Hinterm Horizont

Horizont Berlin-Musical am Potsdamer Platz

von Sandy Stöckel

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Bild: Stage Entertainment

Udo Lindenberg-Doppelgänger in der Show

Eine der erfolgreichsten deutschen Rock-Ikonen ist zurück auf der Bühne. Udo Lindenberg, der mit Liedern wie „Hinterm Horizont“ und „Andrea Doria“ weltweite Erfolge erzielte und so gut wie jeden deutschen Musikpreis bekommen hat, versuchte sich nach jahrelanger Pause an einem neuen musikalischen Großprojekt und einer ganz persönlichen Geschichte.

Mithilfe des Regisseurs Ulrich Waller und des „Sonnenallee“-Drehbuchautors Thomas Brussig wurde die ganz persönliche Ost-West-Liebesgeschichte mit Jessy, dem Mädchen aus Ost-Berlin, in dem Musical „Hinterm Horizont“ inszeniert. Nicht nur Nostalgiker sollten in dem dreistündigen Bühnenstück auf ihre Kosten kommen. Udos Musik müsste selbst den kritischsten Fan von der Inszenierung überzeugen. Knapp dreißig Songs werden von der zwölfköpfigen Band dargeboten.

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Bild: Stage Entertainment

Udo küsst Jessys Hand

Udo Lindenberg, dessen musikalisches Lebenswerk stark vom geteilten Deutschland geprägt wurde, weiß sich in Szene zu setzen. Noch bevor der Vorhang aufgeht, bittet er in gewohnt nuschelnder Art die Zuschauer, die Handys auszuschalten. Auf den Bühnenvorhang wird ein übergroßer Udo projiziert und gleich darauf versetzen dramatische Bild- und Videosequenzen mit dem ersten Lindenbergsong auch den Jüngsten im Publikum in eine Zeit, als Deutschland noch von den Alliierten dominiert wurde.

Die Bilder vom Mauerbau, von flüchtenden Menschen, von Demonstrationen und großen Gefühlen bleiben in dem sonst recht heiteren Werk wirkliche Gänsehautmomente. Denn die Rahmenhandlung, die in der Gegenwart spielt, offenbart sich schnell als leicht bekömmlich: Der Chefredakteur einer Lokalzeitung will das Mädchen, das der legendäre Udo Lindenberg 1973 besungen hat, finden. Darauf setzt er die unerfahrene Redakteurin Mareike an, die den großen journalistischen Durchbruch wittert.

Diese fällt eine Bühnendrehung weiter sprichwörtlich mit der Tür ins Haus der mittlerweile erwachsenen Jessy, die ihr trostloses Dasein mit Problemsohn und Mann fristet. Mareike schafft es, Jessy sofort zurück in die Vergangenheit zu entführen. Der Zuschauer wird in das Ost-Berlin der frühen 80er Jahre katapultiert. Die junge Jessy bereitet sich im Beisein ihrer Familie auf ihren Chor-Auftritt zu den Friedensfeierlichkeiten der sozialistischen Jugend (FDJ) im Palast der Republik vor, in dem auch die frenetisch gefeierte Rockröhre Udo Lindenberg sein streng von der DDR-Führung überwachtes Konzertdebüt geben wird.

Er verliebt sich sofort in Jessy, das Chormädchen mit der lieblichen Stimme. Es kommt zu einem kleinen Techtelmechtel, das aber von den politischen Verhältnissen korrumpiert wird. Erst zu einem Konzert 1987 im pulsierenden Moskau sehen sich die beiden heimlich wieder. Immer dicht gefolgt von Stasi-Spitzeln. Der Schauspieler Serkan Kaya, Udos Bühnen-Ich, bringt Lindenbergs eigenwillige Komik und charismatisch-unkoordinierten Bewegungen dabei täuschend echt auf die Bühne. Auch das Markenzeichen des Rockrüpels, der Schlapphut, begleitet durch die Handlung als übergroße, tonnenschwere, an Drahtseilen befestigte Dekoration.

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Bild: Stage Entertainment

Lindenberg-Fans (obere Reihe) gegen Regierungsmitglieder (untere Reihe)

In Balletteinlagen kämpfen dann Udo-Fans gegen Volkspolizisten: „Gitarren gegen Knarren.“ Eine der wohl wichtigsten „Lindenbergparolen“. Der vertrottelte DDR-Staatschef, sensationell auf der Bühne persifliert, meint, dass Udo Lindenberg eigentlich gar nichts kann: „Aber im Nichtskönnen lassen wir uns von keinem was vormachen“, brüllt er, „da sind wir Spitze.“ Die Zuschauer freuen sich über Lindenberg-Hits wie „Boogie-Woogie Mädchen“, „Odyssee“ oder „Bis ans Ende der Welt“.

Und spätestens dann, wenn im Musical noch einmal die Mauer fällt und Hajo Friedrichs’ historische „Tagesthemen“-Sendung auf der Leinwand läuft, wenn Ampelmänner über die Bühne tänzeln und sich Ost- und West- Sandmännchen glücklich in die Arme fallen, wenn alten Fernsehbildern applaudiert wird und der Udo-Darsteller sagt: „Jetzt brauchen wir nur noch die Reste der Mauer in unseren Köpfen wegzukloppen“ – dann ist klar: Udo Lindenberg hat die ganz großen Gefühle angesprochen.

Die Autorin studiert Kultur und Technik an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg und absolvierte ein Praktikum in der Redaktion von aktuell .