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Editorial

Wowereit

der 3. Oktober 1990 gehört zu den glücklichsten Tagen in der Geschichte Berlins. Nach mehr als vier Jahrzehnten der Sehnsucht nach Einheit, Freiheit und Selbstbestimmung in Ost und West ging dieser Traum endlich in Erfüllung.

Man mag kaum glauben, dass dieses historische Ereignis nun bereits 20 Jahre zurückliegt. Inzwischen ist eine ganze Generation volljährig geworden, die nichts anderes kennt als das ungeteilte Berlin. Anders als früher viele ihrer Eltern oder Großeltern können sie selbst über ihr Leben entscheiden, sie können die Welt kennenlernen, im Ausland studieren und die Zukunft nach ihren Vorstellungen gestalten.

Wir sind dankbar für diese Entwicklung. Dennoch dürfen wir nie vergessen, dass Freiheit und Demokratie keine Selbstverständlichkeit sind, sondern täglich aufs Neue verteidigt werden müssen. Besonders wichtig ist uns deshalb, dass sich auch Jugendliche mit der Vergangenheit auseinandersetzen. Denn wir wissen: Nur wer die Geschichte kennt, kann eine positive Zukunft gestalten.

Eine große Bedeutung haben dabei die vielen authentischen Erinnerungsorte in der Stadt. Geschichte wird hier konkret und intensiv erfahrbar. Viele Besucherinnen und Besucher, darunter regelmäßig Schulklassen, fühlen sich durch diese Form der Präsentation besonders stark zur Weiterbeschäftigung mit der Geschichte angeregt.

Es war deshalb ein wichtiger Tag für Berlin und für alle, die gegen das Vergessen kämpfen, als wir im Mai das Dokumentationszentrum „Topographie des Terrors“ eröffnen konnten. Einst hatten auf dem Gelände unweit des Potsdamer Platzes Gestapo, SS-Führung und Reichssicherheitshauptamt ihre Hauptquartiere. Kaum ein anderer Ort in Berlin ist so eng mit Terror und Völkermord verbunden wie dieser. Mit der „Topographie des Terrors“ und insbesondere dem neuen Dokumentationszentrum ist es – nicht zuletzt dank des Engagements von Berliner Bürgerinnen und Bürgern seit den 1980er-Jahren – gelungen, im Zentrum der deutschen Hauptstadt einen Ort zu schaffen, der eindrucksvoll über die Schaltzentralen des SS- und Polizeistaats informiert und die europäische Dimension der NS-Schreckensherrschaft sichtbar macht. In dieser Zeitschrift finden Sie dazu einen ausführlichen Bericht.

Auch der Artikel über die traditionsreiche Blumengroßmarkthalle an der Friedrichstraße informiert Sie über eine geplante Veränderung in der Stadt. Bald wird dort eine Zweigstelle des benachbarten Jüdischen Museums residieren. Angesichts des enormen Besucherinteresses in den vergangenen Jahren möchte das Museum nun eine Akademie einrichten und neuen Raum für Kultur- und Bildungsveranstaltungen sowie die Bibliothek schaffen. Die Umsetzung des Erweiterungsbaus erfolgt übrigens abermals nach den Plänen des renommierten Architekten Daniel Libeskind, der bereits das zickzackförmige Museumsgebäude an der Lindenstraße entworfen hatte.

Wie gewohnt, finden Sie in diesem Heft natürlich noch eine ganze Reihe weiterer interessanter Geschichten, zum Beispiel über Berlins erstes Telefonbuch, das zehnjährige Jubiläum des Onlineportals für jüdisches Leben in Berlin oder über den aktuellen Stand von Berlins Hauptstadtkampagne „be Berlin“, über die wir bereits in einer der vorherigen Ausgaben informiert haben.

Ich hoffe, dass wir auch mit den anderen Themen in diesem Heft Ihr Interesse wecken können und wünsche Ihnen eine anregende Lektüre.

Ihr

Unterschrift Wowereit

Klaus Wowereit
Regierender Bürgermeister von Berlin