Berlin und ich

Zeev (Heinz) Raphael

Durch Zufall kam mir kürzlich Ihr Blatt in die Hand. Es enthält viel Lesenswertes. Besonders interessant fand ich die Berichte über den Friedhof Weißensee und über das Kinderhospiz Sonnenhof in Pankow.

Sicher gibt es viel in Berlin zu sehen. Besonders über das Schicksal der einstigen deutschen Juden. „Heimweh nach dem Kurfürstendamm“ scheint aber doch recht übertrieben.

Ich wurde in Beckum (Zement und Pumpernickel) bei Münster in Westfalen am 30. Januar 1927 geboren. Sechs Jahre später wurde jener Tag als „Tag der Nationalen Erhebung“ proklamiert. Und aus meinem Geburtstag machte man einen nationalen Feiertag. Wir Kinder bekamen schulfrei. Als 10-jähriger fand ich das ganz nett.

1937 verließ unsere Familie Beckum. Dann waren wir je ein Jahr in der Israelitischen Gartenbauschule Ahlem bei Hannover und in Zwickau, Sachsen. Nachdem man mich am 15. November 1938 mit einem imposanten Überweisungs-Zeugnis aus der dortigen Hans-Schemm- Schule „entfernt“ hatte, gelang es meiner Mutter und mir in der letzten Minute, am 27. August 1939, das Dritte Reich zu verlassen – von Sassnitz auf der Insel Rügen nach dem damals so unendlich geborgenen Trelleborg in Schweden.

Berlin Und Ich

Zeev Raphael mit seiner Mutter im Berliner Zoo, 1933

In Berlin mussten wir umsteigen. Ich glaube es war am Stettiner Bahnhof. Es war nicht mein erster Besuch in Berlin. Meine Berliner Verwandten besuchte ich zweimal: 1933 und 1938. Damals zeigte man mir den Kinder-Zoo, und am Tempelhofer Flughafen (so hieß das wohl damals) – wurde ich von Papa und Mama zu Eis eingeladen.

Ich selbst bin also kein Berliner. Trotzdem fühle ich mich Berlin nahe. Mein Vater stammte aus Posen. Im ersten Weltkrieg diente er als ‚Ldst’ an der Westfront. (Ich erinnere mich, dass nach seinem vierwöchigen Buchenwald-Aufenthalt im Nov/Dez 1938, Papa das „Knopfloch-Band“ trug, bis er es bei seiner Überfahrt nach England – im Juni 1939 – in den Ärmelkanal warf.) Als die Polen in den frühen zwanziger Jahren in Posen einmarschierten, verließen die meisten („patriotischen“) Juden die Stadt. Die Familie Raphael zog nach Berlin. Großvater Isidor arbeitete dann als Glasermeister in Pankow, in der Brennerstraße 74. Zwanzig Jahre später wurde er aus dem jüdischen Altersheim (Große Hamburger Straße 26, Berlin N4) nach Theresienstadt deportiert und von dort am 19. September 1942 nach Treblinka, im sogenannten „Osten“. So ging die ganze Berliner Familie Raphael ihrem Untergang entgegen. Vaters Geschwister, Walter, Friedel, Zylla und Fanny mitsamt deren Familien, „verschwanden“ alle in den Jahren 1942 und 43. Im neutralen Schweden bekamen wir die Briefe zurück mit dem trockenen Vermerk: „verzogen, Adresse unbekannt“.

Meine Kusine Bella-Ruth Raphael, die Tochter Vaters Schwester Zylla, war die erstaunliche Ausnahme. Sie wurde 1942 in Berlin geboren und überlebte die Kriegsjahre im Waisenhaus des jüdischen Krankenhauses in Berlin-Wedding, Iranische Straße 2. Ihre Mutter (meine Tante) Zylla und Vater Alexander Weinberg wurden am 6. März 1943 nach Auschwitz verschickt. Nach Kriegsende wurde Bella von einem amerikanischjüdischen Sergeanten adoptiert und nach New York gebracht. Dort lebt sie noch heute, mit Mann, Kindern und Enkelkindern.

Geboren in Westfalen, durch Schweden, England und auch Korea, und vielleicht sogar mit einigem Sentiment für Berlin, aber meine Heimat ist hier in Haifa.


Zeev (Heinz) Raphael, Israel
Chiffre 111105