Zerstörte Vielfalt. Berlin 1933–1938

Die Portalausstellung im Deutschen Historischen Museum

von Simone Erpel, Leiterin des Ausstellungsprojekts

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Bild: Kulturprojekte Berlin GmbH

Das Logo zum Themenjahr

Berlin, politisches Zentrum und kulturelle Metropole mit über vier Millionen Einwohnern, stand 1933 im Mittelpunkt der nationalsozialistischen Machteroberung. Mit der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler, als der er sich zunächst auf ein Bündnis von NSDAP und Konservativen stützte, begann am 30. Januar 1933 die Zerstörung der Demokratie. Die Nationalsozialisten setzten wesentliche Grundrechte und die Rechtsordnung außer Kraft, lösten die Gewerkschaften auf, verboten die politischen Parteien sowie die gesellschaftlichen Verbände oder zwangen sie zur Selbstauflösung und entmachteten die Länder sowie die Gemeinden. Die Machteroberung vollzog sich in beispiellosem Tempo innerhalb von fünf Monaten, ohne jedoch auf einem ausgeklügelten Plan zu basieren. Diese erste Phase war geprägt durch zügellosen Terror gegen die politischen Gegner und Aktionen gegen die jüdische Bevölkerung. Kennzeichnend war für die Phase der „Machtergreifung“ aber auch, dass die Zustimmungsbereitschaft der Bevölkerung mobilisiert wurde, insbesondere im „roten Berlin“, der traditionellen Hochburg der beiden großen Arbeiterparteien SPD und KPD.

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Bild: DHM

Fackelzug durch das Brandenburger Tor, 30. Januar 1936

Die Ausstellung „Zerstörte Vielfalt. Berlin 1933–1938“ ist der Beitrag des Deutschen Historischen Museums zum gleichnamigen Themenjahr 2013 der Stadt Berlin. Sie erinnert an die nationalsozialistische „Machtergreifung“ des Jahres 1933 und an die Novemberpogrome von 1938. Es werden exemplarische Geschichten der nationalsozialistischen Verfolgung in Berlin nachgezeichnet und es wird nach den Auswirkungen gefragt, die durch die NS-Diktatur im Leben und Zusammenleben in der Hauptstadt spürbar wurden. Die Szenografie der Ausstellung beschreitet dabei neue Wege. Denn es galt, über vierzig stadtweiten Projekten, die sich neben vielen anderen am Themenjahr der Stadt Berlin beteiligen, eine inhaltliche Klammer zu bieten. Vertreten sind dabei sowohl private Vereine und Initiativen als auch Museen und Gedenkstätten, die sich mit Ausstellungen, temporären Kunstprojekten, Theateraufführungen, Lesungen, Filmprojekten oder Hörführungen der Geschichte Berlins in der Zeit des Nationalsozialismus widmen.

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Bild: DHM

In der Pogromnacht wurde das jüdische Geschäft „Beleuchtungshaus des Westens, Wilhelm Philippi“ am Kurfürstendamm 203 zerstört

Die verschiedenen Projektbeiträge in der Portalausstellung stehen exemplarisch für einen bestimmten Aspekt nationalsozialistischer Verfolgung. So gibt es eine Reihe von Beiträgen, die an das kulturelle Schaffen jüdischer Künstler, Schriftsteller und Architekten erinnern. Andere Projekte würdigen Opfergruppen, die bislang zu wenig öffentliche Anerkennung erfahren haben, wie Sinti und Roma, Opfer der „Euthanasie“– Morde, jüdische Gehörlose sowie ehemalige Zwangsarbeiter oder schwarze Menschen. Beiträge zur „Gleichschaltung“ der Presse und des Rundfunks sind ebenso zu finden wie Mikrostudien zum kommunalen Verkehrsbetrieb BVG und zur Britzer Hufeisen- und Krugpfuhlsiedlung nach 1933. Es werden aber auch „vergessene“ Orte in Erinnerung gebracht, so etwa das ehemalige Arbeitsamt für jüdische Zwangsarbeit in der Kreuzberger Fontanepromenade oder das ehemalige SA-Gefängnis in der Papestraße, in dem ab 2013 eine Dauerausstellung über die Geschichte des frühen NS-Terrors an diesem Ort informiert. In den vorgestellten Projekten spiegelt sich die einstige, dann verlorene Vielfalt des kulturellen, politischen und gesellschaftlichen Lebens im Berlin vor 1933.

Die stadtweiten Projekte können überdies als Gradmesser der gegenwärtigen Erinnerungskultur Berlins verstanden werden. Deshalb wurde für die Ausstellung, die als „Portal“ den zentralen Zugang zu den zahlreichen Aktivitäten des Themenjahrs bieten möchte, ein Gestaltungsprinzip entwickelt, das der Vielfalt, aber auch der Unterschiedlichkeit Rechnung trägt.

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Bild: Kulturprojekte Berlin GmbH, Jakob Hoff

Die Ausstellung zum Themenjahr 2013 „Zerstörte Vielfalt“ im Deutschen Historischen Museum

Die einzelnen Beiträge sind durch eine Art Stadtrundgang locker miteinander verbunden. Dabei werden ausgewählte Orte, die eng mit der Etablierung des Nationalsozialismus in Berlin verknüpft sind, in einen thematischen Fokus gerückt – etwa der Kurfürstendamm, das Brandenburger Tor, das Berliner Rathaus oder der Anhalter Bahnhof. Weitere Themen sind Zwangssterilisation und Krankenmord in Berlin, Ausgrenzung und Verfolgung im Schatten der Olympischen Spiele 1936 und die Novemberpogrome von 1938. In einem gesonderten Kapitel werden der Krieg, die Zwangsarbeit und die Zerstörungen in Berlin thematisiert. Zudem gibt es einen Exkurs zur Geschichte des Berliner Zeughauses in der Zeit des Nationalsozialsozialismus. Unter dem Titel „Krieg im Museum. Museum im Krieg“ kann diese kleine Sonderausstellung in der Dauerausstellung zur Geschichte des 20. Jahrhunderts entdeckt werden. Nicht zuletzt möchte die Ausstellung „Zerstörte Vielfalt. Berlin 1933 1938“ die Besucher zu weiteren Erkundungen im Berliner Stadtraum anregen. Zu Erkundungen freilich, die ihren Sinn in der aktiven Auseinandersetzung mit der Geschichte Berlins im Nationalsozialismus suchen und finden.

Deutsches Historisches Museum
Unter den Linden 2
10117 Berlin
Tel.: 49 30 20304 0
www.dhm.de

Zerstörte Vielfalt
2013 gibt es gleich zwei beachtenswerte Jahrestage, die es nahelegten, das ganze Jahr zum „Themenjahr“ zu machen. Am 30. Januar 1933 – also vor 80 Jahren – fand die Machtübertragung an die Nationalsozialisten statt, und der 9. November 1938 – vor 75 Jahren – war der Auftakt zu den berüchtigten, deutschlandweiten Novemberpogromen gegen jüdische Geschäftsleute und Gewerbetreibende.

Das zentrale Thema für das Jahr 2013 war bald gefunden: „Zerstörte Vielfalt“. Museen und Gedenkstätten, Geschichtswerkstätten und -vereine wurden eingeladen, Ausstellungen, Führungen und Veranstaltungen zu einzelnen Facetten des Themas zu entwickeln, die im Rahmen einer vielteiligen Dachkampagne vorgestellt werden.
Wolf Kühnelt, Kulturprojekte Berlin GmbH

Das Berliner Themenjahr ist eine Initiative des Landes Berlin und wird unterstützt aus Mitteln der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin sowie des Hauptstadtkulturfonds.

Die Portalausstellung zum Themenjahr im Deutschen Historischen Museum
Bis zum 10. November 2013 ist die Ausstellung „Zerstörte Vielfalt. Berlin 1933–1938“ im Deutschen Historischen Museum zu sehen. Sie ist in Kooperation mit der Kulturprojekte Berlin GmbH entstanden und wird im Erdgeschoss der Ausstellungshalle gezeigt. Der Eintritt ist frei. Es erscheint ein kostenloses Begleitheft in englischer und deutscher Sprache. Hörführungen in deutscher und englischer Sprache werden ebenso angeboten wie eine speziell für Kinder konzipierte Hörführung. Begleitend zur Ausstellung findet eine Veranstaltungsreihe im Deutschen Historischen Museum statt. Die Museumspädagogik bietet Informationsveranstaltungen für Lehrer und Lehrerinnen an sowie eine Filmwerkstatt und Geschichtswerkstätten für Schulklassen.