Jahresbericht 2024 - Infektionskrankheiten

Text West-Nil-Virus, dazu ein Bild von einer Mücke

West-Nil-Virus in Berlin: ein neuer Erreger etabliert sich in Berlin

Beobachtung und Vorsorge durch das Lageso
Das West-Nil-Virus (WNV) ist eine von Stechmücken übertragene Infektionskrankheit, die sich in den letzten Jahren zunehmend auch in Deutschland ausbreitet, insbesondere in Berlin. Obwohl die meisten Infektionen mild verlaufen, kann es in seltenen Fällen zu schweren Erkrankungen des Nervensystems kommen. Um das Virus frühzeitig zu erkennen, seine Ausbreitung besser zu verstehen und Risiken für die Bevölkerung zu minimieren, engagiert sich das Lageso mit gezielter Überwachung und Forschung.

Dabei geht die Fachgruppe für Surveillance und Epidemiologie von Infektionskrankheiten am Lageso engagiert gegen die lokale Verbreitung des West-Nil-Virus vor. Mithilfe einer strukturierten Fallanalyse sowie gezielter Mücken- und Seroprävalenzuntersuchungen (Tests, die messen, wie viele Menschen bereits Antikörper gegen eine Krankheit haben) trägt das Lageso maßgeblich dazu bei, Risiken zu erkennen und den Schutz der Bevölkerung zu stärken.

Was ist das West-Nil-Virus?
Das Virus wird hauptsächlich von heimischen Stechmücken der Art Culex pipiens übertragen. Es zirkuliert vor allem zwischen Mücken und Vögeln und wurde durch Zugvögel in die lokale Vogelpopulation eingetragen. Menschen und Pferde können sich ebenfalls anstecken, sind aber sogenannte „Fehlwirte“: Sie geben das Virus nicht weiter, erkranken aber. Die Symptome reichen von Fieber und Abgeschlagenheit bis hin zu einer seltenen, aber schweren Nervenerkrankung (West Nile Virus Neuroinvasive Disease, WNND). Besonders ältere Menschen oder Personen mit Vorerkrankungen sind stärker gefährdet.

Aktive Überwachung durch das Lageso
Seit 2021 kooperiert das Lageso mit dem Institut für Virologie der Charité, um die Ausbreitung dieses neuen Erregers in Berlin systematisch zu erfassen. Die Fachgruppe befragt erkrankte Personen gezielt nach deren Aufenthaltsorten, Symptomen und möglichen Risikofaktoren. Ergeben sich Hinweise auf eine lokale Ansteckung – etwa in einer Kleingartenanlage oder an einem beruflichen Einsatzort – setzt das Lageso kurzfristig Mückenfallen ein. Die gefangenen Stechmücken untersucht die Charité anschließend auf das Virus. Wird das Virus nachgewiesen, nehmen die Wissenschaftlerinnen eine genaue genetische Analyse vor, um die Herkunft und Entwicklung des Virusstammes zu klären.

  • Person wird von Mücken gestochen.
  • West-Nil-Virus: Zwei Fotos von Mückenfallen
  • West-Nil-Virus: Tabelle zur Entwicklung der Fallzahlen zwischen 2018 und 2024

Ergebnisse dieser Arbeit
Im Rahmen dieser Kooperation konnte 2021 erstmals WNV in Mücken nachgewiesen werden, die aus einer Kleingartenanlage in Berlin stammten. Dort war ein Gärtner mit einem schweren Verlauf an der Infektion erkrankt. Genetische Untersuchungen zeigten eine enge Verwandtschaft der Viren, was auf eine stabile, lokale Verbreitung hindeutet. Diese sogenannte „Berliner Klade“ ließ die Kollegen vermuten, dass das Virus in der Region überwintert und sich – unabhängig von Zugvögeln – innerhalb der heimischen Vogel- und Mückenpopulation verbreiten kann.

Entwicklungen im Jahr 2024
Im Jahr 2024 registrierte das Lageso sieben WNV-Fälle in Berlin. Das war die höchste Zahl seit 2020. Fünf davon hatten einen schweren Verlauf, in denen auch das Nervensystem betroffen war (WNNV). Zwei Patienten befanden sich auch Monate nach der Infektion noch in Rehabilitation. Angesteckt hatten sie sich nicht mehr nur in südlichen Bezirken wie Treptow-Köpenick oder Steglitz-Zehlendorf, sondern erstmals auch in Pankow, im Norden der Stadt. Hierbei ist von einer starken Untererfassung auszugehen, da größtenteils nur die schweren Krankheitsverläufe sowie die WNV-Infektionen bei Blutspenderinnen diagnostiziert werden.

Die Charité erkannte in genetischen Analysen, dass Zugvögel zusätzlich zur Berliner Viruslinie weitere Virusstämme der “Ostdeutschen Klade” in Berlin verbreitet haben. Ob diese ebenfalls hier überwintern und sich dauerhaft etablieren, ist noch unklar. Umso wichtiger ist es, dass die vom Lageso koordinierte Überwachung in den nächsten Jahren weitergeführt und ausgebaut wird.

Vorsorge trifft Verantwortung
Damit Berlin gut vorbereitet bleibt, setzt das Lageso neben der systematischen Überwachung auf aktive Aufklärung vor Ort im Umfeld aufgetretener Fälle. Im Einklang mit den Handlungsempfehlungen der nationalen Expertenkommission empfiehlt das Lageso eine gezielte Mückenbekämpfung mit umweltverträglichen Mitteln wie Larviziden (ein Gift zur Abtötung von Insektenlarven), um die Ausbreitung des Virus frühzeitig zu unterbrechen.

Pressestelle Landesamt für Gesundheit und Soziales

Stephanie Reisinger
Pressesprecherin

Benjamin Ciupek
Presse- & Öffentlichkeitsarbeit