Die Erzählung nie erzählter Wahrheiten

Irene Grumach-Shirun war eine renommierte Ägyptologin an der Hebräischen Universität Jerusalem. Ihre Kindheit verbrachte sie während des Krieges in Berlin – Erfahrungen, die ihr Leben tief prägten und die sie erst spät in ihren Memoiren verarbeitete.

Steiffteddy "Bär" auf der Bühne der Schaubude

Steiffteddy "Bär" auf der Bühne der Schaubude

von Jill Levenfeld, Jerusalem, Israel

Sie stellte sich mir als „Dr. Irene Grumach“ vor, als wir uns 2009 zum ersten Mal trafen. Trotz ihrer anfänglichen Förmlichkeit hatte ich das Gefühl, dass ich „Dr. Grumach“ bald beim Vornamen nennen würde – Irene. Mit stets liebevollem Respekt.

Wir trafen uns im Beit Moses, einem besonderen Seniorenheim in Jerusalem. Die Hausgemeinschaft bestand damals überwiegend aus Holocaust-Überlebenden. Irene, verwitwet und kinderlos, fühlte sich oft allein in dieser Welt. Ihre kürzlich aufgetretene Krankheit machte sie besonders verletzlich und ließ sie ihre eigene Sterblichkeit deutlich spüren. Ich war für diese Aufgabe vorbereitet, denn ich hatte die Schulung abgeschlossen, die AMCHA für Teilnehmerinnen und Teilnehmer in ihrem Freiwilligenprogramm anbietet.

Irene, Jahrgang 1937, lebte ihr Leben im Schatten der Shoah, belastet von vielen unerzählten Geschichten. Jahrzehntelang hatte sie sich für den Mantel des Schweigens entschieden, doch am Ende ihres Lebens, mit Zeit und Vertrauen, konnte sie sich dem Unerzählten zuwenden.

2019 begannen wir, an ihren Memoiren zu arbeiten: Irene, die Erzählerin, und ich, die Schreiberin. Sie stellte sich dem Trauma ihrer Kriegskindheit in Berlin und teilte mit mir ihre Erinnerungen an Hunger und Bombardierungen, an Deportationen und Angst.

Jill Levenfeld und Irene Grumach-Shirun lächeln strahlend in die Kamera

Jill Levenfeld und Irene Grumach, Schreiberin und Erzählerin

In all ihren Erzählungen spiegelte sich ihre Liebe zu Büchern wider. Die entscheidenden Schuljahre, in denen Kinder lesen und schreiben lernen, hatte Irene weitgehend alleine verbracht. Da sie keine Geschwister hatte, wurden Bücher zu ihren engsten Begleitern. Ihr Zuhause war geprägt von der Liebe zur Literatur und einem hohen Anspruch an „Bildung“, den ihre Mutter, ihr Vater und ihre Großmutter ihr vorlebten.

Die Familie wohnte in der Schlüterstraße 53 in Charlottenburg. Irenes Mutter, Margarete, stammte aus einer katholischen Familie aus Ostpreußen. Als ausgebildete Künstlerin förderte sie Irene darin, ihre kreative Seite zu entfalten und eine reiche Fantasie zu entwickeln. Dies begann mit Zirpine, einer imaginären Mäusefreundin, und BER, ihrem besonderen Steiff-Teddybären, der zu einer Konstante ihres Lebens wurde und ihr 82 Jahre lang Trost und Gesellschaft schenkte.

Irenes Vater, Dr. Ernst Grumach, entstammte einer jüdischen Familie aus Ostpreußen und war ein angesehener klassischer Philologe. 1941 wurde er vom nationalsozialistischen Reichssicherheitshauptamt gezwungen, eine Gruppe von über 20 jüdischen Akademikern zu leiten. Ihre Zwangsarbeit bestand darin, ein bis zwei Millionen Bücher zu katalogisieren, die die Nazis aus privaten und öffentlichen jüdischen Bibliotheken in ganz Europa geraubt hatten. Tragischerweise wurden später fast alle Mitglieder der „Grumach-Gruppe“ nach Auschwitz deportiert und ermordet. Ernst Grumach litt zeitlebens unter einem schweren Überlebensschuld-Syndrom.

Irene trug das Trauma ihres Vaters ihr Leben lang mit sich, als wäre es ihr eigenes. Erst am Ende ihres Lebens fand sie den Mut, diese Erinnerungen in ihre Memoiren zu gießen. Die Verwandlung ihres Leids in Worte half ihr, zu fühlen, zu heilen und mit der Gewissheit zu leben, dass ihre Geschichten über ihren Tod hinaus Bestand haben würden.

Leider verstarb Irene im Februar 2021. Sie verließ diese Welt voller Würde – so, wie ich sie 2009 zum ersten Mal kennengelernt hatte. Seit Irenes Tod ist BER nach Berlin zurückgekehrt und erzählt ihre Geschichte. Als Zeitzeuge und Hauptdarsteller eines Theaterstücks tritt er in der Berliner Schaubude vor Schulkindern auf. Für das kommende Jahr wurde ich eingeladen, Irenes Geschichte im Rahmen der Veranstaltung „Denkmal am Ort“ in der Schlüterstraße zu erzählen, bei der an die Familie Grumach erinnert werden soll. BER wird dabei sein und alles bärzeugen.

Es folgen Auszüge aus Irene Grumachs Memoiren. Bei Interesse an der ganzen Geschichte wenden Sie sich bitte an: Chiffre 225201.

Meine imaginäre Freundin Zirpine
Die jüdischen Schulen waren geschlossen worden. An meinem fünften Geburtstag entschied mein Vater offiziell, mein Lehrer zu werden, da es mir als Jüdin verboten war, die Schule zu besuchen. Vater freute sich über diese Gelegenheit und begann, mir das Lesen und Schreiben beizubringen. Ich bekam ein kleines Buch, in dem die Buchstaben des Alphabets erklärt wurden. 1942 konnte mein Vater mich nicht weiter unterrichten, da er dafür keine Zeit hatte. Also erfanden er und meine Mutter eine imaginäre Freundin: eine Maus, genannt Zirpine Zirpevich, die mir regelmäßig Briefe schrieb. Eine clevere pädagogische Methode, um mich zum Schreiben zu motivieren.

Zirpine trat für einen winzigen Moment in unser Leben. Eine kleine Maus huschte über den Boden und stellte sich auf den Herd. Wir waren alle erstaunt, auch meine Großmutter. Wir sahen sie einmal und nie wieder. Doch das störte uns nicht. Sie wurde Teil unserer Familie. Jeden Abend legte ich ein Stück Brot neben ihr Mauseloch. Am Morgen fand ich einen Dankesbrief. Ich war so aufgeregt, dass ich sofort antwortete. So begann ein neues Ritual: Ich korrespondierte täglich mit Zirpine und lernte viel über sie: Sie hatte eine Familie und kleidete sich gern schön. Manchmal schickte ich ihr ein Stück Stoff, das sie als Kleid oder Schürze verwenden konnte.

handschriftlicher Brief von Zirpine an Irene

Brief von Zirpine an Irene

handschriftlicher Brief von Irene an Zirpine

Brief von Irene an Zirpine

handschriftlicher Brief von Zirpine an Irene

Brief von Zirpine an Irene

Zirpine lehrte mich das Lesen und Schreiben und sie lebte mir gutes Verhalten vor – ganz im Sinne meiner Eltern. Ein- oder zweimal schrieb sie in ihren Briefen, dass in der Nacht Bomben gefallen seien, und fügte hinzu: „Ich habe nicht geweint, wie tapfer von mir.“ Dann lobte sie MICH, weil ich im Schutzraum nicht geweint hatte. Die Korrespondenz dauerte ungefähr ein Jahr, bis ich etwa sechs Jahre alt war. Meine Eltern spürten wohl, dass ich bald herausfinden würde, wer hinter den Briefen steckte, und verfassten einen letzten Brief in Zirpines Namen: „Ich muss Berlin wegen der schweren Bombenangriffe verlassen.“ Viele Berliner suchten damals Zuflucht außerhalb der Stadt – so tat
es auch Zirpine.

Skizze eines Mädchens, völlig in ein Buch versunken

Irene, völlig versunken in einem Buch – Zeichnung von Irenes Mutter

Bücher werden zu Freunden
Ich lechzte nach Büchern, sie waren meine Fluchtmöglichkeit. Ich liebte das Lesen und freute mich auf neuen Lesestoff. Vater brachte heimlich Bücher aus der Bibliothek mit, obwohl dies streng verboten war. Jeden Sonntag schmuggelte er eine Sammlung Miniaturbücher ins Haus. Sonntagmorgens kletterte ich voller Vorfreude in sein Bett, um die wunderschön illustrierten Bücher zu erhalten.

Eine Reihe, die ich besonders liebte, hieß „Sonne und Regen“. Die Texte und Illustrationen faszinierten mich. Ich liebte diese Bücher wie Freunde. Einmal gab mir Vater das Buch entgegen unserer Gewohnheit schon an einem Samstag. Am nächsten Tag, dem Sonntag, hoffte ich auf ein weiteres – schließlich war das unsere Tradition. Doch als ich ihn darum bat, reagierte Vater sehr verärgert und nannte mein Verhalten „ungezogen“.

Ein Jahr später, als ich sechs Jahre alt war, brachte er mir „Dr. Dolittle“ mit. Ein Siegel, das ich auf der ersten Seite entdeckte, erinnerte mich daran, wo diese Bücher herkamen: „Zune gogen geminde Beuthen“ – aus der Bibliothek der gestohlenen Bücher. Eigentum der jüdischen Gemeinde Beuthen. Ich stellte mir das Kind in Beuthen vor, das von diesen Seiten „Dr. Dolittle“ gelesen hatte, und fragte mich, ob seine Familie den Krieg überleben würde. „Dr. Dolittle“ wurde eines meiner Lieblingsbücher und blieb bis ins Erwachsenenalter bei mir, begleitete mich bis nach Israel. Ich wusste jedoch, dass es nicht wirklich mir gehörte. Ich wollte es einem anderen Kind in Not schenken. In den 1990er-Jahren war die Lage äthiopischer Juden in Israel ein großes Thema. So spendete ich das Buch an ein Aufnahmezentrum in Mevaseret Zion, wo viele junge äthiopische Kinder sich an das Leben in Israel gewöhnten. Ich hoffe, dass Bücher diesen Kindern Trost spenden können, so wie „Dr. Dolittle“ mir in schweren Zeiten, als ich zwischen seinen Seiten in eine sichere imaginäre Welt flüchten konnte.

Skizze einer Mutter und Tochter mit Puppe auf dem Arm, gemeinsam über eine Buch gebeugt

Mutter und Tochter, gemeinsam vertieft in eine Geschichte – Zeichnung von Irenes Mutter

„Lebende Schatten“
Der 28. Februar 1943 war der Tag der „Fabrikaktion“. So wurde die Aktion genannt, bei der die letzten in Berlin verbliebenen Juden zur Deportation verhaftet wurden. Betroffen waren vor allem jüdische Zwangsarbeiter in Fabriken. Sie wurden an diesem Tag in den Betrieben, auf der Straße oder in ihren Wohnungen festgenommen.

Die Nazis kamen an diesem Tag zu unserer Wohnung, um meine Großmutter mitzunehmen. Mein Vater hatte wegen seiner Arbeit in der Bibliothek ein Freistellungsdokument für sich, seine Kollegen und auch seine Familienangehörigen. Er erklärte dem Nazi, dass dies illegal sei. Er ging mit dem Nazi und begleitete seine Mutter zum Sammelpunkt. Die Nazis wollten auch mich mitnehmen, doch meine Mutter, sehr bestimmt, sagte: „Das Kind ist ein Mischling, das Kind bleibt hier!“

Ich hatte große Angst – es war eine Woche vor meinem sechsten Geburtstag. Ich hatte schon die Deportation unserer Nachbarn, der Glaser-Schwestern, und unserer Mieterin erlebt. Als Vater und Großmutter abgeholt wurden, stand ich in der Tür zum Hof, weinte und schrie: „Pappi, geh nicht mit denen! DU WIRST NICHT WIEDERKOMMEN!“

Meine Mutter holte mich rein, nahm mich auf ihren Schoß und las mir aus einem meiner Lieblingsbücher vor: „Emil und die Detektive“ von Erich Kästner. Ich tauchte so in die Abenteuer ein, dass ich meine traumatische Realität ausblendete. Wie durch ein Wunder kam Vater noch am selben Abend zurück und Großmutter etwa drei Tage später. Ende der darauffolgenden Woche waren die meisten Berliner Juden deportiert.

Mein Vater konnte kaum fassen, dass er und seine Kollegen verschont geblieben waren. Er schrieb: „Ich bin der glücklichste Mann in Berlin.“ Doch die Freude währte nur kurz. Bis auf Dr. Breslauer, der ebenfalls eine christliche Ehefrau hatte, wurden später alle seine Kollegen nach Auschwitz deportiert. Mein Vater vergaß diese Menschen nie und schrieb später: „Ich glaube … wir Lebenden sind Schatten. Nur die Toten sind wirklich lebendig.“

Oma war nicht verschwunden. Ich habe sie wiedergefunden
Oma, meine geliebte Großmutter, war ein Anker in meinem Leben. Es war traumatisch gewesen, als die Nazis sie im März 1943 mitnahmen. Einige Tage später war sie zu unserer großen Erleichterung zurückgekehrt. Doch im Juli 1943 holten die Nazis sie endgültig.

Ich spielte gerade im Wohnzimmer, als sie hereinstürmten. Ich hörte einen Mann rufen: „Hier lebt Rika Grumach, geborene Mendelsohn. DIE WOLLEN WIR HABEN!“ Ich wusste, dass unsere letzten Momente mit Oma angebrochen waren. Sie gab mir einen Abschiedskuss, und ich weinte nicht. Ich habe nie verstanden, warum mir damals keine Tränen kamen. Oma zog ihren Mantel an und ging mit großer Würde hinaus, ihren Koffer in der Hand. Er wog nicht mehr als 25 kg, wie die Nazis es auf der Postkarte mit der Deportationsankündigung vorgeschrieben hatten.

Unzählige Male hat sich diese Abschiedsszene in meinen Gedanken wieder abgespielt. Ich nehme an, meine Mutter brachte Oma zum Lastwagen, und ich blieb allein zurück. Vater war in der Bibliothek. Ich versuchte, eine kleine Trauerzeremonie abzuhalten, aber entweder fand ich das zu langweilig oder wusste nicht, wie ich es anstellen sollte. Also ließ ich es bleiben, nahm meinen Teddy, Berchen, und spielte weiter. Doch von diesem Tag an glaubte ich, dass ich eine sehr kalte Person bin.

Viele Jahre später sah ich den Film „Shoah“ von Claude Lanzmann. Irgendwann konnte ich nicht mehr und musste die Vorführung vorzeitig verlassen. Zu Hause begann ich, zu schreiben – unwillkürlich über den Tag, als meine Großmutter deportiert wurde. Ich schrieb: „Als Oma deportiert wurde, war ich nicht traurig.“

1998 besuchte ich erstmals Theresienstadt. So ironisch es klingen mag: Für mich war es eine Gelegenheit, Oma „Hallo“ zu sagen, nicht „Auf Wiedersehen“. Es tat mir so gut, bei ihr zu sein. Von alten Postkarten, die Oma uns von dort geschickt hatte, wusste ich, dass sie an der Park Allee gelebt hatte. Ich fand ihr Haus und spürte, dass ich ihr nur noch einen Kuss am Türpfosten geben konnte. Ich sagte „Oma, ich war hier.“ Ich sagte es auf Hebräisch. Im Erinnerungsraum von Theresienstadt zündete ich eine Kerze an und sprach das Kaddisch.

Oma war im Juli 1943 deportiert worden und hatte vier Monate in Theresienstadt überlebt. Zu Beginn war sie noch relativ guten Mutes. Dann wurde sie sehr depressiv, wie schon oft in ihrem Leben. Schließlich kam sie in ein psychiatrisches Krankenhaus, was ironischerweise dazu beitrug, ihrem Lebensende Würde zu verleihen. Hannah Arendt, die eine Jugendfreundin meines Vaters war und Oma aus Königsberg gut gekannt hatte, sagte tröstend: „Zumindest ist Muttchen im Bett gestorben, zugedeckt mit einem Laken.“ In den Lagern hatten die Menschen damals keinen solch würdigen Tod.

Es war eine zutiefst tröstliche Erfahrung für mich, Oma in Theresienstadt 55 Jahre nach ihrem Tod „zu begegnen“. Sie half mir, innerlich abzuschließen. Oma war nicht verschwunden, ich habe sie wiedergefunden. Das war eine große Erleichterung, angesichts all der Qualen, die ich mir selbst bereitet hatte, indem ich den Augenblick ihrer Deportation wieder und wieder in Gedanken durchspielte. Erst mit der Unterstützung meiner Freundin Jill habe ich erkannt, dass ich doch getrauert hatte.

Berchen im Arm zu halten, als Oma deportiert wurde, ließ mich den Verlust fühlen. Das Schreiben dieser Memoiren hat mir geholfen, das tiefe Trauma meiner frühen Kindheit besser zu begreifen. All die Jahre konnte ich mir nicht vergeben, dass ich keine Trauer über meine Verluste gezeigt hatte. Doch beim Schreiben dieser Memoiren wurde mir klar, dass ich sehr wohl getrauert habe. Berchen war da, er hielt mich und meine Trauer.

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Amelie Müller