Ein vergessenes Kapitel deutschsprachiger Literatur

Im Juli 2025 eröffnete das Digitale Archiv jüdischer Autorinnen und Autoren in Berlin 1933–1945 (DAjAB). Es gibt den verfolgten Schriftstellerinnen und Schriftstellern im NS-Deutschland und Berlin der Jahre nach 1933 erstmals wieder eine Stimme.

verschiedene Werke jüdischer Autorinnen und Autoren, die nach 1933 in Berlin erschienen sind

verschiedene Werke jüdischer Autorinnen und Autoren, die nach 1933 in Berlin erschienen sind

von Professorin Kerstin Schoor, Europa-Universität Viadrina, Frankfurt (Oder)

Als 2010 die „New York Times“ die Exilromane „Der Tod des Widersachers“ und „Komödie in Moll“ als literarische Meisterwerke feierte, rückte mit deren spätem Ruhm auch der Erstlingsroman ihres damals bereits 100-jährigen Verfassers mit ins Blickfeld einer erstaunten amerikanischen Öffentlichkeit. Hans Keilsons Roman „Das Leben geht weiter“ war noch 1933 in Berlin erschienen. „1934 kam mein Buch auf die Verbotsliste“, erinnerte sich der Autor anlässlich der 1984 erschienenen Nachauflage des Romans. „Es war 1933 das letzte Debüt eines Juden im alten S. Fischer Verlag. Im selben Jahr bestand ich mein ärztliches Staatsexamen und wurde ebenfalls hinausgeworfen.“

Diese Ausgrenzung aus dem öffentlichen kulturellen Leben im NS-Deutschland betraf nicht nur den Schriftsteller und Psychoanalytiker Hans Keilson (1909–2011). Auch Namen wie Gertrud Kolmar (1894–1943), Nelly Sachs (1891–1970), Rudolf Frank (1886–1979), Arno Nadel (1878–1943), Mascha Kaléko (1907–1975), Karl Escher (1885–1972), Max Samter (1908–1999) oder Leo Hirsch (1903–1943) stehen stellvertretend für etwa 1.700 Autorinnen und Autoren jüdischer Herkunft, die nach 1933 nicht oder zunächst nicht aus Deutschland emigrieren konnten oder wollten.

Spätestens seit den Massenausschlüssen von jüdischen Schriftstellerinnen und Schriftstellern aus der Reichsschrifttumskammer im Frühjahr 1935 waren sie mit ihren Veröffentlichungen oder Lesungen auf einen schubweise gettoisierten und vom deutschen Kulturleben abgegrenzten jüdischen Kulturbereich verwiesen – und damit auch in ihrer schriftstellerischen Arbeit auf eine Daseinsform, die sie mehrheitlich kaum kannten.

Titelseite der "Jüdischen Rundschau" von April 1933 mit der Schlagzeile "Tragt ihn mit Stolz, den gelben Fleck!"

Titelseite der „Jüdischen Rundschau“ nach dem sogenannten Judenboykott am 1. April 1933

Buchdruck in der Druckerei Max Lichtwitz

Buchdruck in der Druckerei Max Lichtwitz

Ausgelöst durch die historischen Ereignisse verschärfte sich nicht nur das Empfinden, einer Schicksalsgemeinschaft anzugehören, sondern ebenso die Notwendigkeit einer Sinngebung jüdischer Existenz. Insbesondere innerhalb Deutschlands beinhaltete dies die Suche nach einem positiv formulierten eigenen Selbstverständnis – den Versuch einer Bewahrung und Neupositionierung des eigenen Selbstverständnisses in dem Moment, da dieses von außen vollständig infrage gestellt war. Eine geradezu explosionsartig einsetzende Produktion von Gedichten, Romanen, Novellen, Broschüren und Zeitungsaufsätzen ist dafür heute denkwürdiger zeithistorischer Beleg.

Neben etwa 30 jüdischen Verlagen wurden 146 jüdische Zeitungen und Zeitschriften mit Auflagenstärken bis zu 55.000 Exemplaren zu wichtigen literarischen Foren. Allein 24 Verlage und 66 dieser Presseorgane hatten ihren Sitz in Berlin. Die einstige Kulturmetropole der Weimarer Republik wurde zu einem wichtigen Zentrum jüdischer Kultur im NS-Deutschland. Im Schatten staatlicher Rassenpolitik und Zensur entstand eine Literatur, die auf die soziale Entrechtung, Ausgrenzung und Ermordung großer Teile des europäischen Judentums reagierte – und die heute ebenso unbekannt ist, wie viele ihrer Autorinnen und Autoren.

Startseite des Portals DAjAB mit Einleitungstext und verschiedenen Rubriken

Startseite des DAjAB

Das am 7. Juli dieses Jahres vom Axel Springer-Lehrstuhl für deutsch-jüdische Literatur- und Kulturgeschichte, Exil und Migration an der Europa Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) eröffnete Digitale Archiv jüdischer Autorinnen und Autoren in Berlin 1933–1945 (DAjAB) rekonstruiert dieses gewaltsam verdrängte und vergessene Kapitel kultureller und literarischer Entwicklungen.

Auf der Basis einer relationalen Datenbank mit derzeit etwa einer Million Informationen ermöglicht es einen umfassenden Zugang zu Leben und Werk von 1.014 jüdischen Autorinnen und Autoren, die nach 1933 unter den Bedingungen antisemitischer Ausgrenzung und Verfolgung in Berlin lebten und arbeiteten. Neben biografischen Informationen sind 500 Bücher und Tausende literarische Zeitungs- und Zeitschriftenbeiträge verzeichnet. Über 4.000 dieser Publikationen, die in ihrer Mehrheit nach 1945 nicht wieder aufgelegt wurden, können bereits digital eingesehen werden. Sie sind zudem über eine semantische Suchfunktion im Volltext durchsuchbar.

Bedeutende Persönlichkeiten kulturellen Lebens dieser Jahre, wie der Journalist und Schriftsteller Leo Hirsch, werden dadurch erstmals für ein internationales Publikum sichtbar. Die Initialen „L.H.“, von Nelly Sachs 1943 der Titelzeile ihres Gedichts „Der Pilger“ eingefügt und als eine ihrer „Grabschriften in die Luft geschrieben“, können leichter wieder entschlüsselt werden. Hirschs Erzählungen, Kritiken und Berichte, „in ihrer Mehrzahl Meisterwerke eines begabten, jungen Menschen“ (Ernst G. Lowenthal, 1966), sind in den Nachkriegsjahren ebenso in Vergessenheit geraten wie die Person des Autors selbst. Das DAjAB lädt zur Lektüre dieser Texte ein. Es macht Personen wie den letzten Dramaturgen des Jüdischen Kulturbundes und Mitarbeiter des „Jüdischen Nachrichtenblattes“ durch zahlreiche Verlinkungen innerhalb des Portals auch in ihrem Bemühen um eine Neukonstituierung jüdischen kulturellen Lebens im NS-Deutschland erkennbar.

Ausschnitt eines Berliner Stadtplans aus den 1930er-Jahren: Es sind zahlreiche Orte markiert, die mit dem jüdischen Literaturschaffen dieser Zeit in Verbindung stehen, zum Beispiel die Wohnhäuser von Arno Nadel in der Bamberger Straße und von Gertrud Kolmar in der Speyerer Straße

Nahezu 2.800 Orte jüdischen Lebens in Berlin sind auf einer Straßenkarte verzeichnet. Dadurch werden ungekannte Verbindungen sichtbar, wie die räumliche Nähe der Zwangswohnungen von Arno Nadel (A, Bamberger Straße 57) und Gertrud Kolmar (B, Speyerer Straße 10)

Indem das Portal über 1.110 kulturelle Veranstaltungen, Aktivitäten von etwa 2.200 Organisationen sowie Informationen über nahezu 2.800 Orte jüdischen Lebens in Berlin und dem Berliner Umfeld verzeichnet und auf einer historischen Online-Landkarte visualisiert, treten auch bislang ungekannte Verbindungen eines vergessenen literarischen Feldes deutlicher hervor. So erklärt die örtliche Nähe Gertrud Kolmars und Arno Nadels, die durch ihre Zwangsumzüge in sogenannte Judenhäuser an der Speyerer beziehungsweise an der Bamberger Straße in Berlin seit 1941 praktisch Nachbarn geworden waren, auch deren späten intellektuellen Kontakt. Noch unter den Bedingungen der einsetzenden Deportationen wird er in Nadels Tagebüchern wie in Kolmars späten Briefen deutlich – und über eine Filterfunktion der historischen Online-Karte im DAjAB visualisiert.

Das Portal ist damit eine Fundgrube für Neu- und Wiederentdeckungen innerhalb eines noch weitgehend unbekannten literarischen Feldes. „[D]as alles haben wir damals noch in der Verbrecherhoehle gemacht und machen duerfen bei allen Beschränkungen“, konstatierte der Schriftsteller Jakob Picard im April 1942 in einem Brief an Paul Amann. Er war überzeugt, dass man „[e]inmal“ auch dieses würde „darstellen muessen, was unter uns dort in jenen harten Jahren geschaffen worden ist…“. Die unter strengen Zensurmaßnahmen der NS-Behörden bis 1938 einem begrenzten jüdischen Publikum „öffentlich“ gewordenen Texte thematisieren häufig nur verdeckt das äußere Dasein ihrer Autorinnen und Autoren – einen Alltag von Beschränkungen und Entrechtung, von Demütigungen und Zwangsarbeit. Im Spannungsfeld von Rassenhass und Identitätssuche spiegeln die Texte die tiefen Erschütterungen jener Jahre in Darstellungen und Bildern der inneren Befindlichkeit einer ausgegrenzten und verfolgten Bevölkerungsgruppe. „Für uns Schriftsteller kommt es darauf an“, bekundete Martin Buber darüber hinaus in jenen Jahren, „so klug zu schreiben, daß die derzeit Mächtigen nicht gleich unsern Widerstand sehen […], so klug zu schreiben, daß uns viele Menschen gelesen haben, ehe man uns zur Verantwortung ziehen kann.“

Nach fast zehn Jahren Forschungs- und Aufbauarbeit ist das Digitale Archiv jüdischer Autorinnen und Autoren in Berlin 1933–1945 nun online nutzbar. Es verschafft dem „Wort der Stummen“ – wie die Schriftstellerin Gertrud Kolmar 1933 ihren damals unveröffentlicht gebliebenen Zyklus nannte – erstmals eine internationale Leserschaft. Mit über 16.000 Links zu weiteren Materialien in internationalen Archiven sowie circa 12.000 Verweisen auf ausgewählte Sekundärliteratur kann es zudem auch Forschenden den Weg zu weitergehenden Recherchen weisen.

Es ist auch heute jederzeit erweiterbar und offen für Ergänzungen, Korrekturen und neue Beiträge. Wenn Sie Hinweise, Informationen oder Materialien haben, schreiben Sie bitte an den Lehrstuhl unter: info@dajab.de.
Jede Unterstützung ist willkommen!

Das Portal und weitere Informationen finden Sie unter: www.dajab.de

Kontakt

Der Regierende Bürgermeister von Berlin
- Senatskanzlei -

Redaktion Zeitschrift aktuell

Amelie Müller