Inhaltsspalte

Mit dem Koffer weg aus Berlin: Exilgestalt Kurt Löb

ein Leserbeitrag von Truusje Vrooland-Löb

Kurt Löb, 1972
Kurt Löb, 1972
Bild: Martijn Löb

Mein liebster Papa Kurt Löb (1926 – 2015) war bildender Künstler. Er war ein bekannter Künstler in den Niederlanden, aber auch im Ausland zahlreich preisgekrönt – sein Werk gab es regelmäßig in Ausstellungen zu begutachten (Amsterdam, Het Rembrandhuis, 2005). Für sein OEuvre als Buchkünstler bekam er in Deutschland beispielsweise 1993 den Gutenberg-Preis der Stadt Leipzig und 1999 die Hans Meid-Medaille verliehen. Doch nicht nur in Deutschland, auch in den Niederlanden hat er regelmäßig Preise auf seinem Fachgebiet erhalten und wurde sogar Ridder in de Orde van Oranje Nassau – eine wichtige gesellschaftliche Ehrung, mit der das Königshaus die von Ursprung aus nicht-Niederländischen auszeichnet, wenn sie sich in ihrer zweiten Heimat bewiesen haben und als Symbol für ihre Anerkennung als Menschen. Denn ursprünglich war mein Vater Ausländer, Deutscher, Berliner!

Das konnte man aufgrund seiner vortrefflichen Niederländischkenntnisse und akzentlosen Sprachbeherrschung (was in den 1950er Jahren und auch noch in der Zeit danach als wichtig angesehen galt!) nicht erkennen. Wir Kinder merkten das aber sehr wohl an so manchen deutschen Eigenschaften und Gewohnheiten: Wenn er zum Beispiel krank war, hatte er „Schüttel frost“, hatte ich eine Halsentzündung, bekam ich von ihm einen „Prießnitz-Umschlag“ um meinen Hals und unsere Hunde waren immer Dackel. Das alles sind Dinge, die ein Niederländer nicht kennt und wir Kinder fanden das auf eine komische Art und Weise auch „ausländisch“.

Circuskinder im Atelier, 1961
Circuskinder im Atelier, 1961
Bild: Kurt Löb

WER WAR ER?
Mit 16 Jahren hatte er eine Ausbildung an der „Rijksakademie“ (Staatliche Hochschule für bildende Künste) in Amsterdam begonnen und entwickelte sich nach dem Krieg weiter zu einem begabten figurativen Maler und Zeichner. Später war er insbesondere bekannt als Buchkünstler wegen seiner hervorragenden Wiedergabe der Atmosphäre von Ausgaben der Weltliteratur, wie De Costers Tijl Uilenspiegel, Arthur Schnitzlers Reigen, Clochemerie von Gabriel Chevalier, Titel von Anton Tschechow (und vielen anderen russischen Autoren), Anna Seghers, Joseph Roth, Stefan Zweig, Guy de Maupassant, Heinrich Böll und Imre Kertesz, in den Niederlanden und der BRD. Neben seiner Tätigkeit als Dozent an der Kunstakademie in Den Bosch übte er diverse Lehrtätigkeiten als Gastprofessor in Essen, Salzburg, Belgien und Israel aus. Das Unterrichten und die Wissensvermittlung seines Faches waren seine Leidenschaft, was sich in vielen Veröffentlichungen niederschlug – darunter seiner 1994 in Deutsch verfassten, als Höhepunkt geltenden Dissertation: Exil-Gestalten: deutsche Buchgestalter in den Niederlanden 1932–1950.

Zeichnung für N. Gogol, De Njevski Prospekt, 1982
Zeichnung für N. Gogol, De Njevski Prospekt, 1982
Bild: Kurt Löb

BERLINER JUGEND
Seine frühe Jugend in Deutschland wurde vor allem durch drei Aspekte geprägt: die Nachwirkungen des Ersten Weltkriegs (sein Vater Ludwig Löb kam als Kriegsinvalide ohne rechten Arm aus dem Krieg zurück), den wachsenden Antisemitismus und eine lang andauernde Krankheit. Wegen einer Tuberkulose in seinem rechten Ellbogengelenk (die Seite, mit der er später zeichnete) war Kurt neun Monate zur Kur im „Jugendhaus Prasura“ in Arosa: eine Zauberberg-artige Erfahrung für einen zehnjährigen Jungen! Zurück in Berlin besuchte er, von der deutschen Regierung verpflichtet, zusammen mit seinem Zwillingsbruder Heinz eine jüdische Schule. Diese wurde später die Private Waldschule Kaliski („Priwaki“) in Berlin: eine humane und sehr demokratische Schule in der freien Natur – ein wahres Paradies für die beiden Jungen Löb. Wie viele andere in Deutschland passten ihre Eltern zunächst nicht in das Bild gefährdeter Juden in Hitlers „Drittem Reich“. So ließen sie selbst in ihrer Naivität im Jahr 1935 noch das wunderschöne Haus in der Bingerstraße 55 bauen, welches sie leider im Vorjahr von 1939 schon wieder verlassen mussten. Genau wie das blühende und namenhafte Pelzjackengeschäft Löb & Sutheim und auch ihren geliebten Dackel Purzel. Aufgrund der scheußlichen „Reichsfluchtsteuer“ mussten sie auch noch 98 Prozent ihres Vermögens abgeben. Total verarmt und traurig stieg die jüdische Familie in den Schnellzug nach Amsterdam zu Oma Rosa. Sie wohnte schon dort, wurde jedoch 1943 im Alter von 86 von den Besatzern über Westerbork nach Sobibor transportiert und ermordet.

Aquarell: Begegnung, 1996
Aquarell: Begegnung, 1996
Bild: Kurt Löb

IN DEN NIEDERLANDEN
Vor Hitler-Deutschland in die Niederlande geflüchtet, wohnte die Familie zunächst in einer ruhigen Villengegend der Pendlerstadt Naarden. Kurt bekam dort seine ersten Zeichenstunden. Im Kriegsjahr 1941 wurde Kurt von Henk Duin unterrichtet – einem älteren Maler und gutherzigen Lehrer, der Kurts Talent subtil zu motivieren und ihm Form zu geben wusste. Oft malten sie zusammen draußen in der Natur, „plein air“: voran der alte Künstler auf dem Fahrrad, hörbar keuchend. Hinter ihm der ehemalige deutsche Jüngling, das Fahrrad vollgepackt mit Malerleinwänden, Feldstaffeleien, Kisten mit Pinseln und Farbtuben. Von der Kriegszeit hat Papa seinen vier Kindern wenig erzählt. Das, was wir heutzutage darüber wissen, haben wir erst von ihm gehört, als er schon älter war, oder gelesen (in: Löb, Ik ben die ik was: scherven uit de herinnering, 2010). Als er nach seiner Akademiezeit bei einem grafischen Betrieb – im Studio der namhaften Schriftgießerei Amsterdam – einen Job bekam, lernte er dort das für ihn komplett neue und vielseitige Fach eines „Gebrauchsgrafikers“. Damit sorgte er für ein bescheidenes Monatseinkommen für seine junge Familie. Seine Entwürfe und Zeichnungen rollten seitdem häufig aus der Druckmaschine und das war für ihn eine grandiose künstlerische Wende und Herausforderung. Auf diesem Fachgebiet fühlte er sich bis ans Ende seines Lebens zu Hause. Gemalt wurde nur noch sonntags, und trotzdem stellte er damit ein imposantes OEuvre auf die Beine, wie sich 2005 in der großen Gesamtausstellung im Rembrandthuis herausstellte. Menschen, Nackte, voluminöse Frauen und Porträts waren seine Hauptentwürfe.

Zeichnung für: Ch. De Coster (1978) Till Eulenspiegel
Bild: Kurt Löb

MIT DEM KOFFER ZURÜCK NACH BERLIN
1971 war er zum ersten Mal wieder zurück in Berlin. Kurt (in Bild und Buch, 1972): „Ich kam am selben Bahnhof Zoo an, von wo aus wir einmal in die Emigration fuhren. Und ich lief von dort mit einem schweren Koffer rechts in die Hardenbergstraße hinein. Ich lief wieder auf Berliner Pflaster, wie es keins so auf der ganzen Welt gibt: mit preußischem Fleiß zusammengesetzt aus unzähligen kleinen Steinen, mit denen es sich bei Krawallen schon immer so gut schmeißen ließ … und ich war wieder ein bisschen zu Hause, obwohl ich nie mehr ganz zu Hause sein könnte.“