Überraschender Fund: Verschollen geglaubte Kunstwerke vor dem Berliner Rathaus geborgen

_von Stiftung Preußischer Kulturbesitz_

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Rechts neben dem Berliner Rathaus sieht man die Grabungsfläche (Juli 2010)

Bei Grabungen im historischen Zentrum Berlins haben Archäologen des Landes Berlin elf Skulpturen gefunden, die 1937 im Zuge der nationalsozialistischen Aktion „Entartete Kunst“ in deutschen Museen beschlagnahmt worden sind. Es handelt sich um Bronzen von Edwin Scharff, Otto Baum, Marg Moll, Gustav Heinrich Wolff, Naum Slutzky und Karl Knappe sowie Teile von Keramikarbeiten von Otto Freundlich und Emy Roeder. Drei weitere geborgene Werke sind noch nicht identifiziert. Die gefundenen Kunstwerke sind im Wesentlichen unbeschädigt, haben aber durch die lange Lagerung und den Brand eine starke Patina. Seit November 2010 können sie in einer Ausstellung im Neuen Museum auf der Museumsinsel bewundert werden.

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Bergung von drei Bronzeskulpturen am 25. Oktober 2010

Im Rahmen der Aktion „Entartete Kunst“ beschlagnahmte und entzog der NS-Staat eine große Menge von Kunstwerken, überwiegend in öffentlichen Museen und Sammlungen. Als propagandistischer Höhepunkt wurde 1937 die Ausstellung „Entartete Kunst“ in München eröffnet, die anschließend in Berlin und zahlreichen anderen Städten gezeigt wurde. Viele staatliche Sammlungen weisen dadurch bis heute Lücken im Bereich der Kunst der Klassischen Moderne auf, so auch die Sammlung der Nationalgalerie der Staatlichen Museen zu Berlin.

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Bei der Bergung einer Skulptur von Otto Freundlich im August 2010

Die jetzt in Berlin entdeckten Kunstwerke wurden bei Grabungen in der Rathausstraße, der ehemaligen Königstraße 50, gegenüber dem Roten Rathaus gefunden. Im Vorfeld des U-Bahn-Baus der Linie 5 vom Alexanderplatz bis zum Brandenburger Tor finden dort seit Oktober 2009 archäologische Untersuchungen statt. Im Januar 2010 wurde ein auffälliger metallener Gegenstand geborgen, der nach einer ersten Reinigung in der Werkstatt des Museums für Vor- und Frühgeschichte wenige Tage darauf als Kunstwerk identifiziert wurde. Einige Wochen später stand fest, dass es sich um ein Bildnis der Schauspielerin Anni Mewes von Edwin Scharff handelte. Die Tragweite des Fundes war jedoch noch nicht erkennbar, da es sich zu diesem Zeitpunkt um einen Einzelfund mit einer Fülle denkbarer Hintergründe handelte. Im August 2010 wurden in der Nordwestecke des Kellers weitere Bronze- und Terrakottaskulpturen entdeckt und ebenfalls ins Museum für Vor- und Frühgeschichte gebracht. Mit der Identifikation des roten Terrakottakopfes als Teil der Arbeit „Die Schwangere“ von Emy Roeder wurde die Verbindung zu der Aktion „Entartete Kunst“ deutlich. Ende Oktober 2010 wurden schließlich noch die weibliche Büste von Naum Slutzky, die stehende Gewandfigur von Gustav Heinrich Wolff, die unidentifizierte bronzene Gewandfigur einer Frau, die eine Traube hält, sowie Scherben einer ebenfalls noch nicht identifizierten Keramikskulptur gefunden.

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Vorkriegszustand der Bronzeskulptur „Stehendes Mädchen“ von Otto Baum aus dem Jahr 1930 (Höhe 65 cm)

Die Skulpturen wurden in einem räumlich eng begrenzten Areal geborgen, das allerdings durch eine Kellerwand geteilt war. In einem Kellerteil konnte nachgewiesen werden, dass die Skulpturen deutlich oberhalb der Einrichtungsgegenstände des Kellers lagen, in dem anderen Raum waren keine Spuren der ursprünglichen Einrichtung nachweisbar. Dies legt nahe, dass die Skulpturen nicht im Keller aufbewahrt wurden, sondern aus einer der darüber liegenden Etagen herabstürzten. Der Brand des Hauses ließ sämtliche Zwischendecken einstürzen. Sollten sich in dem Haus darüber hinaus Gemälde oder andere brennbare Kunstwerke befunden haben, wären diese wohl vollständig verbrannt.

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Die gereinigte Skulptur im Oktober 2010

Der Weg der identifizierten Kunstwerke lässt sich bis ins Jahr 1941/42 nachzeichnen. Nach ihrer Beschlagnahme in Museen (Nationalgalerie, Berlin, Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg, Staatsgalerie Stuttgart, Schlesisches Museum der Bildenden Künste, Breslau, Kunsthalle Karlsruhe, Staatsgemäldesammlungen München) wurde ein Teil von ihnen in der Ausstellung „Entartete Kunst“ gezeigt. Die übrigen lagerten, gemeinsam mit anderen noch nicht verwerteten Beständen der Beschlagnahmeaktion, in einem Keller des Reichspropagandaministeriums. Wie die Kunstwerke in die Königstraße gelangten, ist noch nicht abschließend geklärt. Unter den ehemaligen Bewohnern des Hauses war allerdings eine Person zu ermitteln, die auf den ersten Blick eine Verbindung zu den Skulpturen gehabt haben könnte: Erhard Oewerdieck (1893 – 1977), ein Treuhänder und Steuerberater, der 1941 Büroräume im vierten Stock des Hauses Königstraße 50 gemietet hatte. Gemeinsam mit seiner Frau Charlotte (1903 – 1981) half er während des Krieges jüdischen Mitbürgern, wofür das Ehepaar von der Gedenkstätte Yad Vashem als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt wurde. Oewerdiecks Tresor mit Geschäftspapieren, der zusammen mit den Skulpturen geborgen werden konnte, enthielt allerdings keine Hinweise auf Kunst. Im Rahmen der weiteren Forschungen zu dem Fund werden umfassende Recherchen zu allen Spuren, die über dessen Geschichte Aufschluss geben könnten, nötig sein. Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, sagte: „Die Funde der von den Nazis als entartet diffamierten Kunst verweisen auf das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte, der gegenüber Berlin eine besondere Verantwortung hat und wahrnimmt. So wie diese Kunstwerke sich uns jetzt präsentieren, ist ihnen aber auch die Geschichte der vergangenen 60 Jahre eingebrannt. Das vor allem macht sie einmalig.“


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