Der Verhüllte Reichstag von Christo und Jeanne-Claude

Erinnerungen an das großartige Ereignis

von Sina Jentzsch, Stiftung Dokumentations-Ausstellung Verhüllter Reichstag

Bildvergrößerung: verhüllter Reichstag mit Besuchern im Fordergrund
Tag und Nacht kamen Schaulustige zum Verhüllten Reichstag und genossen die einmalige Stimmung
Bild: Wolfgang Volz © 1995 Christo

Im Sommer 1995 verhüllten die Künstler Christo und Jeanne- Claude nach 24-jährigen Bemühungen das Reichstagsgebäude in Berlin. Vierzehn Tage lang faszinierte der mit 100.000 Quadratmetern silbrig glänzendem Stoff verhüllte geschichtsträchtige Bau über fünf Millionen Besucherinnen und Besucher. Diese Zeitspanne von 1971 bis 1995 ist ein wichtiger Teil der Geschichte des Reichstagsgebäudes und somit der Bundesrepublik Deutschland geworden.

Nach langem Ringen, von Anfang der Siebziger- bis in die Neunzigerjahre, wurde die Verhüllung des Reichstagsgebäudes am 24. Juni 1995 von einer Mannschaft bestehend aus 90 Gewerbekletterern und 120 Montagearbeitern vollendet. Der Reichstag blieb 14 Tage verhüllt und fünf Millionen Besucherinnen und Besucher haben das Kunstwerk besucht. Der Abbau begann am 7. Juli und alle Materialien wurden recycelt.

In den 70er und 80er Jahren blieben viele Besuche von Christo und Jeanne-Claude in Deutschland ohne Erfolg. Weder die Gründung eines Kuratoriums noch persönliche Besuche bei vielen politischen Persönlichkeiten führten zu einer Genehmigung für das Kunstwerk.

Anfang 1986 gründete der Berliner Unternehmer Roland Specker zur Unterstützung des Genehmigungsverfahrens den Verein „Berliner für den Reichstag“ und sammelte 70.000 Unterschriften.

Bildvergrößerung: Christo und Jeanne-Claude vor dem Reichstagsgebäude in Berlin, 1993
Christo und Jeanne-Claude vor dem Reichstagsgebäude in Berlin, 1993
Bild: Wolfgang Volz © 1993 Christo

Im Dezember 1991 erhalten Christo und Jeanne-Claude dann einen Brief von Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth, die ihre Unterstützung anbietet. In Folge finden von 1992 bis 1994 insgesamt 352 persönliche Treffen mit Bundestagsabgeordneten und weiteren Entscheidungsträgern statt. Am 25. Februar 1994 wurde im Deutschen Bundestag in einer Plenarsitzung unter dem Vorsitz von Prof. Dr. Rita Süssmuth 70 Minuten lang über das Kunstwerk debattiert und danach namentlich darüber abgestimmt. Das Abstimmungsergebnis lautete: 292 dafür, 223 dagegen bei neun Stimmenthaltungen.

Zehn Firmen in Deutschland begannen im September 1994 damit, all die verschiedenen Materialien nach den Entwürfen der Ingenieure herzustellen. Für einen Zeitraum von zwei Wochen ergab die verschwenderische Fülle von Tausenden von Quadratmetern des silbrig glänzenden, mit blauen Seilen vertäuten Gewebes einen üppigen Fluss vertikaler Falten, die Bestandteile und Proportionen des imposanten Baues hervorhoben und die wesentlichen Merkmale des Reichstagsgebäudes vor Augen führten. Damit dieser Abschnitt deutscher Erinnerungskultur erhalten bleibt, hat Roland Specker – damals gemeinsam mit Wolfgang Volz, Geschäftsführer der „Verhüllter Reichstag GmbH“ – 2012 die Stiftung Dokumentations- Ausstellung Verhüllter Reichstag gegründet.

Bildvergrößerung: Lars Windhorst, Christo, Norbert Lammert und Roland Specker im Reichstagsgebäude mit dem Modell des Wrapped Reichstag am 17. Juni 2015
Lars Windhorst, Christo, Norbert Lammert und Roland Specker im Reichstagsgebäude mit dem Modell des Wrapped Reichstag am 17. Juni 2015
Bild: Stiftung Dokumentations-Ausstellung Verhüllter Reichstag

Die 24-jährige Arbeit am Projekt Verhüllter Reichstag haben Christo und Jeanne-Claude in einer Dokumentations- Ausstellung festgehalten. Diese umfasst rund 400 Exponate, darunter 66 Originalzeichnungen und Collagen, ein raumfüllendes, maßstabsgetreues Modell, 225 Fotografien, Originaldokumente, Verträge, Urkunden und Originalteile wie Stahlrahmen, Seil- und Stoffstücke.

Ziel der Stiftung ist der Ankauf dieser Sammlung aus dem Besitz von Christo, um sie in Berlin dauerhaft auf der Präsidialebene im Reichstagsgebäude zu präsentieren und der Öffentlichkeit in Form von Führungen zugänglich zu machen. Passend zum 20-jährigen Jubiläum des Projekts und Christos 80. Geburtstag am 13. Juni 2015, ist es der Stiftung gelungen, die Dokumentations- Ausstellung, die nicht nur Reichstagsgeschichte sondern auch einen Teil deutscher Geschichte dokumentiert, für Berlin zu sichern. Der Unternehmer Lars Windhorst hat das Gesamtkonvolut von Christo erworben; dank seiner großzügigen Leihgabe ist der Deutsche Bundestag zuversichtlich, dass die Dokumentations- Ausstellung noch in diesem Jahr eröffnet und der Öffentlichkeit dann dauerhaft im Reichstagsgebäude präsentiert wird.

Stiftung Dokumentations-Ausstellung Verhüllter Reichstag
Potsdamer Platz 11
10785 Berlin
E-Mail
www.stiftung-doku-verhuellterreichstag.de