Kindertransport-Familien: Vermächtnisse im Dazwischen

Ungefähr 10.000 Kinder wurden zwischen 1938 und 1940 durch die Kindertransporte gerettet. Amy Williams geht der Frage nach, was es bedeutet, über Generationen hinweg trotz Trennung und Verlust Teil der Kindertransport-Familien zu sein.

Gedenkfeier der AJR zum Holocaust-Gedenktag 2025. Die AJR betrachtet sich als Flüchtlingsfamilie und lädt alle Nachfahren, Forschende und all jene, die sich der Erinnerung, der Gerechtigkeit und der Aufklärung verpflichtet sehen, herzlich ein, Teil dieser Gemeinschaft zu sein

Gedenkfeier der AJR zum Holocaust-Gedenktag 2025. Die AJR betrachtet sich als Flüchtlingsfamilie und lädt alle Nachfahren, Forschende und all jene, die sich der Erinnerung, der Gerechtigkeit und der Aufklärung verpflichtet sehen, herzlich ein, Teil dieser Gemeinschaft zu sein

Aus Hamburg kommend erreichen jüdische Flüchtlingskinder mit dem Dampfer „Washington“ im Dezember 1938 Southampton

Aus Hamburg kommend erreichen jüdische Flüchtlingskinder mit dem Dampfer „Washington“ im Dezember 1938 Southampton

von Dr. Amy Williams, Kindertransport Scholar in residence bei der Association of Jewish Refugees, London)

Mit Freude und mit Schmerz erinnern sich die Überlebenden der Kindertransporte sowohl an ihre Familien in ihrem früheren Heimatland als auch an die, die sie in ihrem Gastgeberland gefunden haben. Sie erzählen, wie es war, Teil einer Familieneinheit zu sein und entwurzelt zu werden; wie es war, in eine Gemeinschaft aufgenommen und dann wieder hinausgestoßen zu werden. Sie sprechen davon, Teil einer größeren Geschichtserzählung zu sein. Ich frage mich jedoch, ob die Geschichte ihre komplexen Lebensgeschichten tatsächlich in vollem Umfang zur Kenntnis genommen hat.
Der Begriff „Kindertransport“ bezieht sich häufig auf die Rettung hauptsächlich jüdischer Kinder, die zwischen 1938 und 1940 vor dem Nationalsozialismus nach Britannien in Sicherheit gebracht wurden. Aber diese Kinder fanden auch in anderen Ländern Schutz wie in den Niederlanden, in Frankreich, Belgien, der Schweiz, in Skandinavien und im Britischen Mandat für Palästina. Die Kinder stammten nicht nur aus Deutschland, Österreich, der Tschechoslowakei, Polen und der Freien Stadt Danzig, sondern auch aus Argentinien, Marokko und Frankreich, wie auch aus Städten, die heute zu Lettland und Israel gehören.

Dieser Kindertransportanhänger half Amy Williams, die Listen im Archiv zu identifizieren

Dieser Kindertransportanhänger half Amy Williams, die Listen im Archiv zu identifizieren

Angeregt von „aktuell“ habe ich darüber nachgedacht, was es bedeutet, mit der Geschichte der Kindertransporte verbunden zu sein. Die Überlebenden und ihre Familien stehen in unmittelbarer Beziehung. Andere, wie ich, sind nur mittelbar verbunden und dennoch Teil der umfassenderen Kindertransport-Gemeinschaft. Was ist eine Kindertransport-Familie? Was macht eine Berliner Kindertransport-Familie einzigartig? Wie hat sich eine solche Familie über die Zeit verändert? Wie hält sie ihre Erinnerungen lebendig? Wie bewahrt man Kontakt zu einer weit verstreuten Familie oder zu einer Familie, die es nicht mehr gibt? Und schließlich, was für eine Zukunft hat eine Kindertransport-Familie?

Während meines Forschungsstipendiums in Yad Vashem im Jahr 2024 fand ich Transportlisten, die bis dahin als verloren galten. Auch hatte ich die Möglichkeit, Einblick in Tausende von Akten in der israelischen Nationalbibliothek zu nehmen. Inzwischen habe ich in weiteren Ländern noch mehr Listen, Fallakten und Behördenberichte gefunden, die noch nicht umfänglich wissenschaftlich untersucht worden sind.

Um mehr über die Kindheit von Überlebenden zu erfahren, haben wir uns seit Jahren auf Zeugenaussagen und persönliche (Ego-)Dokumente verlassen. Jetzt aber können wir diese Zeugenaussagen mit historischen Dokumenten verknüpfen und so rekonstruieren, wer die Kinder-transport-Familien waren. Manche Kinder wussten nicht, wo ihre Familien gelebt hatten, aber die Transportlisten geben uns Auskunft über ihre Heimatadressen. Die Listen helfen uns bei der Einschätzung, wie viele Kinder Berlin im Rahmen der Transporte verlassen haben, und somit ebenso, wie viele Familien betroffen waren. Wir werden uns auch an die Kinder erinnern können, die zwar einen Transportplatz hatten, aber nicht mitfahren konnten. Ihre Schicksale können nun in die Geschichte der Kindertransporte aufgenommen werden. Ihre Familien werden als Kindertransport-Familien anerkannt werden, auch wenn ihre Kinder nicht geflohen sind. Wir werden auch das Schicksal von Familienmitgliedern der geflohenen Kinder nachverfolgen können, also das ihrer Eltern und Geschwister, die nicht fliehen konnten.

Das Familienleben der Berliner Kinder war unglaublich vielfältig. Einige kamen aus orthodoxen Familien, andere hingegen hatten einen religiös nicht praktizierenden oder multireligiösen Hintergrund. Noch andere kamen aus Waisenhäusern und hatten deswegen keine Verbindungen zu ihren Herkunftsfamilien.

Die Familie von Peter Jonas in glücklicheren Tagen, 1925 (v. l. n. r., stehend): Vater, Dr. Erich Jonas, gestorben 1938 infolge unzureichender medizinischer Versorgung während des Novemberpogroms; Otto Loewenthal, mit seiner Frau und den beiden gemeinsamen kleinen Kindern in Auschwitz ermordet; Großvater Gustav Loewenthal, 1935 eines natürlichen Todes gestorben; Dr. Rudolf Loewenthal, 1933/34 nach Peking geflohen; (v. l. n. r., sitzend): Mutter Annie Klestadt (geb. Loewenthal, verw. Jonas), geflohen im November 1940 nach China und sein älterer Bruder Gerhard (Gershon) Jonas, der kurz vor Kriegsbeginn nach Palästina floh; seine Großmutter Emilie Loewenthal, die 1938 Selbstmord beging

Die Familie von Peter Jonas in glücklicheren Tagen, 1925 (v. l. n. r., stehend): Vater, Dr. Erich Jonas, gestorben 1938 infolge unzureichender medizinischer Versorgung während des Novemberpogroms; Otto Loewenthal, mit seiner Frau und den beiden gemeinsamen kleinen Kindern in Auschwitz ermordet; Großvater Gustav Loewenthal, 1935 eines natürlichen Todes gestorben; Dr. Rudolf Loewenthal, 1933/34 nach Peking geflohen; (v. l. n. r., sitzend): Mutter Annie Klestadt (geb. Loewenthal, verw. Jonas), geflohen im November 1940 nach China und sein älterer Bruder Gerhard (Gershon) Jonas, der kurz vor Kriegsbeginn nach Palästina floh; seine Großmutter Emilie Loewenthal, die 1938 Selbstmord beging

Eines dieser Berliner Kinder war Peter Lutz Jonas. Er hatte dem Anschein nach zunächst eine idyllische Kindheit. Mit der Mutter ging er in der benachbarten Bäckerei einkaufen, sein Vater nahm ihn gelegentlich mit in seine Fabrik in der Wallstraße 16, wo er Hutdekorationen herstellte. Peter vergötterte seinen großen Bruder und ging gern im Grunewald spazieren. Die Zersplitterung seiner Familie begann aber schon, bevor er mit dem Kindertransport Berlin verließ. So fand man seine Großmutter mütterlicherseits im August 1938 erhängt in ihrem angemieteten Zimmer. Sein Vater starb nur wenige Wochen nach dem Novemberpogrom. Sein Bruder hatte zu diesem Zeitpunkt Berlin bereits in Richtung Niederlande verlassen. Die Familientradition fand auch insofern einen Abbruch, als Peter aufgrund all dieser Umwälzungen nie seine Bar Mitzwa feiern konnte.

Peter wohnte in Berlin an drei verschiedenen Adressen. Zu seiner Geburt im Jahr 1925 wohnte die Familie in der Bayreuther Straße 38. 1935 zog sie in die Ilmenauer Straße 9. Im Februar 1939 zogen Peter und seine Mutter in die Brandenburgische Straße 38. Nach dem Tod des Vaters fand die Mutter einen neuen Partner. Sie heirateten 1940, nachdem Peter mit dem Kindertransport Berlin ver-lassen hatte. Die neue Familie würde er erst nach dem Krieg wiedersehen, da seine Mutter und ihr neuer Partner den Krieg im Ghetto von Shanghai überlebten. Seinem Onkel, der die chinesische Staatsbürgerschaft besaß, war es zu verdanken, dass seine Mutter entkommen konnte. Einem Brief seiner Großmutter ist zu entnehmen, dass er zunächst nicht mit dem Kindertransport mitfahren wollte, weil er zuerst Gewissheit haben wollte, dass seine Mutter in Sicherheit war. Im Juni 1939 floh Peter dann doch. Sein Weg führte von Berlin nach Hamburg, wo er an Bord der S.S. Washington ging, die nach Southampton fuhr. Peter hat in England nie wieder ein Gefühl für Familie entwickeln können. Bei seiner Ankunft gab es dafür zunächst noch Hoffnung, denn er lebte in einer Familie, die ihn wie einen der ihren annahm. Aber das war nur von kurzer Dauer. Schon bald wurde er auf eine Internatsschule geschickt, was ihm das Gefühl gab, die Familie habe ihn fallen gelassen. Später lebte er in Birmingham in einer Flüchtlingsunterkunft, wo er eine Familie von Schicksalsgenossen fand. Manche Kinder waren mit ihren „Schulfamilien“ unterwegs, weil Lehrer und Schüler zusammen nach Britannien gereist waren, aber Peter musste ganz neue Beziehungen aufbauen.

Peter Jonas 1945 in der Uniform der britischen Armee

Peter Jonas 1945 in der Uniform der britischen Armee

Nach dem Krieg ging Peter nach Amerika, doch sein Bruder hatte sich in Israel niedergelassen. Für den Rest seines Lebens blieb die Familie weit zerstreut, auch wenn sie zu Familientreffen zusammenkam. Peter besuchte tatsächlich wieder Berlin, wie auch seine Tochter Annette. Als sie vor dem Haus Ilmenauer Straße 9 stand, hatte sie das Empfinden, bleiben zu wollen. Die Adresse markierte den Ort, an dem die Familie noch intakt gewesen war, bevor sie in alle Winde zerstreut wurde. Hingegen tat ihr der Anblick des Hauses Brandenburgische Straße 38 weh, weil es nur ein Zwischenstopp auf dem Weg ins Exil gewesen war. Sie verspürte eine Leere, da dies der Ort war, an dem die Familie endgültig getrennt wurde.

Seit Annette die Transportliste ihres Vaters erhalten hat, bemüht sie sich, Kontakt zu Überlebenden zu finden, die zusammen mit ihrem Vater auf demselben Transport waren. Wenn diese Überlebenden auch nicht zu ihrer unmittelbaren Familie gehören, sind sie doch Teil ihrer umfassenderen Familiengeschichte. Zwar gelang es ihr, Kontakt zu Angehörigen der nächsten Generation aufzunehmen, aber noch immer sucht sie verzweifelt nach Menschen, die tatsächlich mit ihrem Vater auf demselben Schiff waren. Sie verbringt viel Zeit damit, die Namen auf der Transportliste zu durchforsten, um die Geschichten hinter den Namen aufzudecken. Tief betroffen ist sie von der Vielzahl der Familien, die nie wieder vereint wurden.

Ich arbeite für die Association of Jewish Refugees (AJR). Die AJR ist eine Familie von Flüchtlingen, die Holocaust-Überlebende in Britannien und vielen Teilen der Welt unterstützt. Unsere Hoffnung ist es, in den Jahren 2028/29 anlässlich des 90. Jahrestags der Kindertransporte mithilfe der Eröffnung einer neuen Ausstellung und einer neuen Datenbank Familien zusammenzuführen. Die AJR hat es sich auch zur Aufgabe gemacht, Menschen bei der Erforschung ihrer Familiengeschichte zu unterstüt-zen. So helfen die Transportlisten Familien, ihre deutsche Staatsbürgerschaft zurückzuerlangen. Für Annette sind die Kindertransporte so etwas wie eine Grenze zwischen einem bekannten und einem unbekannten Leben. Da gilt es noch so viel zu erforschen und so viele Dokumente zu finden. Annette hofft, dass es ein Familientreffen in Berlin geben wird, bei dem sie ihrem Vater, ihren Großeltern und ihrem Onkel Stolpersteine widmen möchte. Das hat sie sich zum Ziel gesetzt.


Die AJR leistet im Vereinigten Königreich soziale und finanzielle Unterstützung sowie Pflegehilfe für Holocaust-Flüchtlinge und -Überlebende. Ihr Ziel ist, dass Menschen, die unter den Nazis verfolgt wurden, nie wieder Not leiden müssen. Sie ist die einzige Wohltätigkeitsorganisation, die sich ausschließlich dieser Gemeinschaft widmet und sich zudem verpflichtet hat, die Erinnerung an den Holocaust wachzuhalten sowie das Wissen darüber und die Forschung dazu unter zukünftigen Generationen zu fördern. Weitere Informationen: www.ajr.org.uk/join-ajr/membership

Kontakt

Der Regierende Bürgermeister von Berlin
- Senatskanzlei -

Redaktion Zeitschrift aktuell

Amelie Müller