Editorial

Portrait Michael Müller - Regierender Bürgermeister von Berlin
Bild: Senatskanzlei/Martin Becker

Liebe Leserin, lieber Leser,

ein überaus herzlicher Brief erreichte mich aus Bellevue (USA). Die Absenderin, geboren 1921 in Charlottenburg, hat eine temperamentvolle Liebeserklärung an aktuell verfasst und vor allem an ihre Heimatstadt Berlin voller Erinnerungen. Anknüpfend an meinen Satz im Editorial der letzten Ausgabe von aktuell, wonach Sie, die jüdischen Berlinerinnen und Berliner in aller Welt, mit ihrer Heimatstadt auch großes persönliches Leid verbinden, schreibt sie: „Meine Stadt und meine Heimat krümmten mir (uns) kein Haar! Es waren die Menschen der damaligen Zeit. Und auch nicht mal alle Menschen.“ Danke, liebe aktuell Leserin, für Ihren Brief. Und Sie haben Recht: Die Menschen waren damals und sind heute für ihre Handlungen verantwortlich. Auch in der Nazizeit musste niemand wegschauen, als Juden erst aus ihren Berufen verdrängt, dann wie in der Reichspogromnacht Opfer offener Gewalt und schließlich deportiert wurden. Manche Deutsche hatten Mut und halfen verfolgten Juden. Aber die große Mehrheit zeigte kein Mitgefühl. Erst die Hinnahme der Judenverfolgung durch die deutsche Bevölkerung machte Auschwitz möglich.

Auch Margot Friedländer wurde 1921 in Berlin geboren. Sie hat schöne Erinnerungen an ihre Berliner Kindheit bis 1933, als sie dem jüdischen Sportverein „Bar Kochba“ beitrat. Ihr jüngerer Bruder Ralph wurde Boxer bei Maccabi. 1943 wurden Ralph und seine Mutter nach Auschwitz deportiert und ermordet. Margot Friedländer tauchte in Berlin unter, wurde entdeckt und nach Theresienstadt deportiert. Sie überlebte und emigrierte 1946 nach Amerika. 2010 kehrte sie in ihre alte Heimatstadt zurück. Sie sah ein neues, weltoffenes Berlin und verfolgt seither eine sehr verdienstvolle Mission: jungen Menschen zu berichten, was sie in der Nazi-Zeit erleben musste. Margot Friedländer hat ein Buch geschrieben („Versuche dein Leben zu machen. Als Jüdin versteckt in Berlin“), es gibt einen Film über ihre Rückkehr nach Berlin („Don’t call it Heimweh“). Jetzt hat sie, 89 Jahre nachdem sie in Berlin einem jüdischen Sportverein beigetreten ist, in diesem Sommer anlässlich der erstmals in Berlin ausgetragenen Maccabi Games eine Rede an die Athletinnen und Athleten gehalten. Sie ist in dieser Ausgabe von aktuell abgedruckt. Niemand wird behaupten wollen, dass sich hier ein Lebenskreis geschlossen habe. Zuviel Leid hat auch Margot Friedländer erfahren müssen. Und doch ist es eine beglückende Erfahrung, dass nicht nur das größte und bedeutendste jüdische Sportfest 70 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz sehr erfolgreich in Berlin ausgetragen wurde, sondern dass diesem Fest auch eine Frau beiwohnen konnte, die als Mädchen der jüdischen Sportbewegung angehörte und nach dem Willen der Nazis nicht hätte überleben dürfen. Wie heißt es in dem Brief der aktuell Leserin? „Es waren die Menschen“. Und es sind auch heute die Menschen, die Gesicht zeigen für ein tolerantes und weltoffenes Klima in Berlin und es jüdischen Menschen so möglich machen, ihre alte Heimat zu besuchen oder wie Margot Friedländer ganz zurückzukehren. Es ist uns eine Verpflichtung, dass Menschen wie zahlreiche aktuell Leserinnen und Leser in aller Welt, darunter jene sympathische Briefschreiberin, Berlin im Herzen tragen können oder wie Margot Friedländer gerne in unserer Mitte leben wollen.

Eine anregende Lektüre wünscht Ihnen

Ihr Michael Müller
Regierender Bürgermeister von Berlin