Verfolgt, vergessen - und rehabilitiert!

Die Wohnanlage Sonnenhof von Erwin Gutkind in Berlin-Lichtenberg, erbaut Anfang der 1920er-Jahre

von Günter Schlusche, Architekt und Vorstand der Gesellschaft zur Erforschung des Lebens und Wirkens deutschsprachiger jüdischer Architekten

Sie waren erfolgreiche Architekten, Angehörige des Bauhauses, in Reformverbanden wie dem Deutschen Werkbund und dem Bund Deutscher Architekten engagiert, haben zahlreiche Bauten, Siedlungen, Freiraume und neuartige Gestaltungskonzepte für die Stadt Berlin und private Bauherren ausgeführt. Oft gehörten sie zur Avantgarde ihres Berufs und fühlten sich den Reformbewegungen des frühen 20. Jahrhunderts verpflichtet. Ohne Architekten wie Erich Mendelsohn, Bruno Ahrends, Martin Punitzer, Erwin Gutkind, Fred Forbát, Marie Frommer, Franz Hillinger, Oskar Kaufmann oder Konrad Wachsmann wäre die dynamische Entwicklung Berlins und anderer deutscher Städte in der Weimarer Republik nicht denkbar gewesen. Sie spielten eine entscheidende Rolle bei der Realisierung der innovativen Großsiedlungen, die Teil des großangelegten Reformprogramms der Weimarer Republik unter dem Berliner Stadtbaurat Martin Wagner waren und die heute als Teil des Unesco-Weltkulturerbes internationale Reputation genießen. Architekten wie Alexander Klein, Paul Zucker oder Leo Adler leisteten auch in Forschung und Lehre wichtige Beiträge zur Bau- und Städtebaugeschichte oder zur Rationalisierung des Wohnungswesens.

Das von Dr. Ing. Marie Frommer umgebaute Seidenhaus Leiser in Berlin-Mitte, ca. 1928

Das von Dr. Ing. Marie Frommer umgebaute Seidenhaus Leiser in Berlin-Mitte, ca. 1928

Doch eines unterschied sie von ihren oft auch heute wertgeschätzten Zeitgenossen: Sie waren jüdischen Glaubens, jüdischer Herkunft oder wurden aufgrund der menschenverachtenden NS-Rassegesetze zu Juden gemacht, mussten ihren Beruf aufgeben, emigrieren und erfuhren schwere Diskriminierung. Über 500 Architektinnen und Architekten erlitten dieses Schicksal, und mindestens 80 von ihnen endeten in den Konzentrationslagern der Nazis. Ihr Leben und ihre Beiträge zur Großstadtkultur wurden vergessen, übersehen, nicht gewürdigt – oft bis heute! Ihre Bauten aber sind noch da, sind steinerne Zeugen ihres Reformschaffens. Daran knüpft die „Gesellschaft zur Erforschung des Lebens und Wirkens deutschsprachiger jüdischer Architekten“ an. Sie wurde vor über 30 Jahren von der israelischen, in Berlin lebenden Architektin Myra Warhaftig und Gleichgesinnten gegründet und setzt sich bis heute für die Rehabilitation dieses Personenkreises und seiner Bauten ein.

Dank der Pionierarbeiten von Myra Warhaftig wurden mehrere hundert Biographien von jüdischen Architekten rekonstruiert, viele davon mithilfe von Angehörigen und Zeitzeugen, die mittlerweile verstorben sind. Das macht ihre Recherchen außerordentlich wertvoll. Doch die Arbeit geht weiter: Der Verein hat eine Vielzahl von Forschungen gestartet, Veranstaltungen unternommen, Publikationen herausgeben, Vortrage und Ausstellungen initiiert. Im Berliner Themenjahr 2013 zur „Zerstörten Vielfalt“ aus Anlass der Machtübernahme 1933 führte er eine stadtweite Open-Air-Ausstellung in sechs Berliner Bezirken zu 26 Bauten jüdischer Architekten durch. 2019 organisierte der Verein im Rahmen der Triennale der Moderne in Kooperation mit der Technischen Universität Berlin eine internationale Tagung „Aufbruch in die Moderne“, an der Forscher aus neun osteuropäischen Ländern Vortrage zu jüdischen Architekten hielten. 2022 organisierte er eine Ausstellung zu dem jüdischen Architekten F. Kassler aus Lviv/Lemberg (Ukraine). Regelmäßig beteiligt sich der Verein am bundesweiten Tag des offenen Denkmals und an der Triennale der Moderne der Bauhaus-Städte Berlin, Dessau und Weimar.

Die Vielfalt des Schaffens, aber auch die biographischen Brüche der verfolgten jüdischen Architekten werden in den folgenden Biographien beispielhaft vorgestellt:

Die Architektin Marie Frommer, ca. 1928

Die Architektin Marie Frommer, ca. 1928

Der Architekt Bruno Ahrends (1878 – 1948) wurde als Sohn der jüdischen Familie Arons in Berlin geboren. Nach dem Architekturstudium in München und Berlin änderte er seinen Namen in Ahrends. Er war mit Wohn- und Siedlungsbauten unter anderem in Berlin-Reinickendorf („Weise Stadt“) erfolgreich, in denen Ahrends auf eine sehr moderne Formensprache zurückgriff. Dennoch galt Ahrends den Nationalsozialisten als sogenannter Volljude und erhielt 1933 Berufsverbot. 1936 emigrierte er nach Italien, 1939 dann nach England, wo er ohne Beschäftigung in ärmlichen Verhältnissen lebte. Schließlich zog er 1948 zu seinen Söhnen nach Sudafrika und starb dort noch im selben Jahr.

Eine Pionierin war Marie Frommer (1890 – 1976), die erste Architektin in Deutschland, die einen Doktortitel erwarb. Sie wurde 1890 in Warschau geboren, studierte ab 1911 in Berlin und erhielt 1916 ihr Diplom. 1925 eröffnete sie ihr eigenes Architekturbüro in Berlin. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit lag im Umbau von Laden, Geschäftshäusern und Hotels, die in der Fach- und Frauenpresse Beachtung fand. Wegen ihrer jüdischen Herkunft wurde sie 1933 aus dem Bund Deutscher Architekten ausgeschlossen. Im Herbst 1936 emigrierte sie nach England und 1939 in die USA. Erst 1946 erhielt Marie Frommer die Zulassung als „licensed architect“. Marie Frommer starb am 16. November 1976 in New York.

Der Architekt Fred Forbát, ca. 1930

Der Architekt Fred Forbát, ca. 1930

Fred Forbát (1887 – 1972) wurde als Alfred Fuchsl in Pecs (Ungarn) geboren, sein Name wurde später in Fred Forbát geändert. Nach dem Architekturstudium in Budapest arbeitete er bis 1922 im Atelier von Walter Gropius. Von 1923 war er führend an der Großsiedlung Siemensstadt sowie der Wohnsiedlung Haselhorst beteiligt und entwarf das Mommsenstadion in Berlin. Nach 1933 wurde Forbát die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen, und er erhielt in Deutschland Berufsverbot, wenige Jahre später auch in Ungarn. 1938 emigrierte er nach Schweden. Forbát gilt als bedeutender Vertreter des Neuen Bauens.

Erwin Gutkind (1886 – 1968) studierte an der Technischen Hochschule Charlottenburg Architektur und promovierte dort 1914. Bis 1933 war er erfolgreicher Architekt mit zahlreichen Wohnungsbauprojekten in mehreren Berliner Bezirken sowie mit der vielbeachteten Doppelhaussiedlung „Neu-Jerusalem“ in Staaken. 1933 musste Gutkind nach Paris und dann nach London emigrieren, wo er nicht wieder an seine Tätigkeit als Architekt anknüpfen konnte. Seine Mutter und seine Frau wurden deportiert und kamen in Konzentrationslagern ums Leben. 1946 nahm er einen Ruf an die University of Pennsylvania/USA an. Ein achtbändiges Werk über die Geschichte der Stadtentwicklung hinterließ er bei seinem Tod 1968 unvollendet.

Innenraum der von Leopold Rother entworfenen Aula Academica der TU Clausthal, ca. 2024

Innenraum der von Leopold Rother entworfenen Aula Academica der TU Clausthal, ca. 2024

Das Wirken von Leopold Rother (1894 – 1978) wurde erst vor kurzem durch die Forschungen des kolumbianischen Bauhistorikers Ernesto Vendries Bray an der TU Darmstadt öffentlich bekannt. Dieser interessante Architekt stammte aus einem jüdischen Elternhaus und studierte in Karlsruhe, Breslau und Berlin. Nach einigen Zwischenstationen entwarf er mehrere Bauten für die Bergakademie in Clausthal-Zellerfeld (heute Technische Universität Clausthal). 1935 wurde er aus dem preußischen Staatsdienst entlassen, da er trotz seiner evangelischen Religionszugehörigkeit als „Volljude“ galt. Er emigrierte nach Kolumbien und wurde bei der „Generaldirektion für Nationale Gebäude“ im Bauministerium angestellt. Bis 1961 war er federführend bei der Planung von zahlreichen Bildungsbauten in Bogota und lehrte an verschiedenen Universitäten. 1978 starb Leopold Rother in Bogota.

Der Verein will das Leben und das Wirken dieser vielen Architekten, deren Lebenslaufe bei weitem nicht alle bekannt und erforscht sind, wieder bekannt machen. Wir wollen dazu beitragen, dass ihre Bauten wertgeschätzt, ihre Biographien ins öffentliche Bewusstsein zurückgeholt und ihre Leistungen angemessen gewürdigt werden. Anhand zunehmender Kontakte können wir feststellen, dass das Interesse an diesem Thema steigt, auch aufgrund der öffentlich zuganglichen Archive und des großen internationalen Austauschs.

Viele der verfolgten Architekten stammten nicht aus Deutschland, sondern aus anderen, vor allem osteuropäischen Ländern, daher versteht sich die Arbeit des Vereins auch als Beitrag zur Wiederherstellung des europäischen Kulturerbes und führt häufig zu internationalen Kooperationen. Die Aktivitäten des Vereins sind aber auch Bestandteil der Exilforschung und der Baugeschichte Berlins und anderer deutscher Städte. In einer Reihe von Fällen hat der Verein dazu beigetragen, dass Bauten dieser Architekten unter Denkmalschutz stehen und nicht langer vom Abriss bedroht sind. Das sind scheinbar kleine, aber wichtige Erfolge auf dem Weg zur Rehabilitation und Wiederherstellung des kulturellen Gedächtnisses, die uns Mut machen.

Weitere Informationen unter: www.juedische-architekten.de
Der Verein freut sich über Hinweise zu Bauten und Biographien jüdischer Architekten. Zuschriften unter info@juedische-architekten.de

Kontakt

Der Regierende Bürgermeister von Berlin
- Senatskanzlei -

Redaktion Zeitschrift aktuell

Amelie Müller