200 Jahre Alexanderplatz - gefeiert wird erst später

Alexander Schaub

Der Königstor-Platz um 1835. Links im Bild ist das Königstädtische Theater zu sehen.
Bild: Landesarchiv Berlin

Der Königstor-Platz um 1835. Links im Bild ist das Königstädtische Theater zu sehen.

Er ist einer der quirligsten Plätze der Hauptstadt und ein riesiger Verkehrsknotenpunkt. Glanzvolle Zeiten hat er genauso miterlebt, wie bittere Krisen und revolutionäre Umstürze. Seine Popularität verdankt er nicht zuletzt dem weltbekannten Roman von Alfred Döblin: Der Alexanderplatz in Berlin. Zurzeit gibt es jede Menge Baustellen auf dem Platz, so dass die Geburtstagsfeierlichkeiten verschoben wurden. Eigentlich ist der Alexanderplatz auch schon viel älter als 200 Jahre, denn die Anfänge seiner Entwicklung gehen bis ins 13. Jahrhundert zurück.
Eines der wichtigsten Tore in der Berliner Stadtmauer war das Georgentor. Es wurde nach dem Spital „Heiliger Georg“, das unweit des heutigen Alexanderplatzes gestanden hat, benannt. Am Georgentor trafen alle wichtigen Straßen die von Nordosten nach Berlin führten zusammen. Hier brachten Kaufleute aus Prenzlau, Bernau und den mächtigen Hansestädten an der Ostsee die Waren in die Stadt. Die Bedeutung des Tors stieg weiter, und vor dem Georgentor entstand ein kleiner Platz, auf dem Handel mit verschiedenen Waren und Tieren getrieben wurde. Wie wichtig dieser Platz damals war, zeigt, dass sich um ihn Ende des 17. Jahrhunderts die Georgenstadt entwickelte. Trotz eines offiziellen Bauverbots 1691 wuchs der neue Stadtteil unaufhaltsam. Bis 1700 entstanden circa 600 planlos angeordnete Häuser in kleinen, verwinkelten Gassen.
Das Georgentor wurde zum Königstor, nachdem der preußische König Friedrich I., nach der Krönung in Königsberg im Mai 1701, durch dieses Tor nach Berlin eingezogen ist. Auch die bis dahin entstandene Vorstadt wurde nun, zu Ehren des Monarchen, Königstadt genannt. Die Königstadt wurde dominiert von großen Textilmanufakturen und von Einrichtungen des Militärs. Der nördliche Teil des Platzes wurde weiterhin als Warenmarkt genutzt. Der Süden diente vor allem als Paradeplatz. Zu einer festlichen Parade wurde am 25. Oktober 1805 auch der russische Zar Alexander I. empfangen. Dieses Ereignis gab dem Platz einen neuen Namen: Am 2. November verkündete König Friedrich Wilhelm III., der Platz solle von nun an Alexanderplatz heißen. Während des gesamten 19. Jahrhunderts entwickelte sich die Königstadt rasant weiter. Existierte zunächst eine dreistöckige Bebauung, so waren Ende des Jahrhunderts die meisten Gebäude schon fünfgeschossig. Wo einst Industrie und Militär dominierte, existierten nun Wohnhäuser mit Geschäften. Urbanes Leben prägte zusehends das Gesicht des Platzes und des angrenzenden Viertels. Ausdruck dieses städtischen Selbstbewusstseins war das 1824 eröffnete Königstädtische Theater. Als im März 1848 die Revolution ausbrach, kam es auch auf dem Alexanderplatz zu heftigen Ausschreitungen. Straßenkämpfer verstellten den Weg vom

Dieses Foto vom Alexanderplatz wurde 1934 aufgenommen. Im Hintergrund ist der Turm vom Berliner Rathaus zu sehen.
Bild: Landesarchiv Berlin

Dieses Foto vom Alexanderplatz wurde 1934 aufgenommen. Im Hintergrund ist der Turm vom Berliner Rathaus zu sehen.

Platz in die Stadt mit Barrikaden. Auch der Schriftsteller Theodor Fontane beteiligte sich am Aufbau von Barrieren. Später beschrieb Fontane, der als Apotheker im nahe gelegenen Nikolaiviertel arbeitete, wie er mit Theaterinventar die Neue Königstraße blockierte: „Es ging über den Alexanderplatz weg auf das Königstädter Theater zu, das alsbald wie im Sturm genommen wurde.“ 1870 wurde schließlich der ehemalige Festungsgraben verfüllt und auf ihm die Stadtbahn mit dem Stadtbahnhof Alexanderplatz eröffnet. Weiterhin entstand in den ersten Jahren des Kaiserreiches ein Grand Hotel mit 185 Zimmern in einem herrlichen Neorenaissancebau, das Polizeipräsidium mit einem imposanten Backsteinturm und das Amtsgericht. 1886 wurde eine Zentralmarkthalle an der Stadtbahn geschaffen. Der nördliche Teil stand dem Individualverkehr und den Pferdeomnibuslinien zur Verfügung. Der ehemalige Paradeplatz wurde 1889 von Hermann Mächtig gärtnerisch umgestaltet. Im Nordwesten der Anlage wurde die Berolina, eine 7,55 Meter hohe Kupferstatue von Emil Hundrieser, aufgestellt.
Seine Blütezeit erlebte der Alexanderplatz zu Beginn des 20. Jahrhunderts. In dieser Zeit entstand auch das prächtig gestaltete Warenhaus Tietz, das mit 250 Metern die damals längste Kaufhausfassade der Welt besaß. Durch den technischen Fortschritt und den zunehmenden Verkehr entwickelte sich der Platz zum wichtigsten Verkehrsknotenpunkt der Stadt. Auf fünf Ebenen kreuzten sich elektrische Straßen bahnen, Omnibusse, S-Bahnen, Untergrundbahnen und Fernzüge. Der Alex war in den Goldenen Zwanzigern der Inbegriff des pulsierenden Lebens in Berlin. Dieses Szenario einer lebendigen Großstadt in der Weimarer Republik mit Menschentrubel, strahlendem Lichterglanz, Häusergewirr, Reklamegeschrei aber auch Hurenvierteln und Verbrechertum ist Inhalt des Romans „Berlin Alexanderplatz“ von Alfred Döblin. 1929 erscheint dieser bedeutende deutsche Großstadtroman.
Ende der 1920er war eine Umgestaltung des Platzes vorgesehen. Es wurde ein Architekturwettbewerb ausgeschrieben. Der Berliner Magistrat beschloss, den Entwurf von Peter Behrens umzusetzen. Dieser sah einen ovalen Kreisverkehr vor, um den sich die Gebäude in Hufeisenform anordnen sollten. Der Plan konnte aber nicht vollständig umgesetzt werden, da nach der Weltwirtschaftskrise kein Geld für Neubauten zur Verfügung stand. Lediglich das Alexanderhaus und das Berolinahaus wurden errichtet. Die achtgeschossigen Gebäude gehörten zu den ersten der Welt, die in Stahlbetonskelettbauweise gebaut wurden.
Im Frühjahr 1945 erreichte der Zweite Weltkrieg den Alexanderplatz. Die heftigen Bombardierungen und Straßenkämpfe beschädigten die Gebäude sehr stark. Die Berolinastatue war bereits 1944 entfernt und zu Kriegszwecken eingeschmolzen worden.
Nach dem Krieg begann die DDR 1951 mit dem Bau der Stalinallee. Die 90 Meter breite Straße führt von Osten kommend über den Alexanderplatz zum Prachtboulevard Unter den Linden. Bis 1964 wurde das Haus des Lehrers mit der angrenzenden Kongresshalle errichtet. Dies war das erste Hochhaus am Alexanderplatz. 1965 wurde im Südwesten des Platzes mit dem Bau des Fernsehturmes begonnen. Mit 368,03 Metern ist er das höchste Bauwerk in Westeuropa und eines der Wahrzeichen von Berlin.
In den darauf folgenden Jahren entstand das „Centrum“-Warenhaus und das 120 Meter hohe Interhotel (heute Park Inn) sowie das Haus des Reisens und das Haus der Elektroindustrie. Ein Brunnen und die Weltzeituhr sind heute noch beliebte Treffpunkte der Berliner und ihrer Gäste.

Der Alexanderplatz heute: Das Alexanderhaus, das Berolinahaus; die Straßenbahn fährt wieder über den Platz.
Bild: Landesarchiv Berlin

Der Alexanderplatz heute: Das Alexanderhaus (links), das Berolinahaus (rechts im Bild); die Straßenbahn fährt wieder über den Platz.

Im Zuge der sozialistischen Umgestaltung war der Platz mit 80 000 Quadratmetern viermal so groß wie vor dem Krieg geworden. Hauptüberlegung war dabei, den Platz als zentralen Kundgebungsort für Großveranstaltungen zu nutzen.
Eine damals nicht geplante Kundgebung fand am 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz statt: Eine halbe Million Menschen demonstrierten gegen das Regime der SED-Diktatur und trugen so zum Fall der Berliner Mauer bei.
Nach der Wiedervereinigung wurde 1993 ein städtebaulicher Wettbewerb ausgeschrieben. Als Sieger gingen die Architekten Hans Kollhoff und Helga Timmermann hervor. An den Entwurf von Behrens angelehnt soll eine hufeisenförmige Bebauung entstehen. Die unter Denkmalschutz stehenden Gebäude Berolina- und Alexanderhaus sollen den Platz nach Südwesten begrenzen. 1995 wurde das Alexanderhaus saniert und seit 1998 fährt auch die Straßenbahn, im Schnitt 850-mal pro Tag, wieder direkt über den Platz. Zurzeit wird das Berolinahaus und das Kaufhaus Galeria Kaufhof (ehemals „Centrum“-Warenhaus) renoviert. Der Platz selbst soll bis 2007 eine Pflasterung aus gelben Granitsteinen mit grauem Mosaikpflaster erhalten. Direkt an der Stadtbahn entsteht derzeit ein neues Einkaufzentrum mit 180 Geschäften, das wegen seiner geschwungenen Form schon jetzt im Volksmund „Banane“ genannt wird. Da der Alexanderplatz derzeit eher an eine große Baustelle als an einen Festplatz erinnert, wurden die Feierlichkeiten zum 200jährigen Jubiläum erst einmal verschoben. Wenn die wesentlichen Bauprojekte abgeschlossen sind, soll nicht nur Geburtstag, sondern auch die Neugestaltung des Platzes gefeiert werden.


Der Autor studiert Medienmanagement an der Hochschule Mittweida (FH) – University of Applied Sciences und absolvierte ein Praktikum im Presse- und Informationsamt des Landes Berlin.