Willy Brandt – Politikerleben

von Lisa Frerichs und Julia Hornig, Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung

Bildvergrößerung: Willy Brandt beim Mauerfall am Brandenburger Tor, 10. November 1989
Willy Brandt beim Mauerfall am Brandenburger Tor, 10. November 1989
Bild: William P. Mikkelsen

„Ich fühle mich Norwegen mit tausend Banden verbunden, aber ich habe niemals Deutschland – das andere Deutschland – aufgegeben“, sagt Willy Brandt 1943, zwei Jahre, bevor er aus dem Exil in Skandinavien nach Deutschland zurückkehrt.

An das Leben und politische Wirken des deutschen Staatsmanns erinnert die Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung, 1994 errichtet vom Deutschen Bundestag. Neben der historischen Forschung und Aktivitäten in der historisch-politischen Bildung unterhält die Stiftung Ausstellungen in Berlin und in Willy Brandts Geburtsstadt Lübeck.

Die Ausstellung „Willy Brandt – Politikerleben“ im Forum Willy Brandt Berlin, gelegen im politischen Zentrum nahe dem Brandenburger Tor, sehen jährlich rund 130.000 Besucher aus dem In- und Ausland. Mit einer Vielzahl eindrucksvoller Objekte, Filmen und Originaltönen werden die Entwicklung vom Lübecker Arbeiterjungen und entschiedenem Nazi-Gegner zum Berliner Bürgermeister und Bundeskanzler, ebenso sein Einsatz für ein vereintes Europa und für mehr Demokratie und Menschenrechte in der ganzen Welt gezeigt.

Bildvergrößerung: Willy Brandt im Zeltlager der norwegischen Arbeiterjugend, ca. 1935
Willy Brandt im Zeltlager der norwegischen Arbeiterjugend, ca. 1935
Bild: WBA im AdsD, Bonn

Aufgrund seiner Gegnerschaft zum NS-Regime muss Willy Brandt bereits im Frühjahr 1933 nach Oslo flüchten. Sieben Jahre verbringt er in Norwegen, lernt die Sprache, versteht das Land als seine neue Heimat und erhält nach seiner Ausbürgerung durch das NS-Regime die norwegische Staatsbürgerschaft. 1940 flieht Brandt aufgrund der deutschen Besetzung Norwegens nach Schweden. In Stockholm setzt er seinen publizistischen Kampf gegen das Hitler-Regime fort. Hunderte von ihm anonym verfasste Artikel und Bücher zeugen von seinem unermüdlichen Einsatz gegen den Faschismus und für eine internationale Friedensordnung. Später sagt Brandt, er habe dafür gearbeitet, „zwei Vaterländer wiederzugewinnen: ein freies Norwegen und ein demokratisches Deutschland“.

1945 kehrt Willy Brandt zurück in das zerstörte und in Besatzungszonen geteilte Deutschland und berichtet zunächst als norwegischer Korrespondent von den Nürnberger Prozessen gegen die Hauptkriegsverbrecher. Drei Jahre später beantragt er die deutsche Staatsangehörigkeit und beginnt seinen politischen Aufstieg in der Berliner SPD. Als Berliner Abgeordneter gehört Willy Brandt acht Jahre dem ersten Deutschen Bundestag an. 1957 wird er schließlich Regierender Bürgermeister von West-Berlin.

Die politischen Systeme der parlamentarischen Demokratie und kommunistischen Diktatur prallen im geteilten Berlin direkt aufeinander. Vom Rathaus Schöneberg aus verteidigt Willy Brandt die Freiheit der Stadt und führt sie durch die schwere Krise des Mauerbaus. Vor allem möchte er das Leben der betroffenen Menschen erleichtern. Brandt knüpft enge Beziehungen zur Bundesregierung und den drei westlichen Schutzmächten, verhandelt jedoch auch mit der DDR-Regierung und erreicht schließlich mit dem Passierscheinabkommen, dass West-Berliner ihre Verwandten im Ostteil der Stadt besuchen dürfen.

Bildvergrößerung: Blick in die Ausstellung „Willy Brandt – Politik erleben“
Blick in die Ausstellung „Willy Brandt – Politik erleben“
Bild: Felix Steck, Berlin

Das ferne Ziel einer deutschen Einheit niemals aus den Augen verlierend, strebt Willy Brandt langfristig eine Politik der Entspannung zwischen Ost und West an. Zugleich setzt er sich als erster sozialdemokratischer Bundeskanzler der Bundesrepublik auch für die europäische Einigung ein. 1971 wird ihm insbesondere für seine in Deutschland nicht unumstrittene Ostpolitik der Friedensnobelpreis verliehen. In Brandts Regierungszeit fallen außerdem der erste Staatsbesuch eines deutschen Bundeskanzlers in Israel sowie die Aufnahme der Bundesrepublik in die Vereinten Nationen.

Nach seinem Rücktritt bleibt er als SPD-Vorsitzender, später als Vorsitzender der Nord-Süd-Kommission oder als Präsident der Sozialistischen Internationale politisch aktiv. Die Wendejahre 1989/90 erlebt er als Krönung seiner politischen Arbeit und verewigt sich mit dem Satz „Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört“ im Gedächtnis der Menschen.

Einen Gesamteindruck von der Ausstellung „Willy Brandt – Politikerleben“ bietet der virtuelle Rundgang unter www.willy-brandt.de/forum-berlin/ausstellung

Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung
Forum Willy Brandt Berlin
Unter den Linden 62–68
10117 Berlin
E-Mail
www.willy-brandt.de