Gebaute Geschichte

Petra Kahlfeldt

Petra Kahlfeldt

Professor Petra Kahlfeldt ist seit 2021 Berlins Senatsbaudirektorin. Die Architektin ist damit für kommunale Bauaufgaben und die übergeordnete Planung Berlins zuständig. „aktuell“ sprach mit ihr über Baukultur, Baustellen und das Stadtbild der Zukunft.

Das Konzerthaus am Gendarmenmarkt von Karl Friedrich Schinkel

Das Konzerthaus am Gendarmenmarkt von Karl Friedrich Schinkel

Es gibt die Meinung, Berlin sei eine Stadt ohne Baukultur. Was ist denn typisch für die Berliner Architektur, was ist das Besondere?
Berlin ist ein Magnet für Architektur- und Bauinteressierte aus aller Welt. Diese Stadt ist gebaute Geschichte, die sich in ihren Gebäuden und an ihrer Architektur ablesen lasst. Vom preußischen Berlin mit den klassizistischen Architekturen Schinkels, der Industrie-Architektur wie der AEG-Turbinenhalle über den Reformsiedlungsbau der 1920er – ein prägnantes Beispiel ist die Hufeisensiedlung von Bruno Taut und Martin Wagner, heute Unesco-Welterbe – bis zu den Architekturen nach der Wiedervereinigung. All das sind architektonische Schätze. Manch einer empfindet diese Vielfalt als zusammenhanglos. Meines Erachtens ist es dieses Zusammenkommen von Zeitschichten, die eine Stadt wie Berlin ausmacht.

Nach der Wiedervereinigung gab es einen regelrechten Bauboom. Im Regierungsviertel entstanden zahlreiche Neubauten

Nach der Wiedervereinigung gab es einen regelrechten Bauboom. Im Regierungsviertel entstanden zahlreiche Neubauten

Durch die Zerstörung im Krieg und die Teilung der Stadt gab es einerseits Freiräume, andererseits Doppelstrukturen. Ist die vormals geteilte Stadt wieder zusammengewachsen?
Nach der Wiedervereinigung fiel die Entscheidung auf Berlin als Hauptstadt der Bundesrepublik. Zudem wuchs Berlin um mehr als 450.000 Einwohnerinnen und Einwohner seit 1990. Durch zahlreiche Gründungen und Ansiedlungen von Unternehmen ist die Stadt wirtschaftlich gediehen. Berlin ist 35 Jahre nach der Wiedervereinigung zusammengewachsen ohne den besonderen Charakter in den beiden Stadthälften zu verlieren.

Der Fokus bei der Entwicklung des Schumacher Quartiers auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tegel liegt nicht nur auf sozialer Durchmischung, sondern auch auf Nachhaltigkeit (Visualisierung)

Der Fokus bei der Entwicklung des Schumacher Quartiers auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tegel liegt nicht nur auf sozialer Durchmischung, sondern auch auf Nachhaltigkeit (Visualisierung)

Die Freiflächen innerhalb des Rings sind seltener geworden. Gibt es Entwicklungsgebiete nur noch am Stadtrand?
Trotz starker Baudynamik in den letzten 15 Jahren zeigen die Stadtentwicklungsplane Wohnen und Wirtschaft 2040 umfangreiche Potenziale in den Innenstadtrandbereichen. Denken Sie allein an das Quartier am Humboldthain. In den nächsten Jahren entsteht mitten in Berlin ein gewerblich geprägtes, lebendiges und urbanes Quartier. Außerdem gibt es weitere Entwicklungsmöglichkeiten auf Flachen, die zwar außerhalb des S-Bahnrings liegen, aber trotzdem keine Stadtrandlage sind. Beispielhaft dafür ist das neue nachhaltige Stadtquartier Siemensstadt Square, das an dem historischen Industriestandort in Spandau entsteht. Oder das Schumacher Quartier: Nach Schließung des Flughafens Tegel werden hier über 5.000 Wohnungen für mehr als 10.000 Menschen entstehen. Hier entsteht ein Quartier mit allem, was man zum Leben braucht.

Wo wird sich Berlin auch innerstädtisch in den nächsten Jahren verändern?
Neben dem Molkenmarkt als eines der zentralen innerstädtischen Entwicklungsgebiete ist das Areal um den Berliner Hauptbahnhof von Bedeutung. Der Europaplatz Süd in seiner Funktion als Vorplatz zur Invalidenstraße wird umgebaut, um unter anderem durch umfangreiche Baumpflanzungen die Aufenthaltsqualität deutlich zu verbessern und einen Ort des Willkommens zu gestalten. Westlich davon wird das so genannte 3,9 Hektar große ULAP-Quartier entwickelt. Es bildet den städtebaulichen Übergang zwischen dem Hauptbahnhof und den umliegenden Wohngebieten. Zudem gibt es eine Bebauung des südlichen Humboldthafens. Hier ist eine lebendige Mischung aus öffentlicher Uferpromenade, Gewerbe und Gastronomie geplant.

Der Molkenmarkt, direkt neben dem Roten Rathaus, ist derzeit eines der zentralen innerstädtischen Entwicklungsgebiete

Der Molkenmarkt, direkt neben dem Roten Rathaus, ist derzeit eines der zentralen innerstädtischen Entwicklungsgebiete

Der Molkenmarkt ist im Moment die prominenteste Baustelle des Stadtzentrums. Wie geht es hier weiter?
Der erste Wettbewerb für die neuen Gebäude am Molkenmarkt ist gestartet. Dieser bezieht sich auf den nördlichen Bereich Grunerstraße, Molkenmarkt und Jüdenstraße. Dem werden weitere Wettbewerbe in diesem Jahr folgen. Auf einem Teil der Flachen finden noch archäologische Ausgrabungen statt, die einen spannenden Einblick in die 800-jahrige Stadtgeschichte geben.

Die Stadt steht vor großen Herausforderungen: der Bau von neuem Wohnraum, die Verkehrs- und Energiewende, die Transformation der Wirtschaft. Zudem muss der Bausektor klimaneutral werden. Wie will Berlin das erreichen?
Es ist erklärtes Ziel, dass Berlin bis 2045 klimaneutral wird. Öffentliches Bauen hat dabei einen Vorbildcharakter. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen hat eine Vielzahl von Maßnahmen auf den Weg gebracht. Diese reichen unter anderem vom Berliner Energiewendegesetz mit Klimaschutzvorgaben für öffentliche Gebäude bis zum Bau von Holz-Compartmentschulen im Rahmen der Berliner Schulbauinitiative. Weitere Grundlage des Handelns ist der Stadtentwicklungsplan Klima 2.0. Dieser widmet sich den räumlichen und stadtplanerischen Ansätzen zum Umgang mit dem Klimawandel. Kernthemen sind dabei die Einsparung von CO₂ sowie die hitzesensible und wassersensible Stadtentwicklung.

Die Hufeisensiedlung in Britz – ein Beispiel für den Reformsiedlungsbau der 1920er-Jahre

Die Hufeisensiedlung in Britz – ein Beispiel für den Reformsiedlungsbau der 1920er-Jahre

Trotz Verdichtung: Boden ist eine endliche Ressource. Müssen wir mehr in die Höhe bauen?
Hochhäuser können ein Beitrag zu einer nachhaltigen Stadtentwicklung sein. Seit 2020 ist für die Entwicklung von Hochhäusern das Hochhausleitbild verbindlich, das derzeit evaluiert wird. Es beinhaltet Vorgaben für die Planungen und Gestaltung von Hochhäusern in Berlin. Für das Land Berlin ist es wichtig, dass Hochhäuser einen Mehrwert für die jeweiligen Quartiere bringen. Wenn wir nicht in der Breite neue Flachen versiegeln wollen, dann müssen wir automatisch dichter und hoher bauen.

Wie sieht Berlin in 20 Jahren aus?
Berlin wird deutlich starker eine Metropole mit internationaler Strahlkraft und hoher Lebensqualität sein, in der das „typisch Berlin“ nicht verloren gegangen ist. Jede und jeder wird weiterhin seine Orte für die Umsetzung kreativer Ideen und individueller Entfaltung finden. Das Stadtbild wird sich weiterentwickeln. Bauen am Bestand und Neubau schließen sich dabei nicht aus. Schon heute sind Trends sichtbar: Dazu gehört eine nachhaltige grüne Stadtentwicklung, die auf Klimaneutralität und erneuerbare Energieträger setzt. Ich bin sehr zuversichtlich, dass Berlin in 20 Jahren ein dynamischer und lebendiger Ort ist.

Kontakt

Der Regierende Bürgermeister von Berlin
- Senatskanzlei -

Redaktion Zeitschrift aktuell

Amelie Müller