Zwangsräume – Eine Online-Ausstellung zu den „Judenhäusern“

Historisch interessierte Berlinerinnen und Berliner und heutige Bewohnerinnen und Bewohner betroffener Häuser haben zusammen mit Historikerinnen und Historikern die Geschichte von Zwangswohnungen in einem partizipativen Projekt erforscht. Entstanden ist die Online-Ausstellung „Zwangsräume. Antisemitische Wohnungspolitik in Berlin 1939–1945“, die dieses Phänomen nationalsozialistischer Verfolgung in Berlin systematisch darstellt und in den historischen Zusammenhang stellt.

Von Astrid Homann, Mitglied in der Projektgruppe „Zwangsräume“ und im Vorstand des Aktiven Museums

Stadtplan mit Kurzinfos und QR-Codes zu den 32 Hausgeschichten in der Online-Ausstellung.

Stadtplan mit Kurzinfos und QR-Codes zu den 32 Hausgeschichten in der Online-Ausstellung.

Vor gut einem Jahr wandte sich Christoph Kreutzmüller, Vorsitzender des Aktiven Museums Faschismus und Widerstand in Berlin e.V., mit einem Aufruf in der „aktuell“ Nr. 110 an die Leserinnen und Leser des Magazins: „Wir haben schon in vielen Archiven wertvolle Hinweise gesammelt, suchen aber immer noch nach Fotos, Briefen und Erinnerungen, insbesondere zum Leben in den Zwangsräumen. Falls Sie Erinnerungen oder Dokumente haben – vielleicht ein Foto in einer Wohnung, eine Mieterliste oder schriftliche Zeugnisse über die Zeit … würden wir uns sehr freuen, wenn Sie sich bei uns melden“. Darauf schrieben viele interessierte Angehörige von Verfolgten an die Forschungsgruppe, um herauszufinden, ob auch ihre Familie zur Zeit des Nationalsozialismus in Berlin in einer solchen Zwangswohnung leben musste.

Seit der Veröffentlichung der Online-Ausstellung im Herbst 2023 lassen sich auf einer Berlinkarte nun 791 Adressen mit Zwangswohnungen recherchieren, in die jüdische Mieterinnen und Mieter nach dem „Gesetz über Mietverhältnisse mit Juden“ vom 30. April 1939 zwangsweise einziehen mussten. Im Unterschied zu vielen anderen Städten im Dritten Reich gab es in Berlin keine „Judenhäuser“ – also Häuser in denen ausschließlich Jüdinnen und Juden wohnen mussten. Abgesehen von Altenheimen der Jüdischen Gemeinden und ähnlichen Einrichtungen wurden Jüdinnen und Juden vor der Deportation in Häuser eingewiesen, in denen auch nichtjüdische Menschen wohnten. Eine zweite Karte zeigt die Konzentration dieser Häuser in der Berliner Innenstadt: Durch den Abgleich der Daten aus der Volkszählung von 1939 mit den überlieferten Transportlisten der Jahre 1941 bis 1945 konnten die Zieladressen der Zwangsumzüge identifiziert werden. Für die Online-Ausstellung wurden alle Häuser berücksichtigt, in die nach Mai 1939 mehr als fünf jüdische Personen einzogen.

Plakate – wie hier in der Reinickendorfer Straße – verweisen auf die „Zwangsräume“ und die Online-Ausstellung.

Plakate – wie hier in der Reinickendorfer Straße – verweisen auf die „Zwangsräume“ und die Online-Ausstellung.

Zudem vertieft die Online-Ausstellung anhand von 32 Hausgeschichten, wie die Einweisung in diese Wohnungen ablief, unter welchen Bedingungen die betroffenen Jüdinnen und Juden dort lebten und wie die Wohnungen nach den Deportationen aufgelöst wurden. So befanden sich beispielsweise in der Mommsenstraße 55 in Charlottenburg rund 13 Zwangswohnungen, darunter eine jüdische Pension. Im Haus lebten mindestens 112 jüdische Menschen. Ein anderes Beispiel ist ein Mietshaus der als jüdisch kategorisierten Besitzerin Irma Löwenstein in der ehemaligen Prinz-Handjery-Straße 49 (heute: Briesestraße 75) im Neuköllner Rollbergviertel. Vor 1939 lebten keine jüdischen Bewohnerinnen und Bewohner im Haus. Nach 1939 wurden mindestens 15 jüdische Menschen in das Haus eingewiesen. Von ihnen wurden mindestens zwölf von dieser Adresse deportiert und ermordet.

Nicht zuletzt wurde der Launch der Online-Ausstellung von zahlreichen markanten „Interventionen“ im Stadtraum begleitet. So machten Großplakate und Litfaßsäulen mit historischen Fotografien und Zitaten ehemaliger jüdischer Bewohnerinnen und Bewohner in der unmittelbaren Nähe betroffener Häuser die Geschichte der Zwangsräume öffentlich. Hinzu kamen lokale Informations-Veranstaltungen in verschiedenen Stadtteilen und besondere Events wie eine Beamer-Projektion an einer Häuserwand in der Jablonskistraße 7 in Pankow. Anfänglich wurden die Standorte ehemaliger Zwangsräume im öffentlichen Straßenraum mit Sprühkreide markiert und mit dem Projektlogo und der Webadresse versehen. Nachdem in Berlin in Folge des Terrorangriffs auf Israel am 7. Oktober 2023 Häuser antisemitisch mit „Judensternen“ markiert wurden, entschied das Projekt jedoch, dieses Format einzustellen. An einigen der Häuser wurden bleibende Gedenkkacheln angebracht, die eigens für das Projekt entworfen wurden. Mit Porträtfotos erinnern sie dauerhaft an die jüdischen Bewohnerinnen und Bewohner der dortigen Zwangswohnungen. Über QR-Codes auf den Gedenkkacheln gelangt man direkt zu den jeweiligen Hausgeschichten und Biografien in der Online-Ausstellung.

Das Aktive Museum ist ein 1983 gegründeter Verein, der sich in Berlin um die öffentliche Erinnerung an den Nationalsozialismus und seine Folgen bis in die Gegenwart kümmert. Das Dokumentations- und Ausstellungsprojekt „Zwangsräume“ wurde zusammen mit der Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin umgesetzt. Das Projekt wurde von der Alfred Landecker Stiftung großzügig gefördert.

Im Oktober 2024 wird zusätzlich eine Begleitpublikation im Metropolverlag erscheinen, die auch als E-Book erhältlich sein wird.

Kontakt

Der Regierende Bürgermeister von Berlin
- Senatskanzlei -

Redaktion Zeitschrift aktuell

Amelie Müller