Eine Familie wie keine andere
Die Hochzeit 1932: Ruth und Lo im Kreise von Familie und Freunden
Bild: private collection of Peter Haa
von Peter Haas, Stockholm
Wo soll ich anfangen? Vielleicht bei diesem Hochzeitsfoto. Wir sehen meine Eltern, umgeben von Familie und Freunden, bei ihrer Hochzeit im September 1932. Joachim Prinz traut sie, ein junger, zionistisch gesinnter Rabbiner, der später in den Vereinigten Staaten Karriere machte, unter anderem als Berater eines Präsidenten und als engagiertes Mitglied der Bürgerrechtsbewegung.
Wer sind meine Eltern? Sie lernten sich 1930 bei der Alliance Française in Berlin kennen. Meine Mutter, Ruth Lachmann, war eine verwöhnte junge Frau und schon als Teenager eine begehrte Schönheit im Berliner Kulturleben. Die Ehe ihrer Eltern war noch von den Großeltern arrangiert worden. Meine Großmutter Aenne entstammte einer Familie wohlhabender Warenhausbesitzer – den Gebrüdern Alsberg. Mein Großvater Martin Lachmann kam aus einfachen Verhältnissen, hatte sich jedoch hochgearbeitet und bei der Allianz Karriere gemacht, wo er zu den erfolgreichsten Versicherungsagenten gehörte. Später trennten sich meine Großeltern. Aenne lebte fortan in München. Meine Mutter hatte einen Teil ihrer Schulzeit in der Schweiz verbracht, sprach fließend Französisch, Italienisch und Englisch und wollte ihr Französisch auffrischen.
Mein Vater, Leopold Haas, von meiner Mutter Lo genannt, wurde im fränkischen Oberelsbach als Sohn orthodoxer Eltern geboren. Sein Vater war Kaufmann und Lo hätte in seine Fußstapfen treten sollen. Doch im Alter von zehn Jahren verletzte er sich, lag ein Jahr im Krankenhaus und behielt ein verkürztes Bein zurück, weshalb er fortan hinkte. Seine Eltern meinten, er sei den körperlichen Anforderungen des Kaufmannsberufs so nicht gewachsen. Stattdessen ermöglichten sie ihm eine ordentliche schulische Ausbildung in Bad Kissingen und Würzburg. Vermutlich über familiäre Verbindungen erhielt er später in Halberstadt eine Anstellung bei Aron Hirsch und Sohn, dem damals weltweit größten Metall- und Erzhandelshaus. Bald wurde er als Vertreter des Unternehmens nach Paris entsandt, wo er mehrere Jahre lebte. Als die Firma schließlich ihre Niederlassung nach Berlin verlegte, kam auch Lo dorthin – und so begegneten sich meine Eltern.
Peter Haas als kleiner Junge mit einer jungen Löwin im Berliner Zoo
Bild: private collection of Peter Haas
Mein Großvater Martin lebt nur wenige Straßen von uns entfernt, in der Dahlmannstraße. Wir besuchen ihn häufig. Er ist vernarrt in sein einziges Enkelkind und verwöhnt mich mit Spielzeug und einem Tretauto, das ich im Hof unseres Hauses fahren darf. Wir unternehmen Ausflüge oder besuchen Veranstaltungen. Die Kinderopern „Peterchens Mondfahrt“ und „Hänsel und Gretel“ sind mir bis heute im Gedächtnis geblieben. Ich bekomme sogar einen Smoking mit kurzer Hose, um neben meinem Großvater in der Oper gut auszusehen. Ein Foto erinnert an einen Besuch im Zoo, ich mit einer jungen Löwin auf dem Schoß. Ganz geheuer war mir das offensichtlich nicht.
Ich erinnere mich daran, wie ich am Fenster saß und mich freute, wenn mein Vater vom Büro nach Hause kam. Nebenan lagen eine Polizei- und eine Feuerwache. Es war aufregend, die Einsatzfahrzeuge ausrücken zu sehen. Auch der Rummel in ganz Berlin anlässlich von Mussolinis Besuch bei Hitler – all der Lärm, die Sirenen und Paraden. Oder habe ich das alles später nur geträumt?
Oft besuchen wir Lucie Freund, die Tante meiner Mutter, in ihrem Modegeschäft. Ich probiere Hüte an – alle lachen! Im Internet erfahre ich, dass heutige Bewohner des Hauses an die einst dort lebenden und später deportierten Juden erinnern wollten. Vor dem Haus liegen nun vier Stolpersteine.
1938 ist in vielerlei Hinsicht ein schwieriges Jahr für unsere Familie. Die Lage der Juden in Deutschland ist inzwischen so verzweifelt, dass immer mehr von ihnen die Notwendigkeit erkennen, das Land zu verlassen.
Private Ereignisse verschärfen die Situation zusätzlich. Im Frühjahr muss das Büro meines Vaters unter dem Druck der Verhältnisse schließen. Die Tochtergesellschaft in Stockholm erweist sich als seine Rettung. Schweden hat die Einwanderung von Juden noch nicht vollständig gestoppt. Das geschieht erst im Herbst, als die deutschen Behörden auf Bitte Schwedens beginnen, ein „J“ in die Pässe zu stempeln, um jüdische Einwanderer in Schweden identifizieren und abweisen zu können. Mein Vater hat gute Empfehlungen von seinen schwedischen Geschäftspartnern erhalten und – obwohl es seitens des schwedischen Großhandelsverbands Proteste gegen die Einwanderung jüdischer Konkurrenten gibt – es wird ihm die Einwanderung zusammen mit seiner Familie gestattet. Aber mein Vater zieht allein nach Schweden. Die Familienverhältnisse haben sich geändert.
Peter und sein Großvater Martin Lachmann
Bild: private collection of Peter Haas
Was geschah nach unserer Ankunft in Stockholm? Leider gibt es keine Briefe, die darüber berichten. Plötzlich ist die Familie wieder vereint. Erst wohnen wir in einem Hotel, doch wenige Monate später ziehen wir nach Gärdet, einen neu angelegten Stadtteil Stockholms.
Die Eltern meines Vaters leiden in ihrem Dorf sehr unter Aufmärschen und Gewalt der Nazis. Lo gelingt es, ein Transitvisum zu erwirken, mit dem sie nach Schweden kommen. Nach einem Jahr reisen sie weiter zu ihrer Tochter und deren Familie in die USA – nach Finnland, mit dem Zug durch die Sowjetunion und über Japan in die Vereinigten Staaten. Ich frage mich, wie sie es geschafft haben, in der Zeit koscher zu essen …
Mein Großvater Martin zögerte zu lange, bevor er sich zur Emigration entschloss. Er wollte ins deutschsprachige Ausland, zunächst in die Schweiz, wo die Allianz eine Niederlassung hatte. Später hätte er praktisch jedes Land genommen. Aenne hingegen war entschlossen, in Deutschland zu bleiben. Martin wurde kurz vor der Reichspogromnacht im November 1938 entlassen. Die Versicherungspolicen seiner jüdischen Kunden wurden im Rahmen der „Sühneleistung“ herangezogen, um die in der Pogromnacht angerichteten Schäden zu begleichen. Er unternahm zahlreiche Emigrationsversuche, anfangs noch mit Unterstützung der Allianz. Regelmäßig schrieb er uns. Zwischen den Zeilen der zensierten Briefe konnten wir lesen, was er durchmachte. Die Briefe sind erschütternd. Bei meinen Vorträgen an Schulen sowohl in Schweden als auch in Deutschland haben sie stets einen tiefen Eindruck beim Publikum hinterlassen.
In seinem letzten Brief vom Oktober 1941 zeigt er sich optimistisch und glaubt an einen baldigen Frieden. Er wolle seine geliebte Heimat nicht verlassen. Im November 1941 wird er gemeinsam mit tausend anderen Juden nach Minsk deportiert und verschwindet. Als seine Schwester Lucie vom Schicksal ihres Bruders erfährt, selbst in Erwartung ihres Deportationsbefehls, nimmt sie sich das Leben. Im Januar 1942 wird Aenne vor ihrem Haus in München ermordet.
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Amelie Müller