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Lucie Adelsberger – Gedenken an eine Berliner Ärztin und Auschwitz-Überlebende

von Dr. Benjamin Kuntz, Robert Koch-Institut

Lucie Adelsberger als junge Frau (ca. 1920)
Lucie Adelsberger als junge Frau (ca. 1920)
Bild: Privatbesitz Dr. Ursula Bohn, abgedruckt in Seidler 2005, S. 197

75 Jahre sind seit der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz und dem Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa vergangen. Immer weniger Zeitzeugen können von der Schreckensherrschaft und den Verbrechen der Nationalsozialisten berichten. Zudem drohen die Geschichten derer, die nicht mehr leben, in Vergessenheit zu geraten. Vor diesem Hintergrund erinnert der vorliegende Beitrag an Lucie Adelsberger – eine Berliner Ärztin und Auschwitz-Überlebende, deren Geburtstag sich am 12. April zum 125. Mal jährte. Ihre unmittelbar nach Kriegsende notierten Erinnerungen sind ein bedeutendes Zeugnis des Holocaust.

Cover des 1956 im Berliner Lettner-Verlag erstmals erschienenen Buches „Auschwitz – Ein Tatsachenbericht“
Cover des 1956 im Berliner Lettner-Verlag erstmals erschienenen Buches „Auschwitz – Ein Tatsachenbericht“
Bild: Lettner-Verlag

Lucie Adelsberger kam 1895 in Nürnberg zur Welt. Sie war das erste Kind des Weinhändlers Isidor Adelsberger und seiner Frau Rosa (geb. Lehmann). Obwohl der Vater früh starb, konnte sie die höhere Töchterschule ihrer Heimatstadt besuchen und kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges das Abitur am Königlichen Realgymnasium ablegen. Von 1914 bis 1919 studierte sie Medizin an der Universität Erlangen. 1921 zog Lucie Adelsberger nach Berlin und arbeitete als Assistenzärztin am Städtischen Krankenhaus im Friedrichshain, später in der Kinderklinik im Städtischen Waisenhaus und Kinderasyl. 1925 eröffnete sie im Wedding eine eigene Praxis mit dem Schwerpunkt auf Allergien. Gleichzeitig betreute sie konsiliarisch die Säuglings- und Kinderwohlfahrt im Bezirk. 1925 erwarb sie den Facharzttitel für Innere Medizin, 1926 den Facharzttitel für Kinderheilkunde.

Lucie Adelsberger war nicht nur wissenschaftlich interessiert, sondern auch berufspolitisch engagiert und ausgesprochen emanzipiert. 1927 stand sie auf der Liste des Groß-Berliner Ärztebundes für die Wahl in die Berliner Ärztekammer und wurde Mitglied in der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde. Sie trat dem Bund Deutscher Ärztinnen bei und kämpfte für die Gleichstellung der Frauen in der Medizin.

Zusätzlich zu ihrer Praxistätigkeit arbeitete Lucie Adelsberger ab November 1927 am renommierten Robert Koch-Institut (RKI). Sie gehörte zu den wenigen Frauen, die während der Weimarer Republik für einen längeren Zeitraum am RKI forschten. Gemeinsam mit dem Serologen Hans Munter wurde sie Mitarbeiterin in der neugegründeten Beobachtungsstelle für Überempfindlichkeitsreaktionen. Gemeinsam entwickelten sie nicht nur eine rege Forschungs- und Publikationstätigkeit zu allergischen Erkrankungen, sondern bauten die „Beobachtungsstelle“ auch zu einer Beratungs- und Behandlungsstelle für betroffene Patienten aus.

Ein von Lucie Adelsberger am 27. November 1940 ausgestelltes Rezept
Ein von Lucie Adelsberger am 27. November 1940 ausgestelltes Rezept
Bild: Museum of Jewish Heritage, New York

Bereits wenige Wochen nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurden Adelsberger und Munter zusammen mit weiteren jüdischen Mitarbeitern aus dem RKI entlassen. Am 6. Oktober 1933 wurde ihr die Krankenkassenzulassung entzogen. Lucie Adelsberger war somit auf ihre Praxistätigkeit zurückgeworfen, durfte erbrachte Leistungen jedoch nur noch privat und nicht mehr über die Krankenkassen abrechnen. Um einem Ausschluss zuvorzukommen, trat sie aus den Fachgesellschaften, in denen sie Mitglied war, aus. Zum 30. September 1938 wurde allen jüdischen Ärzten die Approbation entzogen. Lucie Adelsberger gehörte zu jenen, die sich als „Krankenbehandler“ weiter um ihre jüdischen Patienten kümmern durften. Ein Stellenangebot aus Harvard schlug sie aus, um ihre alte und kranke Mutter, die kein Visum bekommen hatte, nicht im Stich zu lassen.

Nach dem Tod ihrer Mutter im Januar 1943 wurde Lucie Adelsberger am 17. Mai 1943 nach Auschwitz deportiert. Dort erhielt sie die Häftlingsnummer 45.171. Sie musste im „Zigeuner- und Frauenlager“ von Birkenau als Häftlingsärztin arbeiten und lernte den berüchtigten Lagerarzt Josef Mengele kennen. Aufgrund der katastrophalen hygienischen Bedingungen in den überfüllten Lagerbaracken erkrankte sie an Fleckfieber. Im Januar 1945 gehörte sie zu jenen, die bei der Auflösung des Lagers Auschwitz auf einen der sogenannten Todesmärsche geschickt wurden. Sie erreichte das KZ Ravensbrück und wurde in dessen Außenlager Neustadt-Glewe am 2. Mai durch alliierte Soldaten befreit.

Ein Diafilm von Lucie Adelsberger in den 1960er Jahren in den USA
Ein Diafilm von Lucie Adelsberger in den 1960er Jahren in den USA
Bild: Sammlung Seidler, Archiv für Kinder- und Jugendmedizin Berlin, Foto: Benjamin Kuntz)

Die darauffolgenden Monate verbrachte Lucie Adelsberger als „Staatenlose“ in Amsterdam. In dieser Zeit hielt sie ihre Erinnerungen an Auschwitz schriftlich fest. Im Oktober 1946 emigrierte sie in die USA, wo sie sich in New York als Ärztin niederließ. Sie holte das amerikanische Medizinexamen nach und nahm die US-Staatsbürgerschaft an. Fortan arbeitete sie am Montefiore Medical Center in der Krebsforschung und publizierte auch auf diesem Gebiet. Nebenbei behandelte sie erneut Allergiepatienten in einer kleinen Praxis. Zu einem Herzanfall, den sie bereits 1952 erlitten hatte, kamen immer wieder Selbstzweifel an ihrer wissenschaftlichen Arbeit. Am 2. November 1971 starb Lucie Adelsberger an den Folgen einer Krebserkrankung – in eben jenem Krankenhaus in der Bronx, in dem sie fast 25 Jahre lang mit großem Einsatz in der Krebsforschung gearbeitet hatte. Sie, die zeit ihres Lebens unverheiratet und kinderlos geblieben war, wurde 76 Jahre alt.

Deutschland hat Lucie Adelsberger nach dem Krieg nie wieder betreten. Ihr 1956 erstmals auf Deutsch erschienenes Buch „Auschwitz – Ein Tatsachenbericht“ wurde 1995 in den USA veröffentlicht und 2001 sowie 2005 von dem Freiburger Medizinhistoriker Eduard Seidler erneut herausgegeben.

In Zeiten des wiederaufflammenden Antisemitismus und Rechtsextremismus in Teilen der deutschen Gesellschaft erscheinen die folgenden Zeilen daraus wie eine aktuelle Mahnung: „Ein bißchen Salonantisemitismus, etwas politische und religiöse Gegnerschaft, Ablehnung des politisch Andersdenkenden, an sich ein harmloses Gemengsel, bis ein Wahnsinniger kommt und daraus Dynamit fabriziert. Man muß diese Synthese begreifen, wenn Dinge, wie sie in Auschwitz geschehen sind, in Zukunft verhütet werden sollen. Wenn Haß und Verleumdung leise keimen, dann, schon dann heißt es wach und bereit zu sein. Das ist das Vermächtnis derer von Auschwitz.“

Zum Weiterlesen:
Eduard Seidler (Hrsg.) (2005) Lucie Adelsberger. Auschwitz – Ein Tatsachenbericht (2. Auflage). Bouvier Verlag: Bonn.
Benjamin Kuntz (2020) Lucie Adelsberger. Ärztin – Wissenschaftlerin – Chronistin von Auschwitz. Hentrich & Hentrich: Leipzig/Berlin (erscheint im November 2020)