im Verhältnis auffallende Anstieg der Geländehöhe begünstigt in diesem Bereich ein weiträumiges Einströmen der Kaltluft in Richtung auf die Stadt. Zahlreiche kleinere Gebiete sind an der südlichen Stadtgrenze gruppiert, während am Westrand lediglich zwei Kaltluftentstehungsgebiete ausgewiesen werden konnten. Der Kaltluftmassenstrom ist verbreitet als hoch einzustufen. Die Relevanz der umlandbürtigen Flächen steigt mit der Nähe zu Siedlungsbereichen und ist somit in den Räumen Spandau, Marzahn sowie am südlichen Stadtrand am größten.

Siedlungsräume

Wie unter Methode beschrieben, ist die bioklimatische Belastungssituation auf Basis der Z-Transformation des modellierten PMV (Predicted Mean Vote) ermittelt worden. Mit diesem Vorgehen lässt sich eine räumliche Untergliederung des Siedlungsraumes in belastete und bioklimatisch eher ungünstige Bereiche einerseits sowie bioklimatische Gunsträume andererseits durchführen.

Letztere sind meist als Kaltlufteinwirkbereiche durch eine moderate Überwärmung und eine ausreichende Durchlüftung aufgrund der von einer kaltluftproduzierenden Freifläche ausgehenden Strömungen gekennzeichnet. Die Reichweite der Kaltluftströmung in die Bebauung hängt neben der Kaltluftproduktivität von der Hinderniswirkung des angrenzenden Bebauungstyps ab. Abbildung 6 zeigt die Situation im Umfeld des Großen Tiergartens, wobei das konzentrische, nächtliche Ausströmen der Kaltluft als Einwirkbereich deutlich wird. Im Gegensatz zu den randlichen Stadtteilen verbleiben im Innenstadtbereich auch die von Kaltluft durchströmten Areale oft auf einem weniger günstigen Niveau.

Im zentralen Bereich des Tiergartens ist eine Zone reduzierter Strömungsgeschwindigkeiten von weniger als 0,2 m/s zu erkennen. Von hier aus wird die produzierte Kaltluft beschleunigt und dringt, angetrieben vom nutzungsbedingten Temperaturunterschied, in die angrenzende Bebauung ein. Grüne Areale stellen Grünflächen dar, während orange die weniger günstigen und rot die bioklimatisch ungünstigen Baublöcke kennzeichnen.

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Abb. 6: Simulierter Einwirkbereich der im Großen Tiergarten produzierten Kaltluft
Bild: Umweltatlas Berlin

Von den Wohlfahrtswirkungen größerer innerstädtischer Freiflächen wie dem ehemaligen Flughafen Tempelhof oder dem Volkspark Friedrichshain profitieren selbst in der Innenstadt weiträumige Siedlungsbereiche. Hierbei dienen vorgelagerte, kleinere Freiflächen oftmals als “grüne Trittsteine” und erleichtern das Vordringen von Kaltluft in die Bebauung.

Diesen Gunsträumen stehen Belastungsbereiche mit einer überdurchschnittlichen Wärmebelastung und einem Durchlüftungsmangel gegenüber. Dies betrifft vor allem Gebiete folgender Bezirke:

  • Mitte,
  • Pankow,
  • Friedrichshain-Kreuzberg,
  • Lichtenberg,
  • Tempelhof-Schöneberg.

Aber auch mehr peripher gelegene, verdichtete Stadtteilzentren weisen eine erhöhte potenzielle bioklimatische Belastung auf, so z.B. in den Bezirken bzw. Ortsteilen

  • Spandau,
  • Weißensee,
  • Hohenschönhausen,
  • Marzahn,
  • Ober- und Niederschöneweide,
  • Mariendorf.

Darüber hinaus treten in fast allen Ortsteilen vereinzelte Baublöcke mit weniger günstigen Verhältnissen hervor. Dabei weisen Hochhaussiedlungen strukturbedingt über Abstandsflächen eine tendenziell günstigere Durchlüftung auf als im Kartenbild dargestellt. Stellenweise kann aber das Belastungsniveau so ausgeprägt sein, dass es auch durch eine vorhandene Kaltluftströmung nicht ausgeglichen werden kann.

Verkehrsbedingte Luftbelastung

Insbesondere innerstädtische Hauptverkehrsstraßen sind von erhöhten Belastungen betroffen; in der Summe liegen nach jetziger Einschätzung rund 8 % des untersuchten Verkehrsnetzes oberhalb des späteren Grenzwertes.

Bei der potenziellen flächenhaften Belastung von Grünflächen durch die Stickstoffdioxid-Emissionen des Verkehrs sind besonders die Konstellationen interessant, in denen Flächen mit einem hohen bzw. mittleren Kaltluftproduktionsvermögen von NO2-Konzentrationen > 80 µg/m3 betroffen sein können. Dies ist auf rund 3,3 % der Flächen mit hohem oder mittlerem Kaltluftbildungsvermögen der Fall.

Zwar erscheint diese Zahl relativ gering, in innenstadtnahen Grünflächen jedoch sind z.T. die gesamte Flächenausdehnung (Schlosspark Charlottenburg) oder zumindest größere Teilflächen (westl. Bereich des Großen Tiergarten) betroffen (vgl. Abbildung 7).

Im Hinblick auf eine Optimierung der klimatischen Funktionen dieser Grünräume auch durch Verbesserung der lufthygienischen Situation ist diesen Konstellationen besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden.

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Abb. 7: Potenziell durch verkehrsbedingte Schadstoffe (hier: NO2, lila schraffiert) überlagerte Bereiche in klimawirksamen Grünflächen
Bild: Umweltatlas Berlin

Luftaustausch

Strukturen, die den Luftaustausch ermöglichen und Kaltluft heranführen, sind das zentrale Bindeglied zwischen Ausgleichsräumen und bioklimatisch belasteten Wirkungsräumen. Leitbahnen sollten generell eine geringe Oberflächenrauhigkeit aufweisen, wobei gehölzarme Tal- und Auenbereiche, größere Grünflächen und Bahnareale als geeignete Strukturen in Frage kommen. Breite Straßen können aufgrund ihrer Immissionsbelastung nur dem Klimaausgleich, nicht jedoch dem Heranführen unbelasteter Luft dienen. Die Leitbahnen werden in der Klimafunktionskarte hinsichtlich des Prozessgeschehens untergliedert, wobei auch eine kaltluftproduzierende (Teil-) Fläche eine Leitbahnfunktion ausüben kann.

Es überwiegen die vorwiegend thermisch induzierten Leitbahntypen im Zusammenhang mit einer rein auf die nutzungsbedingten Temperaturunterschiede zurückzuführenden Ausgleichsströmung. Beispielhaft für solche Strömungen seien als eine der innenstadtnächsten Leitbahnen die Kleingartenanlagen am Priesterweg angeführt, die Kaltluft vom Friedhof an der Bergstraße in Steglitz und vom Insulaner in Richtung Norden transportieren. Des Weiteren leiten die Kleingartenanlagen am Heckerdamm sowie der Volkspark Rehberge einen Teil der auf dem Flughafen Tegel produzierten Kaltluft in Richtung Innenstadt. Eine weitere Anzahl thermisch induzierter Leitbahnen konnte nördlich einer Linie Tegel – Lichtenberg sowie im Süden zwischen Lichterfelde und Bohnsdorf ausgewiesen werden. Im westlichen Stadtgebiet gruppieren sich Leitbahnen um Spandau und führen Kaltluft aus dem nördlichen Gatower Feld sowie dem Umland heran. Grenzt eine Grünfläche direkt an die Bebauung, kommt es hingegen nicht gesondert zu einer Leitbahnausweisung.

Vorwiegend orographisch induzierte Leitbahnen sind auf das östliche Stadtgebiet konzentriert. Dabei handelt es sich um Talbereiche z.B. der Wuhle und dem Mühlenfließ, die aufgrund ihrer Ausrichtung, Breite und Oberflächenbeschaffenheit als Leitbahnen angesprochen werden können. Im westlichen Stadtgebiet kann dahingehend die vom Grunewald ausgehende Tiefenlinie Hundekehlsee – Dianasee – Koenigssee – Halensee eingeordnet werden.

Die Niederungen der größeren Fliessgewässer wie Spree und Havel gehen über diese Funktion hinaus und besitzen zudem eine Eigenschaft als übergeordnete Luftleit- und Ventilationsbahnen. Sie begünstigen den Luftaustausch in der angrenzenden Bebauung auch bei stärkeren, übergeordneten Wetterlagen.

Ein flächenhafter Kaltluftabfluss ist auf Areale mit Hangneigungen > 1° begrenzt und tritt im Stadtgebiet Berlin aufgrund der vergleichsweise geringen Höhenunterschiede selten auf.

Daher ist dieser Prozess an die wenigen Bereiche mit einer nennenswerten Hangneigung wie die des Grunewaldes und der Köpenicker Bürgerheide gekoppelt. Darüber hinaus kann nördlich des Tegeler Sees, in Kaulsdorf sowie im Forst Düppel vereinzelt von einem Kaltluftabfluss ausgegangen werden. Die Kaltluftlieferung ist auf diesen geneigten Waldflächen überdurchschnittlich hoch, da die Ausstrahlung und damit die primäre Abkühlung hauptsächlich aus dem oberen Kronenbereich und nicht aus unmittelbarer Bodennähe erfolgt. Aufgrund der großen, ausstrahlenden Oberfläche des Bestandes fließt die Kaltluft auch im und über den Kronenbereich ab, statt erst in den Stammraum einzusinken (Groß 1989).

Karte 04.11.2 Planungshinweise Stadtklima

Die Planungshinweiskarte Stadtklima stellt eine integrierende Bewertung der in der Klimafunktionskarte dargestellten Sachverhalte im Hinblick auf planungsrelevante Belange dar. Aus ihr lassen sich Schutz- und Entwicklungsmaßnahmen zur Verbesserung von Klima und – über die Effekte der Verdünnung und des Abtransportes – auch der Luft ableiten. Dem Leitgedanken dieser Bemühungen entsprechen die Ziele zur

  • Sicherung,
  • Entwicklung und
  • Wiederherstellung

klima- und immissionsökologisch wichtiger Oberflächenstrukturen (Mosimann et al. 1999). Die zugeordneten Planungshinweise geben Auskunft über die Empfindlichkeit gegenüber Nutzungsänderungen, aus denen sich klimatisch begründete Anforderungen und Maßnahmen im Rahmen der räumlichen Planung ableiten lassen. Sie sollen darüber hinaus helfen, die im Kontext der Anpassung an den Klimawandel notwendigen planerischen Festlegungen zu treffen.

Im Folgenden wird auf die planerische Einordnung der klimaökologisch relevanten Elemente in Berlin eingegangen. Ausführliche, blockbezogene Planungsempfehlungen sind der digitalen Version der Planungshinweiskarte zu entnehmen.

Grün- und Freiflächenbestand

Innerstädtische und siedlungsnahe Grünflächen haben eine wesentliche Wirkung auf das Stadtklima und beeinflussen die direkte Umgebung in mikroklimatischer Sicht positiv. Aus größeren, zusammenhängenden Grünarealen ergibt sich somit das klimatische Regenerationspotenzial. Der produzierte Kaltluftmassenstrom als qualifizierender Parameter tritt aber an dieser Stelle in den Hintergrund. Für die planerische Einordnung ist vielmehr die Lage im Raum entscheidend und damit die Frage, welche bioklimatische Belastung eine zugeordnete Bebauung aufweist. Denn letztendlich kann auch eine Grünfläche mit geringer Kaltluftproduktion eine signifikante Wohlfahrtswirkung in stark überbauten Bereichen erbringen.

Eine sehr hohe stadtklimatische Bedeutung erlangen daher Grün- und Freiflächen mit Einfluss auf bioklimatisch belastete Siedlungsräume. Dazu zählen vor allem die großen, innenstadtnahen Grünflächen wie der Große Tiergarten, die unbebauten Bereiche des Flughafens Tempelhof oder der Volkspark Friedrichshain. Eine sehr hohe Bedeutung kann darüber hinaus auch den kleineren Park-, Ruderal- und Brachflächen oder gering versiegelten Sportplätzen zukommen, sofern sie Entlastungswirkungen für benachbarte Bebauung erzeugen können. Daraus resultiert für diese Flächen die höchste Empfindlichkeit gegenüber einer Nutzungsintensivierung mit den folgenden Planungsempfehlungen:

  • Vermeidung von Austauschbarrieren gegenüber bebauten Randbereichen,
  • Reduzierung von Emissionen und
  • Vernetzung mit Freiflächen.

Dies bedeutet, dass bauliche und zur Versiegelung beitragende Nutzungen dieser Flächen zu weiteren, bedenklichen klimatischen Beeinträchtigungen führen können. Neben den angesprochenen und weiteren Einzelflächen dieser Klasse sind auch größere, randständige Areale wie die Freiflächen bei Blankenfelde oder die Wuhlheide dieser Kategorie zuzuordnen.

Grün- und Freiflächen, die einen Bezug zu Siedlungsräumen mit einem geringen Belastungsniveau oder sogar günstigem Kleinklima aufweisen, besitzen eine hohe bis mittlere stadtklimatische Bedeutung. Sie sind vorwiegend innenstadtfern lokalisiert und haben Bezug zu den weniger bioklimatisch belasteten Siedlungsräumen außerhalb des S-Bahnrings. Dazu zählen die folgenden Bereiche:

  • Grünflächen bzw. durchgrünte Siedlungen zwischen Bucher Forst und Malchow,
  • Krummendammer- und Köpenicker Bürgerheide,
  • Grunewald nordwestlich der Avus sowie Jungfernheide und
  • Forst Spandau.

Für diese Flächen ergibt sich eine hohe Empfindlichkeit gegenüber einer Nutzungsintensivierung, bei der insbesondere der Luftaustausch mit der Umgebung berücksichtigt werden sollte.

Als dritte Kategorie werden Grün- und Freiflächen mit einer geringen stadtklimatischen Bedeutung ausgewiesen. Dabei handelt es sich um Flächen, die entweder einen geringen Einfluss auf – belastete – Siedlungsbereiche ausüben oder eine unbedeutende Kaltluftproduktion aufweisen. Letztere besitzen oft eine geringe Flächengröße und sind insbesondere im Innenstadtbereich anzutreffen. Diesen Flächen kann dann durchaus noch eine Rolle als klimaökologische Komfortinsel zukommen, sofern sie eine Mikroklimavielfalt aufweisen (z.B. Gewässer, beschattete und besonnte Bereiche).

Zu den größeren Arealen mit einer geringen Empfindlichkeit zählen vor allem die dem Grünflächenbestand zugeordneten, stadtklimatisch relevanten grüngeprägten Siedlungen (s. klimatisch günstige Siedlungsräume). Sofern sie nicht direkt an belastete Bereiche angrenzen, wären dort bauliche Eingriffe, die den lokalen Luftaustausch nicht wesentlich beeinträchtigen, nur mit geringen klimatischen Veränderungen verbunden.

Siedlungsräume

Bei klimatisch günstigen Siedlungsräumen handelt es sich um locker bebaute und durchgrünte Siedlungen wie z.B. Villenbebauung mit einem geringen Versiegelungsgrad, hohem Vegetationsanteil und relativ hoher nächtlicher Abkühlungsrate. Diese Areale sind zu einem gewissen Maße selbst Kaltluftproduzenten und unterstützen die Kaltluftströmung benachbarter Freiflächen. Durchgrünte Siedlungen sind vor allem außerhalb des S-Bahn-Rings anzutreffen, aber auch in Innenstadtnähe (z.B. die Gartenstadt Tempelhof westlich des Flughafens). Diese Gebiete führen weder zu einer intensiven bioklimatischen Belastung noch zu Beeinträchtigungen des Luftaustausches. Daher haben sie einen meist niedrigen PMV-Wert (vgl. Siedlungsräume im Kapitel Methode), der Grundlage für die Bewertung der bioklimatischen Situation in vier Klassen (sehr günstig / günstig / weniger günstig / ungünstig) gemäß VDI-Richtlinie 3785 ist.

Dabei weisen die bioklimatisch sehr günstigen Siedlungsflächen im allgemeinen eine mittlere Empfindlichkeit gegenüber Nutzungsintensivierungen auf, sofern die Bauhöhen gering gehalten und die Baukörperstellung beachtet wird. In direkter Nachbarschaft zu Belastungsbereichen ist aufgrund der Klimarelevanz jedoch von der höchsten Empfindlichkeit auszugehen.

Zur ebenfalls gering belasteten Wohnbebauung zählen die bioklimatisch günstigen Siedlungsräume, welche aber nicht immer einen Kaltlufteinwirkbereich aufweisen. Grenzen diese Flächen an Belastungsräume an, ergibt sich eine hohe Empfindlichkeit hinsichtlich einer Nutzungsintensivierung und die Anforderung an eine Vermeidung weiterer Verdichtung. Bei fehlender Nachbarschaft zu Belastungsräumen besteht lediglich eine geringe Empfindlichkeit gegenüber baulichen Eingriffen.

Belastungsbereiche dagegen weisen einen Durchlüftungsmangel und eine überdurchschnittliche Wärmebelastung auf. Hier werden Siedlungsräume mit den Bewertungskategorien weniger günstig sowie ungünstig unterschieden. Unter Berücksichtigung des Belastungsniveaus ergibt sich eine hohe bzw. sehr hohe Empfindlichkeit gegenüber einer Nutzungsintensivierung. Diese Gebiete sind unter stadtklimatischen Gesichtspunkten sanierungsbedürftig, woraus sich die folgenden Planungshinweise ergeben:

  • Keine weitere Verdichtung,
  • Verbesserung der Durchlüftung und Erhöhung des Vegetationsanteils,
  • Erhalt aller Freiflächen und
  • Entsiegelung und ggf. Begrünung der Blockinnenhöfe.

Neben dem innerstädtischen Raum sind auch stärker überbaute Bezirkszentren wie z.B. Spandau, Weißensee oder Hohenschönhausen betroffen. Eine lokale bioklimatische Belastung kann darüber hinaus im gesamten Stadtgebiet auftreten und ist nicht auf die Verdichtungsbereiche beschränkt. Vereinzelt kommt es zum Auftreten einer Belastung trotz vorhandenem Kaltlufteinwirkbereich. In einem solchen Fall ist die potentielle Belastungssituation so hoch, dass selbst eine Kaltluftluftströmung keinen signifikanten Ausgleich herstellen kann.

Die Situation im randstädtischen Bereich von Tempelhof-Schöneberg zeigt Abbildung 8. Sehr deutlich treten die bioklimatisch belasteten Gewerbegebiete hervor, insbesondere im Ortsteil Mariendorf. Gleichzeitig ist die grüngeprägte Bebauung als klimatisch günstiger Siedlungsraum erkennbar (hellgrüne und beige Farbe).

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Abb. 8: Beispiele lokaler bioklimatischer Belastungsbereiche außerhalb der Innenstadt, hier in den Ortsteilen Marienfelde/Mariendorf
Bild: Umweltatlas Berlin

Kaltluftleitbahnen, die in diesem Beispiel Kaltluft aus dem Umland heranführen, sind durch die Pfeilsignatur gekennzeichnet. Als Leitbahnen dienen die durchgrünten Siedlungstypen sowie der Freizeitpark Marienfelde. Aufgrund der Zuordnung zu den genannten Belastungsbereichen kommt den beteiligten Grünflächen eine sehr hohe stadtklimatische Bedeutung zu, was gleichermaßen für deren Leitbahnfunktion gilt.

Verkehrsbedingte Luftbelastung

Die Darstellung der potenziellen verkehrsbedingten Luftbelastung entlang von Hauptverkehrsstraßen und in Grünflächen ergänzt das Spektrum auftretender Belastungen (vgl. Methodik). Außerdem sind die mit FITNAH modellierten Bereiche innerhalb von Grünflächen ausgewiesen, in denen NO2-Konzentrationen von mehr als 80 µg/m3 während austauscharmer Wetterlagen auftreten können. Eine ausführliche Darstellung der Screening-Ergebnisse im Hauptstraßennetz findet sich in der Umweltatlas-Karte 03.11 „Verkehrsbedingte Luftbelastung“ (SenStadt 2008a). Planungsempfehlungen sind in diesem Zusammenhang Teil immissions- bzw. verkehrsbezogener Fachplanungen, wie sie z.B. im Luftreinhalteplan für Berlin (vgl. SenStadt 2008) oder dem Stadtentwicklungsplan (StEP) Verkehr (vgl. SenStadt 2002ff) beschrieben sind.

Aus stadtklimatischer Sicht ist der Verweis auf eine möglichst schadstoffarme Atmosphäre in den Klimafunktionsräumen zur Erhaltung bzw. Förderung von Frischluft von zentraler Bedeutung. Nur so kann ein Erhalt bzw. eine Optimierung der städtischen Belüftung gesichert werden.

Luftaustausch

Kaltluftleitbahnen und -abflüsse werden in der Planungshinweiskarte in zwei Kategorien untergliedert, wobei die Wertigkeit mit der räumlichen Nähe zu Belastungsbereichen ansteigt. Leitbahnen mit einer sehr hohen Bedeutung begünstigen das Vordringen von Kaltluft in den Innenstadtbereich und zu belasteten Stadtteilzentren. Dazu zählen u.a. die Kolonien am S-Bahnhof Priesterweg, die Kaltluft vom Friedhof an der Bergstraße bzw. vom Insulaner in Richtung Norden führen oder der Volkspark Rehberge, der das Vordringen der auf dem Flughafen Tegel produzierten Kaltluft in Richtung Mitte ermöglicht. Weitere Leitbahnen dieser Kategorie sind nördlich und südlich des S-Bahnrings gruppiert.

Ein flächenhafter Kaltluftabfluss mit einer sehr hohen Bedeutung tritt dagegen lediglich im Grunewald auf, an dessen Ostseite hohe Kaltluftreichweiten angenommen werden können. Leitbahnen einer mittleren bis hohen Bedeutung sind vorwiegend im Randbereich Berlins anzutreffen, was auch für den flächenhaften Kaltluftabfluss dieser Kategorie gilt. Für diese bedeutsamen Strukturen bzw. Prozesse ergeben sich die folgenden, gemeinsamen Planungshinweise:

  • Vermeidung baulicher Hindernisse, die einen Kaltluftstau verursachen könnten,
  • Bauhöhe möglichst gering halten,
  • Neubauten längs zur Leitbahn ausrichten
  • Randbebauung möglichst vermeiden und
  • Erhalt des Grün- und Freiflächenanteils.

Als großräumige Luftleit- und Ventilationsbahnen treten einige Talabschnitte der großen Fließgewässer Havel und Spree in Erscheinung, deren Funktion über den lokalen Luftaustausch hinaus geht. Sie begünstigen den Luftaustausch in die angrenzende Bebauung auch bei stärkeren, übergeordneten Wetterlagen. Aus fachplanerischer Sicht sollte daher die Uferlage freigehalten oder möglichst offen bebaut werden.