Berlin braucht mehr Wir-Gefühl

Wie geht es Familien in Berlin heute? Wir fragen Kazım Erdoğan. Der Psychologe ist seit vier Jahren Vorsitzender des Berliner Beirats für Familienfragen, der die Interessen der Familien in Berlin vertritt und den Senat familienpolitisch berät.

Regelmäßig lädt der Beirat zu Familienforen ein, um die Bedarfe der Familien zu erfragen und ihre Anliegen in den politischen Diskurs einzubringen

Regelmäßig lädt der Beirat zu Familienforen ein, um die Bedarfe der Familien zu erfragen und ihre Anliegen in den politischen Diskurs einzubringen

In Berlin gibt es sehr unterschiedliche Familienrealitäten. Welche Gruppen oder Lebenslagen hat der Beirat besonders im Blick?
Uns liegt jede einzelne Familie am Herzen. Trotzdem legen wir einen Schwerpunkt auf Menschen mit besonderen Bedarfen. Dazu zählen zum Beispiel Alleinerziehende, Familien mit Zuwanderungsgeschichte, Regenbogenfamilien und Familien, die von Armut betroffen sind oder mit gesundheitlichen Einschränkungen leben. Das sind die Menschen, die stärker von staatlicher Unterstützung abhängig sind und die wir gesellschaftlich nicht alleine lassen dürfen.

Wie geht es Familien in Berlin denn heute?
In unseren Familienforen kommen wir als Beirat regelmäßig mit Familien ins Gespräch, in allen Bezirken der Stadt. Dabei nehmen wir in den letzten Jahren verstärkt eine Belastungsgrenze wahr. Wir alle befinden uns in einer Zeit des Wandels, geprägt von globalen Krisen, wirtschaftlichem Druck und dem digitalen Umbruch. Aber für Familien wiegen diese Herausforderun¬gen besonders schwer, auch weil die Nachwirkungen der Coronapandemie noch spürbar sind. Viele Eltern berichten uns von einer tiefen Erschöpfung im Alltag und dass sie zum Teil mit mehreren Schwierigkeiten gleichzeitig zu kämpfen haben.

Ein zentrales Thema in unserer Stadt bleibt die angespannte Lage auf dem Wohnungsmarkt. Wenn Wohnraum knapp und teuer ist, dann hat das direkte Auswirkungen auf das Familienleben. Beengte Wohnverhältnisse erschweren ein gesundes Aufwachsen. Wo Kindern der Rückzugsort zum Lernen fehlt, entstehen Bildungsnachteile, die schwer aufzuholen sind. Auch ist es schade, wenn die persönliche Lebensplanung, etwa der Wunsch nach weiteren Kindern, allein an fehlenden Quadratmetern scheitert.

Neben dem Raum fehlt es vielen Familien schlichtweg an Zeit. Der Alltag gleicht oft einem Balanceakt zwischen Beruf und Sorgearbeit. Unflexible Arbeitsmodelle, bürokratische Hürden in der Verwaltung und zeitintensive Wege belasten das Familienleben zusätzlich. Auch die gerechte Aufgabenverteilung zwischen den Partnern ist noch nicht überall Realität. Kommen dann noch besondere Belastungen hinzu, gerät das Gefüge unter Druck.

"Ich wünsche mir für meine Familie..." - Schreibgespräch des Beirats für Familienfragen an einer Gemeinschaftsschule in Moabit

"Ich wünsche mir für meine Familie..." - Schreibgespräch des Beirats für Familienfragen an einer Gemeinschaftsschule in Moabit

Was macht Berlin attraktiv für Familien? Welche Strukturen und Angebote unterstützen sie im Alltag – und was bräuchte es noch?
Ich sage es mal so: Wo sonst gibt es in Deutschland eine Stadt, in der 180 Sprachen gesprochen werden und in der man so herrliches Essen aus aller Welt bekommt? Berlin ist einzigartig in seiner Vielfalt und worauf wir wirklich stolz sein können: Berlin gilt auch als eine der familienfreundlichsten Städte Europas und hat ein beachtliches Angebot an Unterstützung und Förderung. Dazu gehören zum Beispiel 49 Familienzentren, die Familien beraten, Kurse anbieten und einfach Orte der Begegnung sind. Jeder Bezirk hat ein eigenes Familienservice-Büro und eine Koordinierungsstelle für Alleinerziehende. Nicht zuletzt gibt es viele kostenlose Angebote: die Kitas, der Schulhort bis zur 3. Klasse, das Schulessen und das Schülerticket für den öffentlichen Nahverkehr.
Auch wenn nicht alles perfekt läuft, sollten wir den Blick auch auf das Positive richten. Berlin hat sogar ein eigenständiges Zentrum nur für Väter, was in der Form deutschlandweit einmalig ist. Die Rolle der Männer hat sich ja stark gewandelt, da können auch noch Strukturen nachwachsen, die diesen Wandel begleiten. Für den Ausbau einer modernen Arbeit mit Vätern und für Väter brauchen wir Verstetigung und angemessene finanzielle Rahmenbedingungen.
Berlin hat insgesamt also viel zu bieten. Allerdings kommen die Angebote gerade bei den Familien, die sie am dringendsten bräuchten, oft nicht an. Sei es, weil die nötigen Informationen fehlen, die sprachlichen Hürden zu hoch sind oder schlichtweg die Zeit im übervollen Alltag fehlt, um sich auf den Weg zu machen. Hier benötigen wir unbedingt mehr aufsuchende Arbeit, in der wir aktiv auf die Familien zugehen. Angebote müssen leicht zugänglich, vielfältig und bedarfsgerecht sein. Und ja, das kostet Geld. Aber es ist gut investiertes Geld, denn Familien sind unsere Zukunft. Die letzten Mittelkürzungen im Berliner Haushalt sind da ein völlig falscher Weg, weil sie wieder die Schwächsten treffen.

Kazım Erdoğan bei der Übergabe des Familienberichts 2025 an die Senatorin für Bildung, Jugend und Familie, Katharina Günther-Wünsch

Kazım Erdoğan bei der Übergabe des Familienberichts 2025 an die Senatorin für Bildung, Jugend und Familie, Katharina Günther-Wünsch

Warum ist es gerade jetzt wichtig, Familien zu stärken?
Starke Familien können ihren Familienmitgliedern in Zeiten des Umbruchs Halt geben. Gerade Kinder und Jugendliche brauchen stabile Beziehungen, verlässliche Strukturen und Menschen, die ihnen zuhören und die sie begleiten. Gestärkte Familien können diese Stabilität bieten – selbst dann, wenn sich äußere Rahmenbedingungen schnell verändern. Auf diese Weise stützen starke Familien auch die Gesellschaft und tragen zur Resilienz bei.

Umso wichtiger ist es, Familien wertzuschätzen, nicht über sie zu reden, sondern mit ihnen. Dafür braucht es eine bürgernahe Politik, die auf die Familien zugeht: in den Familienzentren und in ähnlichen Einrichtungen, um dort auf Augenhöhe ins Gespräch zu kommen. Und das nicht nur im Wahlkampf, sondern kontinuierlich.

Zur Resilienz gehört auch ein starkes Wir-Gefühl. In unserer Stadtgesellschaft trennen wir noch viel zu oft in „ich“ und „du“ oder „ihr“ und „wir“. Was uns da ganz konkret helfen würde, wären gemeinsame Veranstaltungen wie Straßenfeste oder Kulturangebote, bei denen Familien unterschiedlichster Herkunft und Lebensrealität zusammenkommen. Dort könnten wir im echten Kontakt das Verbindende stärken, anstatt die Unterschiede zu betonen.

Weitere Informationen: www.familienbeirat-berlin.de

Kontakt

Der Regierende Bürgermeister von Berlin
- Senatskanzlei -

Redaktion Zeitschrift aktuell

Amelie Müller