Er lebte, sang und litt

Das Kleist-Grab am Kleinen Wannsee

von Ines Harmuth

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Bild: Ines Harmuth

Vom Ufer des Kleinen Wannsees führt der Spazierweg in das „Kleistwäldchen“

Heinrich von Kleist war Dramatiker, Erzähler, Lyriker und Publizist. Er war ein Außenseiter im literarischen Betrieb seiner Zeit, aber ein bedeutender Wegbereiter der modernen Literatur. Heute ist er als großer Dichter der Moderne berühmt. Mit zahlreichen Veranstaltungen wurde im vergangenen Jahr anlässlich seines 200. Todestages das Kleist-Jahr gefeiert. Krönender Abschluss war die Einweihung der neu gestalteten Ruhestätte des Dichters am Kleinen Wannsee. Ein ebenfalls neu angelegter Spazierweg soll den Passanten dorthin führen.

Als sich Henriette Vogel und Heinrich von Kleist am 21. November 1811 am Kleinen Wannsee das Leben nahmen, wurden sie an Ort und Stelle begraben, da mit dem Suizid ein Grab auf geweihtem Kirchfriedhofsboden ausgeschlossen war. Kleist selbst hatte keine Sonderwünsche seine Bestattung betreffend, Henriette Vogel wünschte eine gemeinsame Ruhestätte.

Die Grabstätte wurde auf einem kleinen Hügel unter einer großen Eiche errichtet, aber nur unzureichend gepflegt. 1861 berichtet der jüdische Dichter Max Ring, dass Kühe das Grab zertreten hätten. Daraufhin wurde 1862/63 ein Gitter um die Ruhestätte gezogen und ein Grabstein aufgestellt. 1868 verfasste Max Ring für den verstorbenen Kleist den Vers „Er lebte, sang und litt in trüber, schwerer Zeit. Er suchte hier den Tod und fand Unsterblichkeit“. Dieser Vers war fortan auf dem Grabstein zu lesen. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts aber wurde das Grab erneut vernachlässigt. Man baute eine Ziegelei in die Nähe der letzten Ruhestätte. Wild wucherte Gestrüpp um den Stein herum und versperrte nach und nach die Sicht auf den Kleinen Wannsee. Im Jahr 1941 tilgten die Nationalsozialisten auf Weisung von Goebbels Propagandaministerium die Verse des jüdischen Dichters und ersetzten sie durch die Zeilen aus Kleists letztem Werk, dem Prinzen von Homburg: „Nun, o Unsterblichkeit, bist du ganz mein“.

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Bild: Ines Harmuth

Das Grab von Heinrich von Kleist und Henriette Vogel

Doch endlich, anlässlich des 200. Todestages von Heinrich von Kleist und Henriette Vogel, ist die Ruhestätte der beiden neu gestaltet und angemessen gewürdigt worden. Der Stein wurde um 180 Grad gedreht, sodass die Inschrift der Nationalsozialisten jetzt auf der Rückseite des Steines zu sehen ist. Auf der bisher leeren, nunmehr nach vorne gewendeten Seite, stehen seit dem 21. November 2011 die Lebensdaten Kleists und erstmals auch der Name und die Lebensdaten von Henriette Vogel. Darunter findet sich wieder der von Max Ring stammende Vierzeiler. Auch der eingangs erwähnte Spazierweg hin zu der letzten Ruhestätte des Dichters und seiner Seelenverwandten wurde von der Berliner Gartendenkmalpflege neu gestaltet. Man wandert vom Großen Wannsee kommend zunächst am Ufer des Kleinen Wannsees entlang, bis man anschließend in ein kleines Wäldchen – das „Kleistwäldchen“ – geführt wird. Von diesem sind es nur noch wenige Meter bis zu dem Hügel, auf dem der Dichter begraben liegt. Dort hat man nun wieder einen freien Blick auf den Kleinen Wannsee, der einem vorher aufgrund des wuchernden Gestrüpps verborgen war. Auch die Wege sind von Büschen und Unterholz befreit. Am Wanderweg stehen blaue Infotafeln, die vom Leben und Wirken des Dichters erzählen.

Mit seinem Freitod fand Heinrich von Kleist am malerischen Kleinen Wannsee Zufriedenheit und die innere Ruhe, die er so lange gesucht hatte. All jene, die dem großen Dichter gedenken möchten, können nun auf einem schönen Spazierweg zu der Anhöhe wandern, auf der Kleist begraben liegt, und von dort einen Ausblick genießen, der landschaftlich wieder dem von 1811 gleicht.

Das Leben des Heinrich von Kleist
Heinrich von Kleist wird am 18. Oktober 1777 in Frankfurt (Oder) geboren. Sein Leben ist gezeichnet von innerer Unruhe und fehlender Anerkennung. Entsprechend der Familientradition wird er Soldat. Nach seiner Entlassung aus dem ungeliebten Militärdienst studiert er drei Semester in der Viadrina und verlobt sich für kurze Zeit mit Wilhelmine von Zenge. Auf Wunsch der Familie von Zenge strebt Kleist ein Staatsamt an, wird damit aber nicht glücklich. Er reist viel und lebt seit 1802 in der Schweiz. Immer wieder schreibt er. Es entsteht das Lustspiel „Der zerbrochne Krug“. Als Kleist kurze Zeit im Gefängnis sitzt, weil er von französischen Behörden als angeblicher Spion in Gewahrsam genommen wird, entsteht die Novelle „Die Marquise von O“. 1809 beginnt er mit dem Schauspiel „Prinz von Homburg“, das der König bis 1814 mit einem Aufführungsverbot belegt. Im November 1809 reist Kleist, finanzschwach und körperlich und seelisch stark mitgenommen, über Frankfurt (Oder) nach Berlin. Hier lernt er die krebskranke Kaufmannstochter Henriette Vogel kennen. Die beiden fühlen sich seelisch einander verbunden. Zusammen beschließen sie ihren gemeinsamen Freitod. Kleist wählt die ihm bekannte Umgebung des damals noch Stolper Loch genannten Kleinen Wannsees dazu aus. Am Tag ihres Todes, dem 21. November 1811 stellen die beiden in heiterer Stimmung trotz kühler Witterung Tisch und Stühle für ein Picknick auf. In seinem Abschiedsbrief an seine Schwester Ulrike schreibt Kleist: „Möge Dir der Himmel einen Tod schenken, nur halb an Freude und Heiterkeit, dem meinigen gleich.“


Die Autorin studiert Publizistik und Geschichte an der Freien Universität Berlin und absolvierte ein Praktikum in der Redaktion von aktuell .