Das Berliner Zimmer

Im Esszimmer isst man, im Arbeitszimmer wird gearbeitet – soweit, so klar. Aber was ist eigentlich ein Berliner Zimmer? Der Architekt Jan Herres hat dem gehassten und geliebten Raum ein Buch gewidmet und beschreibt anschaulich seine Geschichte, Typologie und seine Nutzung im Wandel der Zeit.

Berliner Zimmer als Wohnzimmer

Berliner Zimmer als Wohnzimmer

Berliner Altbauten aus der Gründerzeit verfügen über eine Besonderheit, die man in Hamburg oder Köln so nicht kennt. Durch das sprunghafte Bevölkerungswachstum im 19. Jahrhundert war Wohnraum knapp. Infolgedessen wurden Grundstücke immer tiefer bebaut. Die zunächst freistehenden Seitenflügel ruckten naher an das Vorderhaus heran, bis beide schließlich ganz miteinander verwuchsen. Während in Wien oder Paris an der Schnittstelle oft das Treppenhaus angesiedelt wurde, erfand man in Preußens Hauptstadt das „Berliner Zimmer“: Einen Wohnraum ohne festgelegten Nutzungszweck als Verbindungsglied zwischen den beiden Gebäudeteilen und damit oft zwischen den herrschaftlichen Gemächern im Vorderhaus und dem Wohn- und Arbeitsbereich des Gesindes in den Seitenflügeln.

Berliner Zimmer als Bibliothek

Berliner Zimmer als Bibliothek

Im Jahr 1862 trug die Veröffentlichung des Buches „Grundrisse für städtische Wohngebäude. Mit Rücksicht auf die für Berlin geltende Bau-Ordnung“ von Gustav Assmann wesentlich dazu bei, dass sich das Berliner Zimmer zu einem festen Bestandteil des „typischen“ Berliner Mietshausgrundrisses entwickelte. Das Musterbuch diente als Schablone für die zahlreichen Baumeister, die ohne architektonische Unterstützung planten und entfaltete seine Wirkung auch in anderen Städten, vor allem in den östlichen Provinzen Preußens, wie in Magdeburg, Stettin oder Breslau, aber auch in skandinavischen Metropolen, vor allem in Kopenhagen.

Berliner Zimmer im Museum Pankow – Standort Heynstraße: In der Wohnung des ehemaligen Stuhlrohrfabrikanten Fritz Heyn sind die bürgerlichen Repräsentationsräume in ihrer baulichen Ausstattung und Möblierung teils original erhalten

Berliner Zimmer im Museum Pankow – Standort Heynstraße: In der Wohnung des ehemaligen Stuhlrohrfabrikanten Fritz Heyn sind die bürgerlichen Repräsentationsräume in ihrer baulichen Ausstattung und Möblierung teils original erhalten

Aufgrund seiner Lage verfügt das Berliner Zimmer nur über ein einziges Fenster zum Hinterhof und ist daher oft dunkel. Friedrich Engels empfand es als eine „in der ganzen anderen übrigen Welt unmögliche Herberge der Finsternis, der stickigen Luft, und des sich darin behaglich fühlenden Berliner Philistertums“. Der Publizist Walter Kiaulehn sah in ihm einen „Korridor, der mit Hilfe eines Fensters zum Zimmer hochgeschwindelt wurde“. Heute hingegen erfreut sich das Berliner Zimmer großer Beliebtheit und ist nicht selten das Herzstuck der Wohnung. Anders als Raume mit klar definierten Funktionen wie Schlafen oder Essen, lädt das Berliner Zimmer mit seiner Unbestimmtheit zur kreativen Nutzung und Umnutzung ein. Ob als Bibliothek, Wohnküche oder multifunktionaler Wohnraum – das Berliner Zimmer lasst sich je nach Bedürfnissen und Lebensphasen der Bewohnerinnen und Bewohner umgestalten. Es verwundert daher nicht, dass das Berliner Zimmer auch im heutigen Wohnungsneubau wieder eine Rolle spielt.

Grundrisse mit Berliner Zimmer (als BZ markiert)

Grundrisse mit Berliner Zimmer (als BZ markiert)

Kontakt

Der Regierende Bürgermeister von Berlin
- Senatskanzlei -

Redaktion Zeitschrift aktuell

Amelie Müller