„Ich bin ein Berliner!“ 50 Jahre John F. Kennedy in Berlin

von Dr. Frank Ebbinghaus, Senatskanzlei

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Bild: Landesarchiv Berlin, Max Jacoby

John F. Kennedy vor dem Rathaus Schöneberg am 26. Juni 1963

Die Planung für den Abstecher nach Berlin passte auf ein Blatt Papier. Gerade einmal acht Stunden waren für den Berlin-Aufenthalt des amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy am 26. Juni 1963 im Rahmen seines Deutschlandbesuchs vorgesehen. Und bis auf den Umstand, dass erstmals seit dem Bau der Mauer ein amerikanischer Präsident in die geteilte Stadt reiste, deutete nichts darauf hin, dass diese Visite historisch werden würde.

Denn nach dem Bau der Berliner Mauer 1961 hatte sich das deutschamerikanische Verhältnis eingetrübt. Zwar ließ es Washington nicht an Garantie-Erklärungen zugunsten West-Berlins fehlen, doch hatten sich die West-Berlinerinnen und -Berliner ein entschiedeneres Vorgehen der führenden westlichen Schutzmacht gegenüber Ost-Berlin und Moskau ersehnt. Nun registrierte man mit Verbitterung, dass die Amerikaner ihren Worten keine Taten folgen ließen. Die Stimmung in der Stadt hatte der Regierende Bürgermeister Willy Brandt in einem Schreiben an Präsident Kennedy ausgedrückt, dessen Inhalt er am 16. August 1961 bei einer Großkundgebung vor dem Rathaus Schöneberg wie folgt umriss: „Berlin erwartet mehr als Worte. Berlin erwartet politische Aktion.“ Kennedy, der erst seit Januar 1961 im Amt war, soll darüber verärgert gewesen sein. Keine guten Vorzeichen für die West-Berlin-Visite des amerikanischen Präsidenten kaum zwei Jahre später.

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Bild: Landesarchiv Berlin

Dieses Foto zeigt vor dem Rathaus Schöneberg: US-Außenminister Dean Rusk, Bundeskanzler Konrad Adenauer, Präsident John F. Kennedy, General Lucius D. Clay, Regierender Bürgermeister von Berlin Willy Brandt, Parlamentspräsident Otto Bach (von links nach rechts)

Doch die Berlinerinnen und Berliner bereiteten Kennedy einen stürmischen Empfang. Zwei Millionen Menschen säumten die Straßen, als der amerikanische Präsident gemeinsam mit Willy Brandt und Bundeskanzler Konrad Adenauer im offenen Wagen durch die Stadt fuhr. Nach einer Ansprache vor dem sechsten Gewerkschaftskongress der „IG Bau Steine Erden“ in der Kongresshalle besichtigte Kennedy die Mauer am Brandenburger Tor und am Checkpoint Charlie. Gegen Mittag kam der Tross vor dem Rathaus Schöneberg an, wo 450.000 Berlinerinnen und Berliner bereits seit Stunden auf Kennedy gewartet hatten. Als der junge charismatische Präsident das Rednerpult bestieg, brandete Jubel auf, immer wieder skandierte die Menge seinen Namen. Minuten später, als Kennedy jene vier deutschen Worte gesprochen hatte, mit denen er Geschichte schrieb, steigerte sich die Begeisterung der Menge zu Ekstase.

An den Tagen zuvor hatte Kennedy noch sehr reserviert auf die Begeisterung der (West)-Deutschen reagiert. In seiner Tischrede, die er am 23. Juni während eines von Bundeskanzler Adenauer im Palais Schaumburg ausgerichteten Essens gab, zweifelte der amerikanische Präsident, „dass all die vielen Flaggen und Fähnchen, die zu sehen waren, wirklich aus den einzelnen Familien kamen; ich habe das Gefühl, dass hier jemand nachgeholfen hat.“ Woraufhin Adenauer retournierte: „Aber jewunken haben die Menschen spontan.“

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Bild: Landesarchiv Berlin, Max Jacoby

John F. Kennedy (links im vorderen Wagen stehend) fährt im offenen Wagen durch Berlin

Dagegen hatte die Begeisterung der Berlinerinnen und Berliner Kennedy überwältigt. Nach der Rede vor dem Rathaus Schöneberg wirkte er wie in Trance. Und reagierte nicht, als ihn Mitarbeiter ansprachen. Erst als ihn sein Pressesprecher Pierre Salinger mit dem spöttischen Weckruf „H-e-e-l-l-o! Mister Pr-e-esident!“ bedachte, kam Bewegung in Kennedy. Später fasste er seine Empfindung in die Worte: „Es gibt immer noch Dinge in dieser Welt, wo man dabei gewesen sein muss, um sie glauben zu können, und bei denen es schwerfällt, nachher zu begreifen, was einem widerfahren ist.“

Kennedys Berlin-Besuch vor 50 Jahren hat den Menschen in der geteilten Stadt neuen Mut gemacht. Sein hoch emotionales Bekenntnis „Ich bin ein Berliner“ wirkte am 15. Jahrestag des Beginns der Luftbrücke wie eine Antwort auf Ernst Reuters flammenden Appell an die „Völker der Welt“ während der Berlin-Blockade und traf die Herzen der Berlinerinnen und Berliner. „Dies ist ein großer Tag in der Geschichte unserer Stadt“, hatte Willy Brandt den Menschen vor dem Rathaus Schöneberg zugerufen und damit die Bedeutung des Kennedy-Besuchs auf den Punkt gebracht.

In diesem Jahr gedenkt Berlin mit einer Vielzahl von Veranstaltungen des 50. Jahrestages des Kennedy-Besuchs. Das Programm finden Sie hier: www.berlin.de/kennedy