Ein elektronischer Mauer-Stadtführer

Historie und Technologie, die begeistert

von Christian Simon

Touristen aus aller Welt suchen insbesondere eines in Berlin: die Mauer. Zwar ist sie aus der wiedervereinigten Stadt lange verschwunden, dennoch ist die Erinnerung daran lebendig und Verwunderung macht sich breit, dass von „Berlins berühmtestem Bauwerk“ nur noch wenig zu finden ist. Buchstäblich gibt es nur noch Reste des heute kaum mehr denkbaren Bauwerks, das 28 Jahre lang den freien, allerdings eingemauerten Westteil vom diktatorisch beherrschten Ostteil trennte.

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Bild: Foto: Thomas Platow, Landesarchiv Berlin

Auch der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, hat den „MauerGuide“ ausprobiert.

Eine nahezu unglaubliche Zeitgeschichte, die nicht weit in der Vergangenheit liegt. Trotzdem: Wo und wie eigentlich die Mauer verlief, ist gewiss eine der meistgestellten Fragen von Besuchern in Berlin. Oder wer erinnert sich noch an die Lautsprechergefechte zwischen Ost und West unmittelbar nach dem Mauerbau? Im Hinblick auf Fluchtversuche laufen bei dem einen oder anderen womöglich ereignisreiche Bilder – wie der Sprung des Volkspolizisten Conrad über den Stacheldraht an der Bernauer Straße – durch den Kopf.

Seit Anfang Mai kann sich nun jeder mit Hilfe eines multimedialen Gerätes auf historische Spurensuche entlang des ehemaligen Mauerverlaufs machen. Der digitale Stadtführer ermöglicht mit seiner Tour „Walk the wall“ („Zu Fuß die Mauer erkunden“) ein aufschlussreiches Erlebnis. Optisch ähnelt das Gerät einem Handy, ist aber ein handlicher „MauerGuide“. Neben einem Stadtplan mit markiertem Mauerverlauf, Entfernungsangaben und Verkehrsanbindungen bietet er auch Archivfotos (unter anderem bisher unbekanntes Bildmaterial aus dem Stasi-Archiv), Ton- und Filmaufnahmen (unter anderem Interviews mit 30 Zeitzeugen) sowie interaktive Spiele. Mit Berührung des Displays kann man den Verlauf des innerstädtischen Todesstreifens mit Sperrgebiet nachvollziehen: Der Wahnsinn und die Absurdität dieser Grenze werden offensichtlich.

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Bild: Foto: Christian Simon

Hier können die Geräte ausgeliehen werden.

Für die technische Entwicklung musste bei einer Fläche von 80 Quadratkilometern fast die gesamte Berliner Innenstadt neu vermessen werden. Das Projekt ist auf sieben Jahre angelegt, um den elektronischen Mauerführer mit weiteren Inhalten und den gesamten ehemaligen Grenzanlagen zu ergänzen. Zurzeit wird eine Führung auf Deutsch und Englisch angeboten, Spanisch, Italienisch sowie Japanisch sollen folgen. Die Zahl von anfangs 500 Geräten will die Firma Antenna Audio, der weltweit führende Anbieter von Audio- und Multimedia-Führungen, bei Erfolg rasch erhöhen.

Das Ausleihen des „MauerGuide“ lohnt sich für jeden. Egal, ob für Touristen oder Schulklassen. Aber auch für Berliner, die ihr Leben mit und an der Mauer verbracht haben. Erstaunlicherweise fällt die Ausleihgebühr des Gerätes moderat aus, obwohl im „MauerGuide“ kein einziger Euro öffentliches Geld steckt. Für zehn Euro kann der wissbegierige Nutzer einen Tag lang eine individuell zusammenstellbare Tour unternehmen.

Die GPS-gesteuerten, also satellitengestützten Geräte werden dem Nutzer an fünf Ausgabekiosken (Brandenburger Tor, Bernauer Straße, Checkpoint Charlie, Niederkirchnerstraße und East Side Gallery) ausgeliehen und können dort auch wieder abgegeben werden.

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Bild: Foto: Antenna Audio GmbH

Mit dem MauerGuide am Checkpoint Charlie.

Marc, Student aus Schleswig-Holstein, verrät, nachdem er den „MauerGuide“ in der Hand hielt: „Beim nächsten Berlin-Besuch nehme ich meine Familie zur ‚Walk the wall-Tour‘ mit, so etwas haben die bestimmt noch nicht gesehen! Durch den MauerGuide wirkt Vergangenes lebendig und plastisch…“ Wer mit dem nächsten Berlin-Besuch noch etwas warten muss, erhält im Internet jede Menge Informationen über die Geschichte der Berliner Mauer und – wenn er will – sogar einen „virtuellen Überflug“ über die Berliner Mauer nach dem Stand von 1989 (www.berlin.de/mauer ).


Der Autor studiert an der Fachhochschule für Verwaltung und Rechtspflege und der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft. Er absolvierte ein Praktikum in der Landesredaktion Berlin.de.