Ein Filmprojekt mit Begleitbuch

Ruth Clara Grünberg
Ruth Clara Grünberg
Bild: privat

„Heute denke ich an Dich, in Deinem Heimatland, in Deiner Stadt, in welche ich mit meiner Tochter kam …“. Diese Worte schrieb María Antonia Gonzalez Cabezas in ihrem Gedicht „Ruth“ über ihre Freundin. Es ist jetzt fast vier Jahre her, dass mich dieses Gedicht meiner Schwiegermutter für ihre Freundin Ruth auf eine Reise geschickt hat. Eine Reise auf der Suche nach einer Familie, einer Freundschaft zweier Mädchen. Was ich fand, war die Geschichte einer jüdischen Familie aus Berlin und die Freundschaft zweier Mädchen, die Jahre später ihr Leben austauschten.

Von dieser Reise habe ich einen kleinen Film erstellt: https://www.youtube.com/watch?v=TEAHhn2c9Ek

„Ruth – Erinnerung an…“ ist die Geschichte zweier Mädchen, die so unterschiedlich waren, die aber so viel verbunden hat. Es ist Mai 1933, die Nationalsozialisten haben die Macht übernommen und beginnen mit ihrer Politik gegen die jüdische Bevölkerung. Inmitten dieser ganzen Ereignisse wächst die kleine Ruth Clara Grünberg in einem gutbürgerlichen Elternhaus auf. Der Vater, dem im April die Zulassung zum Rechtsanwalt entzogen wurde, beschließt, seine Familie durch Flucht aus Berlin in Sicherheit zu bringen.

Zur gleichen Zeit auf einem anderen Kontinent, in Viña del Mar/Chile, verbringt die kleine María Antonia González Cabezas ihre Jugend und wächst als Tochter in einer Handwerkerfamilie auf. Über die Situation in Deutschland wird noch nicht in Chile berichtet, der Bevölkerung und auch María Antonia wird die Situation vorenthalten.

Die damals eineinhalb-jährige Ruth flieht mit ihren Eltern nach Belgien. Hier bleiben sie zwei Jahre, bis sie sich entschließen, nach Spanien zu gehen. In Spanien angekommen, fliehen sie abermals mit Ausbruch des Bürgerkrieges 1938 in die Schweiz, wo Ruths Eltern beginnen, ein neues Leben aufzubauen. Ihr Vater bemüht sich, mit Hilfe von Kontakten, seine Bücher und Schriften zu publizieren. Dieser Versuch scheitert, da die Situation sich für jüdische Menschen in der Schweiz ebenfalls stark verschlechtert.

Ruths Eltern versuchen, die Schweiz in Richtung Australien zu verlassen. Leider wird der Familie Grünberg das Visum verweigert und sie entschließen sich, nach Chile zugehen. Für Chile wird ihnen das lebensrettende Visum ausgestellt und so verlassen sie die Schweiz im Oktober 1939 in Richtung Italien (?), um dort ein Schiff nach Chile zu nehmen. Die Familie Grünberg kommt am 13.11.1939 in Valparaiso/Chile an.

Ruth wird in das Mädchen Gymnasium Liceo la Niñas in Viña del Mar eingeschult, wo sie 1940 die gleichaltrige María Antonia kennen lernt. Auf den vielen gemeinsamen Klassenfahrten gibt Ruth ihre Erinnerungen, die sie von den Eltern erhalten hat, an die Freundin und Klassenkameraden weiter. Gemeinsam beenden sie die Schule mit Auszeichnung und erhalten ein Stipendium, um das Abitur abzuschließen. 1949 schließen beide das Abitur mit Auszeichnung ab und entscheiden sich zu unterschiedlichen Wegen – tief im Inneren trägt jede die Erzählungen der anderen. María Antonia fängt ein Studium an der katholischen Universität im Fach Biomathematik an, Ruth arbeitet derweil bei „Duncan Fox“, einer Export/ Importfirma.

Am 22.1.1953 stirbt Ruth Clara Grünbergs Vater Hans Max in Quilpue/Chile. Anfangs wird er auf dem Friedhof Playa Ancha beigesetzt, erst 1954 finden die Gebeine von Hans Max Grünberg ihre endgültige Ruhe auf dem jüdischen Friedhof El Belloto.

Ruth Clara Grünberg bringt zwei Töchter zur Welt: Perla Cortes Grünberg am 10.5.1957 und Rebecca Frank Grünberg am 14.4.1961; beide werden in Santiago/Chile geboren.

Es ist der 11. September 1973, Chile wird durch einen brutalen Putsch erschüttert und eine Welle der Gewalt überrollt das Land, der auch María zum Opfer fällt. Sie wird durch das faschistische Regime verhaftet und muss zusammen mit ihrer Tochter ein Jahr im Frauengefängnis sitzen. Erst im November 1974, nach einem Jahr Folter und Qual, wird sie aufgefordert, das Land zu verlassen und kommt mit ihrer Tochter über mehrere Stationen in der damaligen DDR an. Hier beginnt sie ein neues Leben. Wie einst ihre Freundin Ruth, muss sich nun auch ihre kleine Tochter in einem neuen Land zurechtfinden.

Marías Freundin Ruth lebt mit ihren Töchtern mittlerweile in Santiago de Chile. 1981 verliert sie ihre Mutter durch eine schwere Krebserkrankung. Sie selbst führt ein einfaches Leben in Chile und muss über die Jahre feststellen, dass die Sehnsucht nach ihrer Heimat Berlin immer noch da ist.

Auf der anderen Seite der Erde, in Deutschland, fällt die Mauer, die einst viele Menschen und einen Staat in zwei Hälften teilte. María lebt mit Ihrer Tochter in Berlin und erlebt den Fall der Mauer hautnah. Sie begibt sich auf eine Reise durch diese Stadt – die Stadt ihrer Freundin Ruth – mit deren Erinnerungen, die María seit der Schulzeit in sich trägt.

Im November 1989 stirbt Ruth Clara Grünberg in Chile und hinterlässt zwei Mädchen. Den Fall der Mauer bekommt sie nicht mehr mit. María Antonia entdeckt für sich persönlich das Berlin, von dem Ruth ihr berichtet hatte (wobei Ruth selbst nur die Erinnerungen ihrer Eltern an diese Stadt besaß) und stellt fest, dass alles so ist, wie ihr es einst erzählt worden ist.

André Poser
Chiffre 142101