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Editorial

Wowereit

2011 war – wieder einmal – ein besonderes Gedenkjahr für Berlin: Im Blickpunkt standen der Bau der Berliner Mauer vor 50 Jahren, aber auch 125 Jahre Kurfürstendamm ( aktuell berichtete über beide Ereignisse in seiner letzten Ausgabe). Ebenfalls unter großer öffentlicher Anteilnahme fand eine Gedenkveranstaltung aus Anlass der ersten Deportation Berliner Juden vor 70 Jahren statt. Am 18. Oktober 1941 wurden die ersten 1.089 jüdischen Kinder, Frauen und Männer von Gleis 17 des Bahnhofs Grunewald ins Ghetto Litzmannstadt deportiert. Zu jenen, die im Frühjahr 1943 von Gleis 17 aus die Reise in den Tod antreten mussten, gehörten auch Adolf, Selma und Merry Hanna Veit sowie deren Cousine Meta Veit, die am Kurfürstendamm das koschere „Speisehaus Veit“ betrieben. In diesem Sommer wurden im Rahmen einer Feierstunde auf dem Kurfürstendamm für die ermordeten Mitglieder der Familie Veit Stolpersteine verlegt – im Beisein von Siegbert Veit, der sich vor fast 72 Jahren an dieser Stelle von seinem Vater Adolf Veit verabschieden musste. So verbinden sich in Berlin immer wieder erschiedene historische Fäden – in diesem Fall das Kudamm-Jubiläum und das Gedenken des Holocaust – zu einem komplexen Erinnerungsgewebe.

Dass im Wortsinn mitunter tief gegraben werden muss, um historische Schichten freizulegen, beweisen die archäologischen Ausgrabungen in der Umgebung des Berliner Rathauses, über die aktuell bereits in seiner letzten Ausgabe berichtete. Nun gibt es neue Funde, die auf den Großen Jüdenhof, das Zentrum des jüdischen Lebens im mittelalterlichen Berlin, hinweisen könnten. Nicht weit davon entfernt, am Hausvogteiplatz, befand sich im 19. Jahrhundert das Zentrum der Berliner Modeszene. Zu deren Protagonisten zählten vor allem zahlreiche jüdische Couturiers wie die Firma „Gebrüder Mannheimer“ oder Hermann Gerson, der mit seinem Konfektionshaus am Werderschen Markt 5 zum Hoflieferanten für halb Europa aufstieg. Heute erinnert das „Denkzeichen Modezentrum Hausvogteiplatz“ an diese bewegte Geschichte, die von den Nationalsozialisten brutal beendet wurde. Letzteres gilt auch für die herausragende Bedeutung jüdischer Gelehrter für Forschung und Wissenschaft vor 1933. Albert Einstein verließ mit schlimmen Vorahnungen im Dezember 1932 die Stadt Richtung Princeton und kehrte nie wieder zurück. Doch zumindest sein Name ist jetzt wieder da. Die nach ihm benannte Einstein Stiftung fördert Berlins Spitzenforschung und macht ihre herausragenden Qualitäten international sichtbar.

Auch jüdisches Leben blüht heute wieder in Berlin auf. Darauf sind wir sehr stolz. Für jede jüdische Glaubensrichtung in Berlin gibt es eine eigene Synagoge – insgesamt 13 an der Zahl. Interessante Einblicke in ein ebenso junges wie spannendes jüdisches Kulturprojekt, den Ariella Verlag, lesen Sie in diesem Heft. Außerdem: größere und kleinere Gedenkanlässe, von 50 Jahre Ampelmännchen bis zum 300. Geburtstag Friedrichs II. im nächsten Jahr. Diese Themen und einige mehr finden Sie in der neuesten Ausgabe von aktuell .

Viel Freude beim Lesen wünscht Ihnen

Ihr

Unterschrift Wowereit

Klaus Wowereit
Regierender Bürgermeister von Berlin