Oma war nicht verschwunden. Ich habe sie wiedergefunden
Oma, meine geliebte Großmutter, war ein Anker in meinem Leben. Es war traumatisch gewesen, als die Nazis sie im März 1943 mitnahmen. Einige Tage später war sie zu unserer großen Erleichterung zurückgekehrt. Doch im Juli 1943 holten die Nazis sie endgültig.
Ich spielte gerade im Wohnzimmer, als sie hereinstürmten. Ich hörte einen Mann rufen: „Hier lebt Rika Grumach, geborene Mendelsohn. DIE WOLLEN WIR HABEN!“ Ich wusste, dass unsere letzten Momente mit Oma angebrochen waren. Sie gab mir einen Abschiedskuss, und ich weinte nicht. Ich habe nie verstanden, warum mir damals keine Tränen kamen. Oma zog ihren Mantel an und ging mit großer Würde hinaus, ihren Koffer in der Hand. Er wog nicht mehr als 25 kg, wie die Nazis es auf der Postkarte mit der Deportationsankündigung vorgeschrieben hatten.
Unzählige Male hat sich diese Abschiedsszene in meinen Gedanken wieder abgespielt. Ich nehme an, meine Mutter brachte Oma zum Lastwagen, und ich blieb allein zurück. Vater war in der Bibliothek. Ich versuchte, eine kleine Trauerzeremonie abzuhalten, aber entweder fand ich das zu langweilig oder wusste nicht, wie ich es anstellen sollte. Also ließ ich es bleiben, nahm meinen Teddy, Berchen, und spielte weiter. Doch von diesem Tag an glaubte ich, dass ich eine sehr kalte Person bin.
Viele Jahre später sah ich den Film „Shoah“ von Claude Lanzmann. Irgendwann konnte ich nicht mehr und musste die Vorführung vorzeitig verlassen. Zu Hause begann ich, zu schreiben – unwillkürlich über den Tag, als meine Großmutter deportiert wurde. Ich schrieb: „Als Oma deportiert wurde, war ich nicht traurig.“
1998 besuchte ich erstmals Theresienstadt. So ironisch es klingen mag: Für mich war es eine Gelegenheit, Oma „Hallo“ zu sagen, nicht „Auf Wiedersehen“. Es tat mir so gut, bei ihr zu sein. Von alten Postkarten, die Oma uns von dort geschickt hatte, wusste ich, dass sie an der Park Allee gelebt hatte. Ich fand ihr Haus und spürte, dass ich ihr nur noch einen Kuss am Türpfosten geben konnte. Ich sagte „Oma, ich war hier.“ Ich sagte es auf Hebräisch. Im Erinnerungsraum von Theresienstadt zündete ich eine Kerze an und sprach das Kaddisch.
Oma war im Juli 1943 deportiert worden und hatte vier Monate in Theresienstadt überlebt. Zu Beginn war sie noch relativ guten Mutes. Dann wurde sie sehr depressiv, wie schon oft in ihrem Leben. Schließlich kam sie in ein psychiatrisches Krankenhaus, was ironischerweise dazu beitrug, ihrem Lebensende Würde zu verleihen. Hannah Arendt, die eine Jugendfreundin meines Vaters war und Oma aus Königsberg gut gekannt hatte, sagte tröstend: „Zumindest ist Muttchen im Bett gestorben, zugedeckt mit einem Laken.“ In den Lagern hatten die Menschen damals keinen solch würdigen Tod.
Es war eine zutiefst tröstliche Erfahrung für mich, Oma in Theresienstadt 55 Jahre nach ihrem Tod „zu begegnen“. Sie half mir, innerlich abzuschließen. Oma war nicht verschwunden, ich habe sie wiedergefunden. Das war eine große Erleichterung, angesichts all der Qualen, die ich mir selbst bereitet hatte, indem ich den Augenblick ihrer Deportation wieder und wieder in Gedanken durchspielte. Erst mit der Unterstützung meiner Freundin Jill habe ich erkannt, dass ich doch getrauert hatte.
Berchen im Arm zu halten, als Oma deportiert wurde, ließ mich den Verlust fühlen. Das Schreiben dieser Memoiren hat mir geholfen, das tiefe Trauma meiner frühen Kindheit besser zu begreifen. All die Jahre konnte ich mir nicht vergeben, dass ich keine Trauer über meine Verluste gezeigt hatte. Doch beim Schreiben dieser Memoiren wurde mir klar, dass ich sehr wohl getrauert habe. Berchen war da, er hielt mich und meine Trauer.