Mai ’45 – Frühling in Berlin

von Bjoern Weigel, Kulturprojekte Berlin

Bildvergrößerung: Verwundete Wehrmachtsoldaten, die in einem Frontlazarett im Hotel Adlon untergebracht waren, warten am 3. Mai 1945 vor dem Brandenburger Tor auf ihren Weitertransport
Verwundete Wehrmachtsoldaten, die in einem Frontlazarett im Hotel Adlon untergebracht waren, warten am 3. Mai 1945 vor dem Brandenburger Tor auf ihren Weitertransport
Bild: Deutsch-Russisches Museum Berlin-Karlshorst, Sammlung Iwan Schagin

Berlin war im Frühjahr 1945 eine weitgehend zerstörte Stadt. Krieg und NS-Herrschaft hatten tiefe Spuren hinterlassen – nicht nur im Stadtbild, sondern vor allem in der Gesellschaft. Die Berlinerinnen und Berliner lebten neben deutschen und kurz darauf sowjetischen Soldaten, verschleppten Zwangsarbeitern und Zwangsarbeiterinnen, untergetauchten und aus den Konzentrationslagern befreiten Verfolgten des NS-Regimes, aber auch Flüchtlingen. Alle blickten einer ungewissen Zukunft entgegen.

Wie die Gesellschaft ihr Leben und Überleben nach der deutschen Kapitulation organisierte und neu ordnete, stand im Mittelpunkt des Projekts »Mai ’45 – Frühling in Berlin«. Es wurde gemeinsam von den Partnern Kulturprojekte Berlin GmbH, Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Deutsch-Russisches Museum Karlshorst und Berliner Unterwelten e. V. konzipiert.

Alltag zwischen Krieg und Frieden

Bildvergrößerung: Siegesparade von Einheiten der sowjetischen Armee im Lustgarten am 4. Mai 1945, im Hintergrund das Alte Museum
Siegesparade von Einheiten der sowjetischen Armee im Lustgarten am 4. Mai 1945, im Hintergrund das Alte Museum
Bild: Deutsch-Russisches Museum Berlin-Karlshorst, Sammlung Timofej Melnik

Im Zentrum stand eine Open-Air- Ausstellung an sechs Orten: Brandenburger Tor, Lustgarten, Alexanderplatz, Potsdamer Platz, Joachimsthaler Platz und Wittenbergplatz. Sie lief mit Bezug auf historische Daten vom 21. April bis zum 26. Mai 2015. Am 21. April 1945 hatten sowjetische Soldaten erstmals die Berliner Stadtgrenze überschritten. An den sechs hochfrequentierten Plätzen zeugten großformatige historische Fotos von eben diesen Orten im Frühling 1945, ergänzt durch Ausstellungsmodule (begehbare runde Türme von rund drei Metern Durchmesser und halbrunde Panoramen) zu Alltagsthemen: Wie fand man Angehörige wieder? Wo schlafen, wenn man kein Zuhause mehr hatte? Was gab es auf dem Schwarzmarkt – und wer traf sich dort? Warum ging ein Briefträger am 4. Mai 1945 überhaupt noch zur Arbeit – und wer zahlte Löhne und Gehälter? Warum spielten Kunst und Kultur eine derart wichtige Rolle? Jeder der sechs Standorte eröffnete so einen thematisch anderen, multiperspektivischen Zugang zum »Frühling in Berlin«.

Führungen des Vereins Berliner Unterwelten e. V. auf zwei Routen ergänzten die Ausstellung. Ausgehend vom Pariser Platz am Brandenburger Tor führte eine Tour nach Norden, zum ehemaligen Stettiner Bahnhof, von dem heute nur noch die S-Bahn-Station Nordbahnhof erhalten ist. Die andere Tour verlief nach Süden zum Anhalter Bahnhof, der im Krieg schwer beschädigt wurde, dessen erhaltene Portalruine jedoch ein Überbleibsel des Abrisses im Jahr 1959 ist.

Bildvergrößerung: Das Berliner Schloss nach dem Ende der Kämpfe Anfang Mai 1945. Im Vordergrund sind noch Panzersperren zu erkennen
Das Berliner Schloss nach dem Ende der Kämpfe Anfang Mai 1945. Im Vordergrund sind noch Panzersperren zu erkennen
Bild: Deutsch-Russisches Museum Berlin-Karlshorst, Sammlung Iwan Schagin

70. Jahrestag des Kriegsendes

Vom 2. bis 8. Mai 2015 – historisch gesehen also vom Tag der Kapitulation Berlins bis zur Gesamtkapitulation aller Wehrmachtsverbände – fanden in einer Themenwoche konzentriert viele Veranstaltungen zum Kriegsende vor 70 Jahren über die Stadt verteilt statt. Zum Auftakt wurde ein archäologisches Fenster zur Himmelfahrtkirche eingeweiht. Hier am Humboldthain endete am 2. Mai 1945 der Zweite Weltkrieg in Berlin, nachdem in den Morgenstunden die Kapitulation erfolgt war.

In einem Lesemarathon in der Akademie der Künste lasen Prominente und Schauspiel-Studierende Texte, Tagebucheinträge und Briefe aus den Tagen der Befreiung. Die Perspektiven von Intellektuellen, anonymen Bürgerinnen und Bürgern, Soldaten und Opfern der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft aus Berlin und Europa verbanden sich dabei zu einer beeindruckenden Textcollage.

Im Kulturraum Zwinglikirche in Berlin-Friedrichshain liefen Spiel- und Dokumentarfilme über das Frühjahr 1945. Neben bekannten Klassikern wie »Deutschland im Jahre Null« von Roberto Rossellini oder »Ich war 19« von Konrad Wolf waren filmhistorische Glanzstücke, darunter auch weitgehend unbekanntes Material zu sehen. Bei der Eroberung Berlins hatte die Rote Armee im Kirchenraum ihre Pferde untergestellt.

Auf speziell konzipierten Hörspaziergängen konnten Interessierte drei Berliner Trümmerberge erkunden. Während der Touren im Volkspark Prenzlauer Berg (Oderbruchkippe), auf dem Insulaner in Schöneberg und der Humboldthöhe im Wedding lauschten die Besucher auf mp3-Playern den Erinnerungen von Zeitzeugen, die das Kriegsende in Berlin als Kinder und Jugendliche erlebt hatten.

Auf der Webseite zum Projekt finden sich bis zum Jahresende viele weitere Informationen zum Projekt allgemein und ein Überblick sämtlicher Veranstaltungen in der Hauptstadt zum Kriegsende vor 70 Jahren: www.berlin.de/mai45

Kulturprojekte Berlin GmbH
Klosterstraße 68
10179 Berlin
www.kulturprojekte-berlin.de