Zerrissene Fäden

Was zieht israelische Modedesigner heute wieder nach Berlin?

von Viola Keeve
aus: jüdisches berlin, Nr. 153
Mit freundlicher Genehmigung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin und der Autorin

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Bild: jüdisches Berlin

Goldene Spiegel, moosgrüne Vorhänge und Kristallkaraffen – eine filmreife Ankleide für Männermode nach Maß. „Dandy of the Grotesque“ nennt Itamar Zechoval, 39, seinen Salon in Berlin. Seine deutsche Frau hat ihn entworfen, eine Innenarchitektin. Er wirkt wie aus einer Zeit, als Männer hier noch zu Frack, Zylinder und Kummerbund griffen. Und er liegt günstig, nahe der Torstraße, in Mitte, wo es die Touristen hinzieht.

Marilyn Manson, Marius Müller-Westernhagen und Bela B. von den „Ärzten“ tragen Zechovals Mode, aber auch Angestellte des Boutique-Hotels Stue am Tiergarten – von der Putzfrau bis zum Manager. Gerade hat er Hollywood-Schauspieler Steve Buscemi und Steve Carell im Magier-Film „The Incredible Burt Wonderstone“ ausgestattet. „Meine Mode hat etwas Ironisch-Theatralisches. Kostümdesign reizt mich“, sagt der Sohn einer Künstlerin und eines Filmregisseurs, der in Ramat-Hasharon aufgewachsen ist.

Mit 21 hat er Mode in Mailand studiert, bei Dolce & Gabbana gearbeitet, dann in Shanghai gelebt. Nun entwirft er in Berlin. Was zieht einen israelischen Designer in eine Stadt, in der die Nationalsozialisten die „Endlösung“ beschlossen, die sechs Millionen Juden das Leben kostete? „Ich könnte in Deutschland nur hier leben“, schwärmt Zechoval. „Berlin nimmt dich sofort auf, ist lässig, günstig, voller Ideen und hat diesen Hauch Verfall. Ich erlebe hier die neuen Zwanziger“.

Wer 1500 Euro für einen Anzug bei ihm ausgibt, aus feinem italienischem Zwirn, geschneidert in Brandenburg, bekommt erst einen Drink, ein Gespräch, bevor der Designer Maß nimmt. „Vielleicht bleibe ich nicht ewig“, sagt er. „Aber gerade fühlt es sich richtig an.“ Das klingt unbeschwert.

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Bild: jüdisches Berlin

Schuhdesignerin Shani Bar

„Sicher, das erste Mal im Café in einem alten Gebäude war seltsam. Vor 75 Jahren hätte ich hier nicht gesessen“, gibt er zu. „Für mich klingt Deutsch wie Jiddisch, etwas altmodisch. Aber ich denke sonst nicht jeden Tag daran, dass ich Israeli bin. Ich bin nicht religiös, sehe es eher als Tradition. Das gehört eben zu mir.“

Schwieriger war anfangs: „Jemanden zu finden, der meine Entwürfe nähen kann.“ 1930 hätte er da kaum suchen müssen. Berlin war Zentrum der deutschen „Konfektion“, internationale Modestadt – und eine sehr jüdische dazu. 2000 Textilfirmen gab es. Die Hälfte gehörte deutschen Juden, auch drei der größten Kaufhäuser, Manheimer, Gerson, Nathan Israel, damals prächtig wie Harrod’s in London. Dann schalteten die Nazis die Branche gleich, zerstörten, was sie nicht an sich reißen konnten. Die Fäden von einst sind zerrissen. Wer heute kommt, muss neu beginnen. Seit 2004 verkaufen immerhin zwölf jüdische Modedesigner hier, sieben aus Israel.

Für Einat Zinger Feiler aus Haifa ist Berlin wie ein zweites Zuhause. In New York arbeitete sie als Fotografin, studierte in Berlin, kam über Textildrucke zur Mode. „Hazelnut“ heißt das Label der 34-Jährigen, das im Erzgebirge und in Bernau gefertigt wird. In der Oderberger Straße, im „Flagshipstore“, hängen ihre eleganten Kleider. „Kennt man Menschen auf der anderen Seite des Traumas“, findet sie, „kann man es besser verarbeiten.“

Andere wollen nicht so genau wissen, was war. „Reiner Selbstschutz. Ich will lieber glauben, dass heute alles ganz anders ist“, sagt Maya Bash, 34. Wie Schuhdesignerin Shani Bar entwirft sie in Tel Aviv. Beide haben eine Boutique in Berlin. Die Häuser hier erinnern Maya Bash an ihre Kindheit in Nowosibirsk: „Ich kam erst mit zwölf nach Israel.“ Nun verkauft sie in Moskau, Tokio und New York. Doch von einem Shop in Berlin hat sie immer geträumt.

Warum? Nostalgie, ein später Sieg über die Geschichte? Vielleicht auch das. Nur einmal hat sie geweint, am Sowjetischen Ehrenmal: „Mein Großvater war in der Roten Armee, hat gegen Hitler gekämpft und ist im Krieg gefallen.“ Als sie der Großmutter in Jerusalem Fotos zeigt, ist die nicht verbittert, sondern neugierig auf das junge Berlin: „›Wer hätte gedacht‹, hat sie gesagt, ›dass meine Enkelin hier mal ein Geschäft hat?‹“ Nach Berlin zieht es Bash nicht. Aber stolz ist sie: „Hier kann ich eine andere Seite Israels zeigen. Mode zeigt, wie man sich fühlt, sein möchte.“

Unfertig, verspielt, ironisch sind ihre Schnitte, edel, bequem die Stoffe: Seide und japanische Baumwolle. Jacken kosten 1000 Euro, Kleider 160 Euro. Und wer kauft in ihrer Boutique am Kollwitzplatz? „Frauen um die 45, auch Männer, meist aus der Architektur- und Kunstszene“, sagt sie.

Kommen Deutsche unbefangen? „Viele sind neugierig auf israelische Mode“, sagt sie. „Dass ich Jüdin bin, reicht aber nicht, sie zu verkaufen.“

Auch Anat Fritz hat das nie betont. „Das zaubert in Deutschland ja immer noch ein Oh auf die Lippen, wenn ich sage, dass ich Jüdin bin“, sagt die 39-Jährige. Sie war sechs, als ihre Eltern nach Deutschland zogen. Als sie 2005 keine Mütze für den Winter fand, erfand sie einen Wollturban im Stil der Zwanziger – mit Erfolg. Erst strickten ältere Berliner Damen, heute wird die Mütze in einer osteuropäischen Fabrik hergestellt. Selbst Glühbirnen hat sie umgarnt, Lampenschirme entworfen – mit Glasperlen und Vintage-Spitze. „Das sind wohl meine rumänischen Wurzeln. Dort hat Häkelarbeit Tradition“, sagt sie.

Ihr Duft „Tzora“, ein Flakon im Häkel-Kleid, wirkt wie aus dem Wäscheschrank der Großmutter aus dem Banat, riecht aber modern, nach Cassis, Pfeffer, Moos. Er heißt wie ihr Lieblingskibbuz. „So gern ich dort hinfahre, dort leben würde, da kann man keine Mode machen“, sagt Fritz, „Israelis haben keinen Sinn für kleine Label.“

„Dort gibt es auch keine Tradition, sich schick anzuziehen“, sagt Roey Vollman, 36. Früher war er Journalist bei Globes und Maariv. 2008 gab seine Frau Nait Rosenfelder ihr Label „Nait“ in Tel Aviv auf, zog mit ihm und dem sechs Monate alten Sohn nach Berlin-Kreuzberg. „Wir brauchten eine Pause von Israel, wollten als Marke und als Familie neu anfangen“, sagt er. „Eva & Bernard“ heißt ihr Label. Bewusst deutsch sollte es klingen – und gut. „Man soll unsere Produkte mögen, nicht nur, wer wir sind“, betont Vollman.

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Bild: jüdisches Berlin

Roey Vollmann und Nait Rosenfelder gründeten „Eva & Bernard“.

Natürlich spielte eine Rolle, dass die Großeltern seiner Frau aus Bayern und dem Schwarzwald kommen. „In Lahr hatte mein Urgroßvater eine Leder- und Taschenfabrik“, sagt die 42-Jährige. Schon mit 18 wollte sie nach Deutschland. „Meine Großeltern sprachen Deutsch, lebten wie in Deutschland und kleideten sich so“, erzählt sie. „Meine Großmutter trug fast nur Kleider. Oft denke ich, ich würde für sie entwerfen.“ 1936 musste sie aus Deutschland fliehen.

Heute sagt ihr Mann: „Berlin gibt einem Designer das Wichtigste, was er braucht: Zeit“. Paris sei zu teuer, erklärt er: „Berlin ist ideal, sicher, ein Hafen, keine kranke Stadt.“ Also doch ein Sehnsuchtsort? Nur keine falsche Romantik. Für die Designer aus Tel Aviv zählt vor allem der Wirtschaftsstandort: „Wer in Israel bleibt, verkauft auch nur dort. Wir wollten raus aus der Nische.“

Doch Berlin hat auch Nachteile: „Wir sprechen die Sprache nicht, entwerfen hier, produzieren aber in Italien“, sagt Rosenfelder. Immerhin hat sie hier die Farbe entdeckt, für die neue Kollektion Neonpink auf weiße Seide gedruckt, Stoffe in Beige, Blaugrün und Wüstenrot bestellt. „Ich brauchte im grauen Berliner Sommer unbedingt Töne, die mich an die Küste von Eilat und ans Tote Meer erinnern. Die Mode ist eben wie unser Leben, ein großer Mischmasch.“

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