Neuer Glanz in alten Mauern

Familie Wolffsohn hat die Gartenstadt Atlantic im Berliner Wedding mit neuem Leben erfüllt

von Theresa Adlmaier

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Bild: Foto: Privat

Karl Wolffsohn, Aufnahme von 1956.

Vom Innenhof geht es in eine Dreieinhalb-Zimmer-Wohnung im dritten Stock. Klaus Wowereit meldet Bedenken an – der Sandweg im Innenhof ist matschig – und nun trägt er vielleicht den ganzen Schmutz ins Haus.

Schmutz, da muss man dem Regierenden Bürgermeister von Berlin Recht geben, verträgt sich nicht mit dem Erscheinungsbild der denkmalgeschützten Wohnanlage Gartenstadt Atlantic im Berliner Wedding: Die 496 Wohnungen und 50 Häuser wurden in den vergangenen Jahren behutsam modernisiert, frisch gestrichen, die Innenhöfe begrünt und um Spielplätze erweitert. Die Erneuerung der Anlage aus den 1920er Jahren hat die jüdische Familie Wolffsohn finanziert und organisiert. „Ich will mit meinem Besuch ein Zeichen des Dankes für das Engagement der Familie im Wedding setzen“, sagt Wowereit auf seinem Rundgang im Frühjahr 2006 durch die Gartenstadt. Eingeladen wurde das Berliner Stadtoberhaupt von Prof. Dr. Michael Wolffsohn und seiner Frau Rita, die dem Vorstand der Gartenstadt angehören.

Der 59-jährige Wolffsohn hat die Wohnanlage am Bahnhof Gesundbrunnen, die ihren Namen dem Bauherren, der Handelsgesellschaft Atlantic, verdankt, von seinem Vater Max geerbt. Gemeinsam mit seiner Frau hat er beschlossen, den Gebäudekomplex zu sanieren. 31 Millionen Euro haben sie in das Non-Profit-Projekt investiert und für diese Modernisierung auf ihr gesamtes Vermögen verzichtet. „Es gibt viele Gründe dafür, warum wir uns für eine Modernisierung entschieden haben“, sagt Michael Wolffsohn, Professor für Neuere Geschichte an der Universität der Bundeswehr München: „Einer davon ist, dass meine Familiengeschichte untrennbar mit der Gartenstadt verbunden ist.“

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Bild: Foto: bfstudio-architekten

Das legendäre Lichtburg-Kino bei Nacht.

Sein Großvater Karl Wolffsohn hatte Ende der 1920er Jahre sein Herz hier am Gesundbrunnen verloren – an das Lichtburg-Kino. „Er war ein Pionier der Filmwirtschaft, die Filmpublizistik war seine Erfindung“, erklärt Enkel Michael. 2000 Besucher fanden in der Lichtburg Platz, neben dem Kino gab es Tanzsäle, Gastronomie-Betriebe und Geschäfte. Für die Lichtburg galt ebenso wie für die Gartenstadt: Gute Qualität zu erschwinglichen Preisen für den „kleinen Mann“. Mit Karl Wolffsohns Engagement in der Lichtburg sollte nach dem Willen der Nationalsozialisten jedoch 1936 Schluss sein: Ihm wurde angekündigt, dass sein Pachtvertrag nicht verlängert werde. „Mein Großvater war vernarrt in die Lichtburg. Und so beschloss er, die Nazis auszutricksen, indem er die gesamte Gartenstadt Atlantic AG, zu der auch die Lichtburg gehörte, kaufte.“ Damals war es Juden schon verboten, deutschen Grundbesitz zu erwerben. Wolffsohns Kauf flog wenig später auf, die NS-Behörden verlangten die „Arisierung“. „Großvater war ein Mensch, der sich zur Wehr setzte, wenn ihm Unrecht angetan wurde“, sagt Michael Wolffsohn. „Ein Großteil seines Besitzes war bereits arisiert worden. Er war der Meinung, es sei genug und weigerte sich.“

Daraufhin kam Karl Wolffsohn im August 1938 in Schutzhaft der Gestapo, unter Zwang entschied er schließlich, der „Arisierung“ zuzustimmen. Gemeinsam mit seiner Familie verließ er Berlin. Nicht jedoch, ohne nochmals einen Versuch zu unternehmen, den Nazis ein Schnippchen zu schlagen: Die Aktien der Gartenstadt AG verteilte Wolffsohn kostenlos an Freunde. Verbunden mit dem Versprechen, sie nach Ende des Nazi-Regimes zurück zu bekommen. Als Karl Wolffsohn 1949 nach Berlin zurückkehrte, hielt jedoch nur einer der Freunde Wort. Wolffsohn starb am 6. Dezember 1957 und erlebte nicht mehr, dass die Aktien 1962, nach Jahren erbitterter Auseinandersetzungen, wieder in den Besitz der Wolffsohns über-gingen. Die Lichtburg, die mittlerweile „Corso Theater“ hieß, bekam die Familie jedoch nicht zurück. Das Gebäude wurde, nachdem es zwischenzeitlich als Lagerhalle gedient hatte, 1970 abgerissen.

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Bild: Foto: bfstudio-architekten

Neuer Glanzpunkt im Wedding: Die Wohnanlage nach der Modernisierung.

„Die Kultur, hauptsächlich in Form der Lichtburg, war die Seele der Gartenstadt. Daran haben wir im Zuge der Modernisierung versucht anzuknüpfen“, sagt Michael Wolffsohn. Im neuen Lichtburgforum finden zahlreiche Veranstaltungen unter dem Motto „Deutsch-Türkisch-Jüdisch, Interkulturell“ statt. Auch namhafte Künstler haben sich in der Gartenstadt niedergelassen: der bekannte Bildhauer Günther Uecker beispielsweise und die New Yorker Videokünstlerin Prof. Nan Hoover. „Die Gartenstadt ist eine kunterbunte Mischung – Leute wie du und ich wohnen neben Politikern oder berühmten Künstlern“, beschreibt Wolffsohn das Flair der Anlage. Kunterbunt gemischt ist die Gartenstadt auch im Hinblick auf die Herkunft ihrer Bewohnerinnen und Bewohner. „Wir möchten mit dieser Anlage aktive Integrationspolitik leisten. Es soll ein ,Wir-Gefühl‘ entstehen“, wünscht sich Michael Wolffsohn. Dass die Modernisierung gelungen ist, beweisen allein die vielen Mietinteressenten. Anerkennung wurde den Architekten der Gartenstadt Atlantic, Benita Braun-Feldweg und Matthias Muffert vom Büro bfstudio-Architekten, auch von der Stiftung Lebendige Stadt ausgesprochen: Die Wohnanlage wurde beim bundesweiten Wettbewerb „Das beste Konzept für innerstädtisches Wohnen“ als einziges Berliner Projekt ausgezeichnet. Besonders gelobt wurde die behutsame Sanierung und die damit verbundene Vorbildfunktion im Umgang mit historischer Bausubstanz.
„Ich bin zufrieden, aber wichtiger ist, dass die Umwelt zufrieden ist“, resümiert Michael Wolffsohn.

Klaus Wowereit jedenfalls war sehr zufrieden. Auch seine Sorgen bezüglich der schmutzigen Schuhsohlen wurden dank eines Fußabstreifers im wahrsten Sinne des Wortes hinweggewischt.


Gartenstadt Atlantic AG
Bellermannstr. 22
13357 Berlin
E-Mail: info@gartenstadt-atlantic.de
www.gartenstadt-atlantic.de
Tel.: 49 30 4998813

Lichtburgforum
in der Gartenstadt Atlantic
Behmstraße 13
13357 Berlin
E-Mail: info@lichtburgforum.de

Die Autorin studiert Geschichte und Politikwissenschaft an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und absolvierte ein Praktikum im Presse- und Informationsamt des Landes Berlin.