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Editorial

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es wird viel gebaut in der deutschen Hauptstadt. Baustellen und Kräne prägen das Bild Berlins. So erlebt die City West zwischen Gedächtniskirche und Bahnhof Zoo ein „face lifting“. Und in atemberaubendem Tempo schreitet das größte Bauprojekt der Region, der neue Hauptstadtflughafen Berlin Brandenburg International (BBI) im Südosten der Stadt seiner Vollendung entgegen. In zwei Jahren, am 30. Oktober 2011, beginnt der Flugbetrieb.

Berlin wird seinen gesamten Flugverkehr am neuen Hauptstadtflughafen bündeln. Das bedeutet, dass die beiden innerstädtischen Flughäfen Tempelhof und Tegel für neue Zwecke genutzt werden können. In Tempelhof wurde der Flugbetrieb bereits eingestellt. Nun hat sich mit einem Paukenschlag die international erfolgreiche Modemesse Bread & Butter von einem „Ausflug“ nach Barcelona auf heimischem Terrain zurückgemeldet. Für zwei Monate pro Jahr mit einer Laufzeit von 10 Jahren hat die Bread & Butter alle sieben Hangars, die Haupthalle sowie die Vorfeldflächen des Flughafens Tempelhof – insgesamt 60 000 Quadratmeter – gemietet. Im Juli fand die erste Bread & Butter nach der Rückkehr statt; parallel lud die Fashion Week zu Modeschauen in der ganzen Stadt – ein fulminanter Erfolg für Berlin als „place to be“ für Kreative und Talente aus aller Welt.

Berlin zieht an. Diese Erfahrung konnte man 2009 auch während der Leichtathletik-Weltmeisterschaft machen, als die besten Athleten im umgebauten Olympiastadion antraten und sich von einer Woge der Sportbegeisterung des Berliner Publikums zu ihren Erfolgen tragen ließen. Für die Attraktivität der Stadt sorgt aber auch täglich eine Vielzahl von kulturellen Highlights. Eines der Zugpferde feierte in diesem Jahr sein 25-jähriges Bestehen: der Friedrichstadtpalast. In diesem Berliner Revuetheater lebt eine große, traditionsreiche Kunst weiter, die oft als leicht verschrien wird. Aber jeder, der einen Abend im Friedrichstadtpalast erlebt hat, der ahnt: Das Leichte, das Federleichte, das ist oft das Schwerste.

Berlin zieht aber auch wegen seiner bedeutenden Museen an und weil einem in der Stadt auf Schritt und Tritt die Geschichte begegnet. Gerade in diesem Jahr erinnern wir uns mit vielen Veranstaltungen an die Ereignisse vor 20 Jahren, als im Herbst 1989 die Friedliche Revolution in ganz Mittel- und Osteuropa die Berliner Mauer zum Einsturz brachte und das Ende des Kalten Krieges einläutete. Berlin hat als nunmehr wieder vereinigte Stadt von diesen historischen Ereignissen wie keine andere Metropole profitiert und sich seit den frühen 90er Jahren rasant gewandelt.

Der Aufbruch ging einher mit einer intensiven Auseinandersetzung mit der jüngeren Geschichte. Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas im Zentrum der Stadt dient jährlich Millionen Berlinern und ihren Gästen zur Erinnerung an das Menschheitsverbrechen der Shoa. Viele andere Orte, wie nun auch die neue Gedenkstätte „Stille Helden“, erinnern in Berlin aber nicht allein an die Verbrechen und ihre Opfer, sondern auch an den Mut Einzelner, die Juden vor der Verfolgung bewahrt haben. Und machen uns die Handlungsspielräume und die Verantwortung des Einzelnen für eine Gesellschaft bewusst, die Menschen unterschiedlicher Herkunft, Hautfarbe, Religion und Lebensweise Respekt und Toleranz entgegenbringt. Wenn heute die Studenten des Touro College ihren Abschluss erhalten haben, dann werden sie mit Berlin nicht nur den Ort verbinden, an dem die Verbrechen an den Juden befohlen und organisiert wurden, sondern sie werden Berlin auch als eine Stadt wahrnehmen, in der sie den Holocaust studiert und wichtige Jahre ihres Lebens verbracht haben – eine Stadt, die sich der Geschichte stellt und in der sich wieder jüdisches Leben entfaltet.

Es lohnt sich, nach Berlin zu kommen.


Ihr
Klaus Wowereit
Regierender Bürgermeister von Berlin