Im Himmel, unter der Erde

Der Dokumentarfilm über den Jüdischen Friedhof Weißensee feierte auf der Berlinale seine Weltpremiere

von Britta Wauer, Regisseurin des Films

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Ein romantischer Blick auf den Friedhof Weißensee

Auf dem Plan sieht er aus wie ein Garten der Renaissance: eine Geometrie von Rechteck, Trapez und Dreieck. Die Alleen kreuzen sich in Kreisen und Quadraten. Aber wer die Anlage betritt, fühlt sich wie an einem verwunschenen Ort. Morgentau und Nebel, hohe Bäume, Dickicht. Dazwischen Säulen, Steine, Mausoleen und von rechts ein kleiner Fuchs – der Jüdische Friedhof Weißensee.

Er ist der größte in Europa, auf dem noch immer bestattet wird. Etwa 86 Fußballfelder hätten dort Platz. Das Besondere ist: Weder der Friedhof noch sein Archiv sind je zerstört worden – ein Paradies für Geschichtensammler.

Doch als ich gefragt wurde, ob ich einen Dokumentarfilm über Weißensee drehen möchte, war ich skeptisch. Ein Friedhofsfilm? Wer will sich den anschauen? Umgestimmt haben mich die vielen Hundert Briefe, die ich nach einem Aufruf in aktuell bekam. Das war im Mai 2007 – vor genau vier Jahren. Ich hoffte, dass die Angehörigen mir vielleicht mit Geschichten vom Friedhof und den dort Bestatteten weiterhelfen könnten. Mit 20, 30 Zuschriften hatte ich gerechnet. Aber innerhalb weniger Wochen meldeten sich fast 250 Menschen! Die Briefe kamen aus Neuseeland, Argentinien, Südafrika, Kanada, den USA, Australien, Israel und allen Teilen Europas. Die meisten Umschläge waren gefüllt mit alten Fotos, Erinnerungen oder kleinen Andenken. Das war eine schöne Überraschung, aber auch eine überwältigende. Ziemlich schnell musste ich mir eingestehen, dass ich die bald auf zwölf Aktenordner anwachsende Korrespondenz nicht alleine bewältigen konnte. Mithilfe der Friedhofsverwaltung und einem kleinen Team an Mitarbeiterinnen wurde jedes einzelne Grab aufgespürt, Lebenswege recherchiert und Briefe beantwortet – auch wenn manch einer mehrere Monate darauf warten musste.

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Benny Epstein aus Florida besucht zum ersten Mal das Grab seiner Großmutter

Mit jeder neuen Geschichte wurde mir auch klarer, wie unmöglich es war, all diese besonderen Schicksale in einem einzigen Film unterzubringen. Plötzlich stellte sich ein ganz anderes Problem: Ich hatte zu viele Geschichten! Welche sollte ich auswählen, wo doch jede einzelne erzählenswert ist?

Mehr als 115.000 Menschen sind in Weißensee bestattet. Allen gerecht zu werden, ist unmöglich. Viele Lebensläufe sind überschattet von der Zeit der Nazidiktatur. Doch ich wollte nicht nur die schrecklichen Ereignisse des Holocaust erzählen. Ich habe versucht, aus jeder Epoche der 130-jährigen Geschichte des Friedhofs ein Schicksal herauszugreifen – aus der Gründerzeit, dem Nachkriegsdeutschland und dem Heute. Es sind überraschende, traurige, manchmal auch komische Geschichten.

So merkwürdig es klingt: Weißensee ist auch ein höchst lebendiger Ort: Auf dem riesigen Gelände suchen argentinische Großfamilien nach dem Grab ihres Vorfahrens.

Restauratoren bemalen Gräber mit funkelnden Davidsternen, während der schmächtige Herr in der Friedhofsregistratur einer Busladung Emigranten die Unterlagen zu den Gräbern ihrer Angehörigen aushändigt. Der Greifvogelexperte zählt den Nachwuchs der Habichte, ein 80-Jähriger berichtet, dass er sich hier in seine Mitschülerin verliebte – damals beim Sportunterricht im Feld A8, genau dort, wo heute die bunten Gräber der neuen Gemeindemitglieder aus der ehemaligen Sowjetunion sind. All das zeigt der fertige Film.

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Auf der Berlinale: Britta Wauer (links im Bild) erhält den Panorama-Publikumspreis

Im Januar dieses Jahres bekam ich einen Anruf von den Berliner Filmfestspielen: „Im Himmel, unter der Erde“ war für die Berlinale ausgewählt worden! Ich freute mich sehr, dass wir den Film einem internationalen Publikum präsentieren konnten. Am Ende der aufregenden Berlinale-Woche gewannen wir völlig überraschend den Publikumspreis für den besten Dokumentarfilm. Ein Friedhofsfilm! Ist das nicht verrückt? Zu verdanken ist das vor allem Ihnen, den Lesern von aktuell .

Mit wie vielen Menschen hat uns der Friedhof in Kontakt gebracht! Und welche Fülle ist im Film zu sehen! Aber wie groß ist erst der Anteil der Geschichten, die wir nicht erzählen konnten. Ich bin deshalb sehr dankbar, dass der be.bra Verlag begleitend zum Film einen Bildband herausgegeben hat, in dem eine Reihe weiterer Geschichten und Fotografien zum Friedhof versammelt ist (Angaben zum Buch siehe unten). Alle Original-Einsendungen sind zudem im Archiv der Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum verwahrt und stehen dort für künftige Recherchen zur Verfügung.

Wo immer die Angehörigen heute zu Hause sind, der Film und das Buch zeigen, wo ihr gemeinsamer Ursprung liegt. Ich wünsche mir, dass beides dazu beitragen wird, den Friedhof Weißensee ins Bewusstsein der Menschen zu rücken, damit er nicht länger ein Schattendasein am Rande der deutschen Hauptstadt führt. Denn Weißensee vermag Menschen zu verbinden und zu begeistern. Das haben mich die Entdeckungen und Begegnungen von Weißensee gelehrt.


Britzka Film
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E-Mail: bwauer@britzka.de
www.imhimmelunterdererde.de
www.britzka.de

Der Jüdische Friedhof Weißensee. Momente der Geschichte
Britta Wauer, Amélie Losier
be.bra verlag, Berlin 2010,
176 Seiten, über 140 Fotos,
Texte in deutsch und englisch,
ISBN 978-3-814801728