Editorial

Klaus Wowereit
Klaus Wowereit, Regierender Bürgermeister von Berlin
Bild: Land Berlin

Liebe Leserin, lieber Leser,

der 9. November 1989 ist ein magisches Datum in der Geschichte Berlins. Die Nacht, in der sich die Mauer öffnete, stürzte die Stadt in einen kollektiven Glückstaumel. Und alle, die damals in Berlin dabei waren oder das Ereignis über die Medien verfolgten, wissen noch heute ihre Geschichte des 9. November zu erzählen: Die oft profane Tätigkeit, der man nachging, als die Nachrichten aus Ost-Berlin kamen, das ungläubige Staunen und schließlich dieses unbeschreibliche Glücksgefühl, das uns alle erfasste. Auch Sie, die treuen Leserinnen und Leser von aktuell, haben sich mit Berlin gefreut. Das war vielen Zuschriften an die Redaktion dieser Zeitschrift, aber auch persönlichen Begegnungen mit Emigrantinnen und Emigranten immer wieder zu entnehmen: Die Freude darüber, dass Ihre alte Heimat, in der Sie als Kinder und Jugendliche nach 1933 so viel Leid erfahren mussten, in der Sie ausgegrenzt und verfolgt, aus der Eltern, Geschwister, Freunde und Verwandte vertrieben, deportiert und ermordet wurden: dass diese Stadt den glücklichsten Moment ihrer jüngeren Geschichte erleben durfte.

Aus Freude wurde direkte Anteilnahme. Zahlreiche Emigrantinnen und Emigranten haben sich auf den Weg in ihre alte Heimatstadt gemacht. Sie wollten den Wandel, der das wiedervereinte Berlin erfasst hatte, aus erster Hand erleben. Sie haben die Stätten ihrer Kindheit und Jugend besucht, um sich zu erinnern und zu trauern. Sie waren und sind in unserer Stadt herzlich willkommen. Ihr Kommen ist das größte Kompliment und die schönste Auszeichnung für Berlin. Denn darin drücken sich Sympathie und großes Vertrauen in Berlin und seine Menschen aus. Ihre Erinnerungen helfen, Lücken des Gedenkens in Berlin zu schließen. Damit leisten die Emigrantinnen und Emigranten einen sehr wichtigen Beitrag zur Erinnerungskultur dieser Stadt. Berlins Geschichte ist lebendig. Auch und gerade seiner dunkelsten Kapitel wird an authentischen Erinnerungsorten, in Museen und Gedenkstätten vielfältig gedacht. Das Bedürfnis von Emigrantinnen und Emigranten, sich ihrer Herkunft zu erinnern, stößt auf das große Interesse der Berlinerinnen und Berliner selbst, Spuren jüdischer Kultur und jüdischer Leidensgeschichte in der Stadt zu identifizieren.

Diese sich aus vielen Quellen speisende bürgerschaftliche Erinnerungskultur ist ein wesentlicher Garant für Berlins Toleranz und Weltoffenheit. Das gilt sowohl für das Gedenken von Nazi-Diktatur, Weltkrieg und Völkermord als auch für die Erinnerung an deutsche Teilung, SED-Diktatur und Mauerbau.

Davon zeugt auch diese druckfrische Ausgabe von aktuell, welche die vielen Facetten der Berliner Gedenkkultur in bewährter Weise präsentiert – vom Mahnmal für die „Euthanasie“-Opfer über eine Stolperstein-Verlegung für die Inhaber von Moritz Dobrin’s Conditorei, die damals einige Filialen und einen guten Ruf in Berlin besaßen, bis hin zu spannenden, nach der Wiedervereinigung wiedergewonnenen Orten in Berlin. Aber auch über viel Neues wie den CityCube Berlin oder das Bikini Berlin berichtet diese Ausgabe.

Viel Freude bei der Lektüre wünscht Ihnen

Ihr Klaus Wowereit
Regierender Bürgermeister von Berlin