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Böhmische Dorfidylle in der Hauptstadt

von Ulrike Kind, Senatskanzlei Berlin

Die Kirchgasse des Böhmischen Dorfes
Die Kirchgasse des Böhmischen Dorfes
Bild: Stefan Butt

Nach Prag ist es nicht weit, viele kennen die Stadt von Wochenendbesuchen. Aber nur wenige wissen: Prag ist Berlins geografisch nächstgelegene Partnerstadt, Luftlinie sind es gerade einmal 281 Kilometer. Vor 25 Jahren haben beide Städte ihre Beziehungen neu aufgestellt und mit der Einweihung des Comenius-Gartens in Rixdorf (Neukölln) im Juni 1995 besiegelt.

Schon seit 1971 hatte es eine Städtepartnerschaft zwischen der Hauptstadt der DDR und Prag gegeben. Von Anfang an prägte die böhmische Migrationsgeschichte Berlins die Partnerschaft. Als Folge einer massiven Rekatholisierung und Verfolgung Andersgläubiger siedelten sich etwa 350 evangelische Böhmen 1737 auf Anregung und Einladung von Friedrich Wilhelm I. im Gebiet von Rixdorf an. Heute steht das gesamte Bauensemble als Böhmisches Dorf in Berlin-Neukölln unter Denkmalschutz. Jeder Besucher fühlt sich mitten im hektischen Neukölln in eine Dorfidylle versetzt.

Lageplan aus dem Jahr 1738
Lageplan aus dem Jahr 1738
Bild: Preußischen Kulturbesitz

Von den seit 1995 regierenden Prager Primátoren sind die meisten bei ihren Berlinbesuchen durch die kleinen Gassen von Rixdorf gelaufen, haben sich von den tschechischen Namen auf dem Friedhof, dem Böhmischen Gottesacker, berühren lassen, das Werk des tschechischen Pädagogen und Theologen Johann Amos Comenius in „seinem“ Garten erlaufen und das Gespräch mit Nachkommen der eingewanderten Glaubensflüchtlinge gesucht, mittlerweile in der elften Generation.

Für den 1992 im Entstehen begriffenen Comenius-Garten stiftete die damalige tschechoslowakische Regierung zum 400. Geburtstag von Comenius eine Statue, die von Alexander Dubček, Leitfigur des Prager Frühlings, enthüllt wurde. Seitdem hat sich der Comenius-Garten zu einem Herzstück der deutsch-tschechischen, aber auch interkulturellen Zusammenarbeit innerhalb Neuköllns entwickelt. In der dortigen Werkstatt des Wissens können Kinder sich heute in Alltagsexperimenten spielend mit den großen Fragen der Menschheit und mit wissenschaftsgeschichtlich relevanten Themen auseinandersetzen.

Ausschnitt der zum Archiv gehörenden Bibliothek im Böhmischen Dorf
Ausschnitt der zum Archiv gehörenden Bibliothek im Böhmischen Dorf
Bild: Axel Hansmann

Einen ganz besonderen Schatz stellt das vor Kurzem eröffnete Archiv des Böhmischen Dorfes mit zahlreichen Lebensbeschreibungen und Predigten der Glaubensflüchtlinge dar. Durch einen Zufall brachte ein im Roten Rathaus veranstaltetes deutsch-tschechisches Netzwerktreffen Vertreter der Humboldt-Universität, der Böhmischen Gemeinde und des Fraunhofer-Instituts für Produktionsanlagen und Rekonstruktionstechnik zusammen. Dank eines erfolgreichen Antrags bei der VolkswagenStiftung werden heute die fragilen und oft kaum mehr lesbaren Schriften der Einwanderer mithilfe der Rekonstruktionstechnik von Fraunhofer wiederhergestellt und von Wissenschaftlern der Humboldt-Universität in Hinblick auf die Veränderungen der damaligen tschechischen Minderheitssprache untersucht. Diese gelungene Verbindung aus Stadtgeschichte, modernster Technik und wissenschaftlicher Nutzung ist ein schönes Beispiel für die aktuelle internationale Zusammenarbeit Berlins, die in die Stadt und in ihre unterschiedlichen Institutionen hineinwirkt.

Ein Relief Denkmal des Böhmischen Dorfes im Jahr 1755
Ein Relief Denkmal des Böhmischen Dorfes im Jahr 1755
Bild: Axel Hansmann

Die deutsch-tschechischen zivilgesellschaftlichen Netzwerktreffen binden bewusst die kleine, aber sehr aktive tschechische Gemeinschaft in Berlin bei der Gestaltung partnerschaftlicher Beziehungen zu Prag ein. Hier sind in Kooperation mit dem Tschechischen Zentrum Berlin zahlreiche Ideen und stabile Netzwerke entstanden, die kontinuierlich zu konkreten Projekten zwischen Berlin und Prag führen. Im letzten Jahr hat die Berliner Senatskanzlei mit Drama Panorama, dem Literaturhaus Lettrétage und PerformanCZe ExchangeD drei Berliner Kulturinitiativen gefördert, die Kulturschaffende verbinden, Werke in der jeweils anderen Stadt erlebbar machen und sich für eine engere Zusammenarbeit der Theater- und Literaturszene einsetzen. In Stadtdialogen und Fachprogrammen brachten wiederum Prag und Berlin Unternehmen, Nichtregierungsorganisationen und Verwaltungen zu Themen wie Beteiligungsverfahren, Tourismus, Elektromobilität, alternative Wohnformen oder Smart City zusammen. Ob es um neue Mobilitätsformen, Planungsverfahren oder den Umgang mit Touristenströmen geht, der Best-Practice-Austausch ist ein Herzstück der heutigen städtepartnerschaftlichen Zusammenarbeit.

Eine Führung durch das Böhmische Dorf in Neukölln; im Hintergrund das Denkmal von Friedrich-Wilhelm I., das 1912 aus Dankbarkeit von Nachfahren der Emigranten errichtet wurde
Eine Führung durch das Böhmische Dorf in Neukölln; im Hintergrund das Denkmal von Friedrich-Wilhelm I., das 1912 aus Dankbarkeit von Nachfahren der Emigranten errichtet wurde
Bild: Axel Hansmann

Zugleich ist die bilaterale Zusammenarbeit zwischen Berlin und Prag vor dem Hintergrund der europaskeptischen Entwicklungen in Ostmitteleuropa immer europäischer geworden. 2019 nahmen neben dem Prager Primátor auch der Budapester und der Warschauer Bürgermeister an den Mauerfall-Feierlichkeiten in Berlin teil und legten dort die Grundlage für ihren wenige Wochen später in Budapest verkündeten Visegrád-Pakt der Freien Städte. Mit diesem Pakt setzen sie sich für offene, tolerante und proeuropäische Gesellschaften ein – oft in bewusster Abgrenzung zu ihren nationalen Regierungen. Hier ist Berlin zu einem verbindenden Ort geworden und mit seiner heutigen Symbolkraft als Stadt der Freiheit und Offenheit ein wichtiger und gefragter Partner.

Somit will das 25. Jubiläum der Städtepartnerschaft sowohl viele Menschen und Initiativen aus Prag und Berlin verbinden als auch das gemeinsame vielfältige Erbe deutlich machen und zugleich Zeichen für ein offenes und tolerantes Europa sein.