Die Wiederentdeckung der Porträtmalerin Julie Wolfthorn

von Dr. Irene Knoll, Julie Wolfthorn Freundeskreis

Bild: Foto: Julie Wolfthorn Freundeskreis

Julie Wolfthorn in ihrem Atelier. Das Foto wurde ca. 1902 aufgenommen.

Tausende von Berlinerinnen und Berlinern sowie von Besuchern der Stadt haben im Frühjahr und Sommer 2007 bereits im Kunstsalon Thiede am Wannsee vor den Bildern der Malerin Julie Wolfthorn gestanden und nach ihr gefragt. Sie kamen zumeist von nebenan, aus dem Liebermann-Haus, wo sie eben Liebermanns herrliche Gartenbilder bewundert hatten, und sahen sich nun den Werken einer Malerin gegenüber, von der kaum einer von ihnen je etwas gehört oder gelesen hatte. Es war die erste kleine Personalausstellung von Arbeiten Julie Wolfthorns seit 70 Jahren! Traude Thiede und Dr. Jörg Thiede hatten im Rahmen ihrer Ausstellung zur „Berliner Secession“ zwei Räume dafür zur Verfügung gestellt.

Julie Wolfthorn gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Berliner Secession, mit der sich eine Gruppe von bildenden Künstlern unter Vorsitz Max Liebermanns vom konventionellen akademischen Kunstverständnis abspaltete. Liebermanns Name steht in den kunstgeschichtlichen Betrachtungen darüber an vorderster Stelle, der von Julie Wolfthorn taucht nicht auf. Seine Bilder gehören zum gesicherten Kunstgut der Stadt und der europäischen Kultur. Sein Werk und sein Andenken haben die finsteren Zeiten, in denen auch ein Liebermann den deutschen Faschisten verächtlich war, überstanden, er hat wieder seinen Ort am Pariser Platz, in seiner Sommervilla am Wannsee und auf dem Jüdischen Friedhof in der Schönhauser Allee. Für Julie Wolfthorn, Jüdin, 1942 nach Theresienstadt deportiert, wo sie am 26. Dezember 1944, wenige Tage vor ihrem einundachtzigsten Geburtstag, starb, gibt es keinen Ort. Immerhin ist seit Ende 2005 eine Straße nach ihr benannt.

Zeit ist vergesslich, möchte man meinen, wüsste man nicht, dass gesellschaftliche Zeit nur bewahren kann, was ihr zur Bewahrung mitgegeben wurde. Julie Wolfthorn ist so aus der Zeit gefallen. Die Ausstellung ihrer Arbeiten in der Villa Thiede offenbarte Vielseitigkeit und großes künstlerisches Format: Grafiken, witzige Illustrationen für die Zeitschrift „Jugend“, die um die Jahrhundertwende in München erschien und für die Julie Wolfthorn viele Titelseiten und Blätter schuf, Porträts, Plakate und Landschaften. Sie erweckte ein staunendes Interesse für das Werk und das Schicksal dieser Künstlerin von Rang, aber ohne Ruf. Eben diese Aufmerksamkeit, die Freude an den Entdeckungen und solche Anteil nehmende Neugier wollten die Aussteller, der Freundeskreis Julie Wolfthorn, provozieren. An den Wochenenden waren sie in ihrer Ausstellung zugegen, um den Besuchern Leben
und Werk der Künstlerin nahe zu bringen. Motiv und Ziel der Bemühungen des Freundeskreises, der sich vor sechs Jahren gründete, war und ist es, Julie Wolfthorns Werk aus der Vergessenheit zu bergen. In diesen Jahren wurden durch weit reichende Recherchen und Kontakte zu Institutionen und Personen, durch sorgfältige Kleinarbeit, die immer größere Kreise erfasste, Leben und Werk Julie Wolfthorns in großen Umrissen wieder gewonnen.

Bild: Fotos: Julie Wolfthorn Freundeskreis

Eine typische Arbeit Julie Wolfthorns. Sie zeigt die Darstellung einer nicht identifizierten Person und befindet sich in Privatbesitz.

Es ergab sich das Bild einer sehr eigenständigen Persönlichkeit. Sie kann kaum älter als zwanzig gewesen sein, als sie nach dem frühen Tod ihrer Eltern in Berlin und Paris privat ihre künstlerische Ausbildung betrieb. Schon um die Jahrhundertwende war sie in Berlin eine gefragte Porträtistin. Eine Reihe ausdrucksstarker Porträts wie das der Schauspielerin Tilla Durieux und der Dichterin Hedwig Lachmann, die beide in der Ausstellung zu sehen waren, das des expressionistischen Lyrikers Richard Dehmel, ein Bildnis Ida Dehmels und das von Gustav Landauer, in der Ausstellung als Abbildungen vorhanden, zeigen ihren ausgeprägten Sinn für die Persönlichkeit. Eine Leidenschaft, das Eigentümliche der Person, Charakter und sozialen Stand zu erfassen und adäquat in Farben, Licht und Komposition durchsichtig zu machen, sprechen daraus.

Das Erscheinen der Frauen in der Malerei nach der Jahrhundertwende wurde vom männlich dominierten Kunstbetrieb keineswegs anerkannt. In den Ausstellungen der Secessionisten nahmen sie nur wenig Raum ein, die Kunstkritik äußerte sich weitgehend abwertend. Um dem begegnen zu können, bildete Julie Wolfthorn gemeinsam mit anderen Secessionistinnen und einigen Künstlerinnen aus München 1906 die „Verbindung bildender Künstlerinnen“, die fortan eigene Ausstellungen organisierte. Julie Wolfthorn war auch in den folgenden Jahrzehnten intensiv um die Förderung der Frauenkunst bemüht. Auf Hiddensee, wo sie mit der Vereinigung der Hiddenseer Künstlerinnen im Freien arbeitete, entstanden einige ihrer schönsten Landschaftsbilder. Sie war Mitglied des Deutschen Lyceum-Clubs, der GEDOK und bis 1933 des Vereins der Berliner Künstlerinnen. Diese auf ihre Selbständigkeit und auf eigene Schaffensthemen orientierte Organisiertheit der Künstlerinnen spiegelt sich in den Ausstellungen, die sie in diesen Jahren gestalteten und die in die bürgerliche Frauenbewegung eingingen, sie aber auch herausforderten. Themen dieser Ausstellungen waren „Die schaffende Frau in der bildenden Kunst und Frauenschaffen des XX. Jahrhunderts“, „Das Gesicht der selbständigen Frau“, „Die Frau von heute“, „Die gestaltende Frau und das Kind“. Eine Reihe von Aquarellarbeiten, die unter dem Titel „Moderne Frauentypen“ stehen und viele Mädchenporträts Julie Wolfthorns, von denen auch einige in dieser Ausstellung vorhanden waren, gehen vermutlich auf solche Vorhaben zurück.

Bild: Foto: Julie Wolfthorn Freundeskreis

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Nach dem Aufkommen des Faschismus wurde Julie Wolfthorn aus den Verbänden ausgeschlossen, öffentliche Ausstellungen ihrer Werke und die künstlerische Arbeit wurden ihr verboten. Letzte Ausstellungen gab es Ende der 1930er Jahre im Rahmen des Jüdischen Kulturbundes. Bis auf wenige Bilder in den Depots deutscher Museen galt ihr umfangreiches Werk als verschollen. Die vernichtende Willkür der Faschisten reicht bis in unsere Tage. Mit der Ausstellung im Kunstsalon Thiede ging für die Mitglieder des Freundeskreises der innig gehegte Wunsch in Erfüllung, Julie Wolfthorn in die Öffentlichkeit unserer Tage zurückzuholen. Die Hoffnung, dass sich nun dank des Interesses auch der Medien neue, weiterführende Informationen und Kontakte ergeben, ist gewachsen, seit einer der Besucher seine Großmutter und zwei Besucherinnen ihre Großtanten auf den Bildern erkannten. Ein weiterer Gast brachte zwei Aquarelle von Julie Wolfthorn in die Ausstellung, so dass in wenigen Wochen bereits drei bisher unbekannte Arbeiten in die Ausstellung gelangten.

An der Gestaltung durch den Freundeskreis, der über keinerlei finanzielle Mittel verfügt, haben das Centrum Judaicum, die Berliner Akademie der Künste, das Literaturarchiv Marbach, das Deutsche Historische Museum und viele private Leihgeber mitgewirkt. Der Deutsche Lyceum-Club half mit einer Geldspende. Insbesondere aber das Engagement von Frau Trude Thiede und Herrn Dr. Jörg Thiede, die diese Personalausstellung in den Räumlichkeiten ihres Hauses ermöglichten, ist an dieser Stelle hervorzuheben.

Der Julie Wolfthorn Freundeskreis freut sich über jegliche Information über Leben und Werk von Julie Wolfthorn.


Julie Wolfthorn Freundeskreis
Sabine Krusen
Rheinsberger Str. 46
10435 Berlin
Tel.: 49 30 4493227
E-Mail: brunnhildeev@t-online.de