Erinnerung an Georg Elser

von Ines Harmuth

Elser
Bild: Ines Harmuth

Das Denkzeichen von Georg Elser ist mit seinen 17 Metern so hoch die umstehenden Bäume

Lange Zeit war er vergessen, wurde in den großen deutschen Lexika nicht erwähnt: Georg Elser. Am 8. November 1939 scheiterte sein Anschlag auf Adolf Hitler im Münchner Bürgerbräukeller. Er starb im Konzentrationslager Dachau – und fand in der Gegenwart kaum Beachtung. Nun, genau 72 Jahre nach seinem Attentat, wurde ihm in Berlin ein Denkzeichen gesetzt. Über den Baumwipfeln der Wilhelmstraße in Berlin-Mitte ragt eine 17 Meter große Stahlkonstruktion empor. Sie zeigt Elsers Silhouette. Die Skulptur stammt vom Künstler Ulrich Klages, dessen Entwurf in einem europaweit ausgeschriebenen Wettbewerb den ersten Preis gewonnen hat. Finanziert wurde das Denkmal vom Land Berlin und der großzügigen Spende einer Privatperson. Bei bestem Wetter fanden sich zur feierlichen Einweihung über 250 Besucher vor dem Profil des Hitlerattentäters ein. Darunter Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse und die Schriftstellerin und Holocaust-Überlebende Inge Deutschkron. Zwei Gedenktafeln links und rechts neben dem Denkmal erinnern in kurzen Texten und mit Auszügen aus seinem Verhörprotokoll an das Leben und das Attentat des Schwaben.

1939 fasst der Schreiner Johann Georg Elser den Entschluss, die nationalsozialistische Regierungsspitze mit einem selbstgebauten Sprengsatz zu töten. Er habe den Krieg verhindern wollen, steht auf einem in den Gehweg eingelassenen Leuchtstreifen. Beinahe wäre ihm dieses Vorhaben gelungen. Elser weiß, dass Hitler jedes Jahr am 8. November zum Jahrestag seines Putschversuches 1923 im Münchner Bürgerbräukeller spricht. Er verschafft sich Zugang zum Veranstaltungsort und präpariert dort in wochenlanger, nächtlicher Arbeit eine tragende Säule. Am 8. November 1939 soll die Bombe zünden. Hitler aber verlässt die Veranstaltung früher als erwartet, knapp 10 Minuten vor der Detonation, und überlebt. Das so akribisch geplante Attentat schlägt fehl. Noch am gleichen Tag wird Elser auf der Flucht in die Schweiz festgenommen. Am 14. November des Jahres legt er ein Geständnis ab. Die Frage, ob Elser Komplizen hatte, verneint er. Nach jahrelanger Folter und Einzelhaft im KZ Dachau kommt Georg Elser dort am 9. April 1945 ums Leben und gerät trotz seiner mutigen Tat für lange Zeit in Vergessenheit.

In seiner Eröffnungsrede geht der Initiator des Denkmals, der Dramatiker Rolf Hochhuth, unter anderem der Frage auf den Grund, warum denn die Deutschen ein so „feindseliges Nichtverhältnis“ zu Elser hatten. Möglicherweise sei dies dem Individualismus des Täters geschuldet. Schon die Nationalsozialisten haben sich nicht vorstellen können, dass es sich bei dem Anschlag um die Tat eines Einzelnen handelte. Man versuchte über Jahre mit allen Mitteln herauszufinden, wer seine Komplizen waren. Die Erinnerung an seinen Anschlag geriet durch das Attentat von Claus Schenk Graf von Stauffenberg 1944 gänzlich in den Hintergrund. Erst in den neunziger Jahren wird Elser endlich mehr öffentliche Aufmerksamkeit zuteil – nicht zuletzt durch die Biographie „Den Hitler jag’ ich in die Luft. Der Attentäter Georg Elser“ von Hellmut Haasis. Seit 2001 wird der Georg- Elser-Preis für besondere Zivilcourage verliehen. In Berlin trägt eine Neuköllner Schule seinen Namen und in der „Straße der Erinnerung“ am Moabiter Spreebogen steht seit 2008 direkt vor dem Bundesinnenministerium eine Bronzebüste des Widerstandskämpfers.

„Georg Elser hat lange warten müssen, bis er in Deutschland und in Berlin angemessen und öffentlich geehrt wird als Person und Widerstandskämpfer, dessen Tat das mutigste und entschlossenste Aufbegehren eines Einzelnen gegen die nationalsozialistische Führung – Hitler, Goebbels und Göring – war“, sagt Kulturstaatssekretär André Schmitz. Rolf Hochhuth hat jahrelang nicht lockergelassen, bevor seine Idee vom Denkmal für eine fast vergessene Persönlichkeit 2008 umgesetzt wurde. Er würdigt das neue Denkmal als „absolut geglückt und von einsamer Größe.“ Elsers Antlitz ist ein „menschliches Zeichen“, das für „Mut, Humanismus und Freiheitswillen steht“, so Künstler Klages. Das Denkzeichen soll „Menschen fordern, eigene Positionen und Haltungen zu beziehen“.

Die Besucher hadern noch mit der himmelhohen Stahlkonstruktion. Ungewöhnlich ist sie, so der Kanon. Aber vielleicht sei genau dies der richtige Weg, um das Gedenken an Elsers heroische Tat wieder aufleben zu lassen. „Das interessante Design wird sicher dafür sorgen, dass man stehen bleibt“, sagt ein Passant. Er blickt nach oben, um sich das Profil des Schreiners genauer anzusehen und nickt. „Ungewöhnlich ist es. Aber die Hauptsache ist doch, dass es seinen Zweck erfüllt, dass man sich an den Mann erinnert.“ Kulturstaatssekretär André Schmitz würdigt Elser in seiner Rede als „Lichtgestalt in dunklen Zeiten“ und schaltet zur Verdeutlichung seines Wortspieles die LED-Lampen des Denkmals an. Georg Elser, der Mann, der zwischen Recht und Unrecht unterschied und mit einem Sprengsatz den Krieg verhindern wollte, wird nach langer Zeit des Vergessens nun also nicht nur am Tag, sondern auch in der Nacht gut sichtbar sein.


Die Autorin studiert Publizistik und Geschichte an der Freien Universität Berlin und absolvierte ein Praktikum in der Redaktion von aktuell .