Mit einer Träne im Knopfloch

Rachel E. Ron

Jede Ausgabe unserer aktuell ist eine Freude. Interessant und spannend, rührend und treu. Spannend? Weil jeder von uns Berliner „Kinder“ nach dem „gewissen Etwas“ sucht. Nach einem bekannten Namen in den Suchanzeigen, nach einem Ort, an dem wir glücklich waren. Viele schreiben in dieser ganz wunderbar an unsere gemeinsame Kindheit erinnernden Art.

So fand ich in der letzten Ausgabe (Nr. 87) gleich zwei dieser ans jung gebliebene Herzchen gehenden Artikel: Die Badewiese! Oh Gott! Wie lange hatte ich an „die Badewiese“ nicht mehr gedacht! Sie war Ziel unserer vierköpfigen Familie, jedes Wochenende meiner schönen geborgenen Kindheit. Ihren Namen, Pichelsdorf, hatte ich 85 Jahre nicht wieder gehört.

Und gleich darauf lese ich weiter… Ein anderes „Kind“ von damals wandert als Herr durch unsere Heimatstadt. Durch seinen Kiez… Wie sagt man auf gut Hochdeutsch? Auf den Spuren der Vergangenheit. Das Kind in ihm sucht „die heißen Würstchen und die Schrippen bei Aschinger“. Er suchte und fand: die Berliner Luft, den Kudamm und den Grunewald. Ich folgte diesem Bericht mit ganz gerührtem Herz(chen). Denn dieses „Kind“ sprach mir aus der Seele.

Mit Tr _ne Im Knopfloch

Meine Badewiese, Pichelsdorf, 1930

Wie sehr wir unsere Heimat lieben! Und wie sehr man im Laufe des Lebens erkennt: Das gibt´s nur einmal, das kommt nicht wieder. Das war zu schön um wahr zu sein. Es ist die glückliche Kindheit und Jugend in unserem einmaligen Berlin. Unserer Heimat Deutschland. Wir sind heute Groß- und Urgroßeltern von Amerikanern, Australiern, Kanadiern, Brasilianern, Israelis. Wo immer unsere Eltern, Väter, Frontkämpfer im Ersten Weltkrieg, uns „Berliner Kindl“ notweise hinverschleppten und wir notweise unser Leben aufbauten. In meinem Fall: Ich habe eine urgermanische Seele. Die deutsche Sprache, die deutsche Ordnung, der deutsche Sang und deutscher Klang verblieben mir mein Leben lang (frei nach Schiller). Fraglos ist es der uns angeborene Berliner gutmütig-sarkastische Humor, der uns diese neunzig Jahre mit frohem Mut und leichtem Sinn (hin ist hin) erträglich machte.

Es ist nicht zu glauben, wie viele dieser Berliner Pflanzen (entwurzelten Berliner Pflanzen sollte man sagen) sich noch aktiv in aktuell mit der Vergangenheit befassen. In einer Welt wie der heutigen.

Und jibt det Leben Dir ‘nen Puff, Dann flenne keene Träne. Lach Dir’n Ast und setz´ Dir druff Und bammel mit die Beene.


Rachel E. Ron, USA
Chiffre 111106