Es waren vor allem die jüdischen Firmen, die Berlin zu ihrem guten Ruf als Modemetropole verhalfen. Schon seit 1836 siedelten sich hier Modefirmen an, die alsbald verstanden hatten, dass man mit seriell gefertigter modischer Bekleidung auch Geld verdienen konnte. Schon bald nach dem Ende des Ersten Weltkriegs arbeiteten hier 2.700 jüdische Modeherstellerinnen und Modehersteller, wie Hermann Gerson oder Valentin Manheimer.
Die Zwanziger Jahre machten den Weg frei für eine neue Mode, die das moderne Europa verkörperte und damit eine große Kundschaft anzog. Mode war etwas, das Schriftstellerinnern und Schriftsteller, die Filmindustrie, Architektinnen und Architekten und Komponistinnen und Komponisten anzog. Es herrschte eine wahre Gründereuphorie, vielleicht ähnlich den Start-Ups heute.
Die Voraussetzungen waren optimal. Der Bedarf an neuer und günstig zu kaufender modischer Bekleidung wuchs so rasch wie die Metropole Berlin selbst. Die Berliner Konfektion entstand.
Berlin wurde zur Großstadt und Büroangestellte zur Kundschaft der Warentempel von Wertheim bis Nathan Israel. Die Berliner Konfektionärinnen und Konfektionäre, die heute eher als Designerinnen und Designer bezeichnet würden, kopierten die schnell wechselnden Modetrends der Haute Couture, was das Zeug hielt. Sie wussten: Paris macht Mode, aber Berlin produziert und verkauft sie.
Die Mode ermutigte Frauen, sich zu emanzipieren und mitzubestimmen. So entstand eine neue Modekultur der 1920er Jahre, die heute noch immer in Filmen wie der Erfolgsserie „Babylon Berlin“ und Erzählungen bestaunt wird.
Doch es gab zwei weitere Entwicklungen, die der Berliner Mode zu einem globalen Erfolg verhalfen. Da waren zum einen die schnellen saisonalen Wechsel von Modetrends, die durch die Liberalisierung und Frauenemanzipation dauerhaft das physisch und psychisch strangulierende Korsett aus der Mode verbannten. Und zum anderen die „Erfindung“ der Warenhäuser nach amerikanischem Vorbild. Ohne neue Vertriebswege, das wussten die meisten Modefirmen in Berlin, wären keine erhöhten Umsätze möglich geworden. Im Jahre 1890 registrierte das Berliner Gewerbeamt bereits 371 Betriebe in der Damenkonfektion und Accessoires-Herstellung, drei Viertel davon hatten jüdische Besitzerinnen und Besitzer. Jüdische Firmen behielten eine dominierende Rolle im Export der begehrten Berliner Mode, die nun als „Berliner Chic“ weltweit neue Kunden fand.