Vergangenheit ist eine zweischneidige Angelegenheit. Für Berlin ist vor allem das 20. Jahrhundert gleichermaßen Lust wie Last. Was paradox klingt, begründet sich aus den Zäsuren im Schicksal der deutschen Hauptstadt. Zwischen 1925 und 1990 erlebten die Menschen an Spree und Havel ungeheuer bewegte Zeiten.
Nach dem Ersten Weltkrieg, besonders in den „guten Jahren“ der ersten Demokratie auf deutschem Boden, 1925 bis 1930, blickte Berlin positiv in die Zukunft. Die kurze Phase wurde schon seinerzeit und erst recht später als „Goldene Zwanziger“ verklärt – auch wenn sie, bei Lichte betrachtet, nur für wenige wirklich golden war. Diese Aussichten beendete der Überraschungserfolg Hitlers und seiner NSDAP in der Reichstagswahl am 14. September 1930. Fortan veränderte sich das gesellschaftliche Klima, wurden Hass und Hetze gegen Andersdenkende – insbesondere gegenüber Juden – zunehmend mehrheitsfähig. Es kam noch schlimmer: Gleich vielen anderen Berlinern musste der Maler Max Liebermann am 30. Januar 1933 mit ansehen, wie tausende Braunhemden mit Fackeln durch das Wahrzeichen der Stadt marschierten, das Brandenburger Tor. Er könne „gar nicht so viel fressen, wie er kotzen“ müsse, soll der Künstler geflucht haben.
Fortan wurden in der Reichshauptstadt Ausgrenzung, Krieg, schließlich die Auslöschung allen jüdischen Lebens geplant und organisiert. Zahlreiche kleine und große Denkmäler und Gedenkstätten erinnern heute daran, von den Stolpersteinen des Kölner Künstlers Günter Demnig über die Dokumentationen an Orten der Täter, etwa der Topographie des Terrors und dem Haus der Wannseekonferenz, bis zum riesigen Holocaust-Mahnmal.
Der Weltkrieg, der 1939 von Berlin ausgegangen war, kehrte hierher zurück. An seinem Ende lag die Stadt zu großen Teilen in Trümmern. Doch schon im Sommer 1945 pulsierte wieder das Leben zwischen rußgeschwärzten Ruinen. Auch unter jenen Vielen, die vermisste Verwandte oder Freunde suchten, in vielen Fällen jahrelang oder für immer erfolglos. Je nach Schätzung hatten allein in Europa durch Hitlers Krieg, die Shoah und andere Verbrechen in deutschem Namen 30 bis 45 Millionen Menschen das Leben verloren; noch viel mehr waren an Körper oder Seele versehrt. Doch die Berliner standen wieder auf, unter ihnen Überlebende aus den Konzentrationslagern wie Heinz Galinski oder in Verstecken Gerettete wie Hans Rosenthal, der in den 1970er- und 1980er-jahren ein bekannter deutscher Show-Moderator wurde.
Ausgerechnet ein neuer, zum Glück nur Kalter Krieg ermöglichte in den drei von den westlichen Siegermächten besetzten Sektoren der vormaligen Reichshauptstadt die Rückkehr der Freiheit. Schon ab Herbst 1945 maßen sich hier beide Seiten der neuen globalen Konfrontation, der demokratische Westen und der kommunistische Ostblock. Ernst Reuter – Berlins erster Regierender Bürgermeister nach 1945 – beschwor die „Völker der Welt“ 1948 mit Blick auf Berlin: „Schaut auf diese Stadt!“ Die Versorgung West-Berlins aus der Luft während der elf Monate langen sowjetischen Blockade dankten die Zeitgenossen vor allem den USA mit jahrzehntelanger Unterstützung. Das öffnete Westdeutschland den Weg zurück in die Völkergemeinschaft.
Für die Menschen im sowjetischen Sektor der Metropole und im Umland jedoch galt das nicht. Zehntausende versuchten am 16. und 17. Juni 1953, ihre Freiheit zurückzugewinnen, doch die Ketten sowjetischer Panzer walzten den spontanen Volksaufstand in der DDR nieder.
Natürlich war Berlin der Kulminationspunkt der Flüchtlingskrise aus der DDR, die hier am 13. August 1961 mit dem abseh- und trotzdem unvorstellbaren Bau einer innerstädtischen Todesgrenze ihren Höhepunkt erreichte. Für die folgenden gut 28 Jahren gehörte der Blick über die Mauer, sei es an der Bernauer Straße, am fast menschenleeren Brandenburger Tor oder am Checkpoint Charlie, zum Pflichtprogramm fast jedes Besuches im Westteil der Stadt. Deutlicher ließ sich Unfreiheit kaum illustrieren als mit den Sperranlagen, die ein Regime gegen die eigenen Untertanen errichten ließ. Der Osten der Stadt scheiterte gleichzeitig an der Aufgabe, als Leuchtturm des Sozialismus ein Gegengewicht zum Schaufenster der Freiheit im Westteil zu bilden.
Obwohl die Opposition gegen die SED-Diktatur in deren Hauptstadt auch aktiv war, gab es doch weitere Zentren der Bürgerbewegung, die – vielfach unter dem Schutz der evangelischen Kirche – das Regime in Frage stellten. Doch wieder einmal war es Berlin, in dem der symbolische Höhepunkt stattfand – und zwar am Brandenburger Tor. Denn hierher strömten in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 zehntausende Menschen, bald nachdem am Übergang Bornholmer Straße die DDR-Grenzer erstmals kapituliert hatten. Am bisherigen Mahnzeichen der deutschen Teilung feierten Berlin und die Welt den für alle Seiten unerwarteten Sieg der Freiheit über die Mauer, und die meisten Zeitungen und Sender weltweit zeigten Bilder fröhlicher Menschen am Brandenburger Tor. Natürlich wurde die Deutsche Einheit um Mitternacht des 3. Oktober 1990 in Berlin vollzogen: Wo sonst?
Binnen nur sechseinhalb Jahrzehnten ist Berlin also eine Bühne gewesen erst für den Aufbruch in eine freie Zukunft, dann für den Zivilisationsbruch der Nationalsozialisten und das gescheiterte Experiment des Kommunismus, für den Wert der Freiheit und schließlich ihren Sieg geworden – zunächst nur im Westteil der Stadt, seit 1989/90 für alle Einwohner. Jede dieser Zäsuren hat Spuren hinterlassen, und sie sind in all ihrer Ambivalenz heute einer der wesentlichen Anziehungspunkte der Stadt. Ausgerechnet die vielfach gebrochene Vergangenheit auf dem Weg zur Freiheit gehört im 21. Jahrhundert zu Berlins größten Stärken. Erinnerung hilft, Zukunft zu gestalten.