Revival der Berliner Markthallen

von Anna Bockhoff, visitBerlin

Backstein, Gusseisen, Glas. Rundbogenverziert und oftmals über 100 Jahre alt. Errichtet um die Lebensmittelversorgung der wachsenden Berliner Bevölkerung zu sichern, haben sie im Laufe der Zeit vielfältige Nutzungen durchlebt: Sie wurden zu Postämtern umgebaut, waren zu Kriegszeiten als Suppenküche Anlaufstelle für eine warme Mahlzeit oder boten dem fahrenden Zirkusvolk eine feste Bühne. Die Berliner Markthallen.

Insgesamt ließ der Berliner Magistrat auf Grund eines Beschlusses von 1881 in unmittelbarer Nähe der einzelnen Arbeiterquartiere 14 Markthallen errichten. Vier der von I bis XIV durchnummerierten Gebäude werden hier vorgestellt.

Bildvergrößerung: Die alten Markthallen laden nicht nur zum Einkaufen sondern auch zum Verweilen ein
Die alten Markthallen laden nicht nur zum Einkaufen sondern auch zum Verweilen ein
Bild: Markthalle Neun

VII Zur kleinen Markthalle

Nördlich des Oranienplatzes, zwischen Dresdener Straße und Legiendamm erstreckte sich 1888 das Areal der Markthalle VII. Ich stehe in der Dresdener Straße vor der Hausnummer 27: Wie eh und je erstrahlt der Backsteinbau mit seinen drei großen Rundbögen und zwischen den Ornamenten im ersten Stockwerk ist die Inschrift Markthalle VII zu lesen. Heute wird das Gebäude als Wohnhaus genutzt. Ich biege am Ende der Straße links ab und laufe ein Stück durch die Grünanlage „Luisenstädtischer Kanal“. Von hier aus hat man einen grandiosen Blick auf die St.-Michaels-Kirche. Doch bevor ich das Engelbecken erreiche, verlasse ich den Park, um mir einen weiteren erhalten geblieben Teil der Markthalle VII anzusehen. Zwischen zwei großen Linden steht das Schild „Zur kleinen Markthalle“ in einem Biergarten. Doch auch ohne diesen Hinweis gehört das dahinter liegende Haus am Legiendamm 32 unverkennbar zum kommunalen Bauprogramm der Berliner Markthallen. In dem urigen Lokal schaue ich mir die vielen alten Fotos an den Wänden an. Sie zeigen neben dem hiesigen, historischen Markthallenkomplex auch die Marheineke- und die Zentralmarkthalle. Unweigerlich komme ich mit dem Wirt ins Gespräch. Er erzählt, dass der Tresen noch original sei und es ursprünglich sogar eine direkte Verbindung zur Markthalle sowie eine Schlachterei im Hinterhof gegeben habe. Damals wohnte der Wirt mit seiner Familie direkt über der Gaststätte, berichtet er weiter.

Bildvergrößerung: Eine riesige Auswahl an Käsespezialitäten
Eine riesige Auswahl an Käsespezialitäten
Bild: Markthalle Neun

IX Markthalle Neun

Wieder bin ich in Kreuzberg unterwegs. Vom Görlitzer Bahnhof laufe ich über den Lausitzer Platz mit der großen Emmaus-Kirche und biege in die Eisenbahnstraße ein. Vor dem Eingang der Hausnummer 42 stehen einige Menschen. Drinnen herrscht ein reges Treiben. Es duftet nach Kräutern, frisch Gebraten und Gebackenem. Seit wenigen Jahren ist die Markthalle wieder Treffpunkt der Anwohner und Menschen aus anderen Bezirken. Die Halle hatte den Krieg zwar überstanden, in den Folgejahrzehnten überwog jedoch die moderne Supermarktkultur und die kleinen Händler blieben der Halle fern. Doch bevor der gesamte historische Komplex verkauft und abgerissen werden konnte, setzte sich 2009 eine Projektgruppe für den Erhalt und die Wiederbelebung ihrer ursprünglichen Funktion ein. Im Oktober 2011 – exakt 120 Jahre nach ihrer Einweihung – öffnete die Eisenbahnmarkthalle wieder ihre Pforten. Dienstags, freitags und samstags findet seither ein traditioneller Wochenmarkt mit Händlern aus dem Umland statt. Zudem gibt es regelmäßig Food Events wie Naschmarkt, Breakfast Market oder Street Food Thursday bei denen man sich durch eine Vielzahl an Leckereien essen kann. Neben den regionalund saisonal-betonten Einkaufsmöglichkeiten bietet die Markthalle Neun täglich Mittagessen in der „Kantine Neun“ und in den alten Kellergewölben braut Johannes Heidenpeter das passende Kiezbier. An der Bar neben der Kantine zapft er meist drei verschiedene Biersorten. Mir ist es dafür heute noch etwas zu früh und so mache ich mich auf den Weg Richtung U-Bahn.

Bildvergrößerung: Blumen gehören zu jeder Markthalle
Blumen gehören zu jeder Markthalle
Bild: Markthalle Neun

XI Marheinekehalle

Nächster Halt: Griechenland. Oder Türkei? Oder Spanien? Im Bergmannkiez angekommen, fühle ich mich in der Markthalle auf dem Marheinekeplatz wie im Urlaub. Die vielen Stände spiegeln für mich das wieder, was Kreuzberg ausmacht. Hier gibt es von allem etwas. Obst und Gemüse aus biologischem Anbau, Spezialitäten aus der Region bis hin zu südländischen Feinkostangeboten. Ergänzt wird das Einkaufsparadies durch eine vielfältige Gastronomie. Ich flaniere die Gänge entlang und kann mir vorstellen, dass es hier an Ort und Stelle vor über hundert Jahren grundsätzlich ähnlich zuging. Bei einer Größe von 2.500 Quadratmetern war nach 1916 sogar Platz, um täglich 15.000 warme Mahlzeiten an die hungerleidenden Berliner zu verteilen. Auch wenn die Marheinekehalle im Zweiten Weltkrieg arg in Mitleidenschaft gezogen wurde, richteten sich die Händler bereits gegen Ende des Krieges in der Ruine wieder ein. Seither wurde die Halle mehrfach renoviert und modernisiert.

Bildvergrößerung: Die Markthalle Neun in Kreuzberg
Die Markthalle Neun in Kreuzberg
Bild: Markthalle Neun

X Arminiushalle

Meine letzte Etappe auf den Spuren der Berliner Markthallen führt mich nach Moabit. Von der U-Bahnstation Turmstraße ist es ein Katzensprung bis in die Arminiusstraße, in der augenfällig ein weiterer roter Klinkerbau steht. Augenfällig, da es sich bei der Markthalle X um einen freistehenden Bau handelt, der sich zwischen Bremer- und Jonasstraße bis zur nächsten Querstraße hinstreckt. Von der Zeit des Zweiten Weltkriegs einmal abgesehen, bieten hier seit 1891 Fischhändler, Fleisch- und Wurstverkäufer, Molkereibetriebe sowie Obst- und Gemüsefrauen ihre Waren an. Ich schlendere durch die Reihen der hellen Halle. Seit der Renovierung 2010 haben sich allerlei schöne Dinge dazugesellt: Von Porzellan, Büchern, Schmuck über Weine und Liköre bis hin zu Souvenirs und Spezialitäten. Außerdem bietet die seither unter dem Namen Zunfthalle betriebe Halle ein großes gastronomisches- sowie ein buntes Veranstaltungsangebot. Und wenngleich Streetfood, Breakfast Market und Bite Club in der Stadt in aller Munde sind, herrscht hier in Moabit eine ganz besondere Atmosphäre. Vielleicht geht sie von dieser Ecke mit dem massiven Holztisch, dem Kronleuchter und den Palmen aus, vielleicht ist es auch das hiesige Publikum, das seinen Teil zu dem ruhigen Ambiente beiträgt.

Markthallen haben in Berlin eine lange Tradition und ich freue mich über ihr Comeback. Ein Comeback, bei dem sie dieser Tage oft weit über ihren Namen hinausgehen.

Weitere Markthallen stellt Anna Bockhoff auf blog.visitBerlin.de vor. blog.visitberlin.de/de/3729-revival-der-berliner-markthallen-13.html