Berliner Artenvielfalt: „Berlin ist reich!“

von Reinhard Schubert, Senatsverwaltung für Stadtentwicklung

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Bild: R. Schubert

Innerstädtische Brachen bieten bedrohten Arten Lebensraum: Das Nasse Dreieck im Bezirk Pankow war einmal Grenzgebiet zwischen Ost und West und gehört zum „Grünen Band Berlin“, das entlang der ehemaligen Grenze im Berliner Norden entsteht

Für viele überraschend ist hier nicht von Geld die Rede. Auch anderer Reichtum ist bedeutend in der Metropole Berlin: Eine reiche biologische Vielfalt.

Vor vielen Millionen Jahren begann sich das Leben auf der Erde zu entwickeln. Mit der Änderung der Lebensbedingungen mussten sich die entstandenen Arten ihrer Umwelt anpassen, neue Arten entwickelten sich, nicht anpassungsfähige Arten starben aus. Dieser Prozess war die Grundlage dafür, dass der Mensch entstehen und leben konnte. Und heute macht gerade der Mensch mit seiner Lebensart und seiner Umweltnutzung vielen anderen Arten auf der Erde die Existenz streitig.

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Bild: R. Schubert

Eingang zur Ausstellung „Berlin und der countdown 2010“ im Dienstgebäude der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts richtete sich der Blick der Wissenschaft zunehmend auf die Beeinträchtigung der Umwelt durch den Menschen. Einen markanten Punkt setzte in den USA im Jahr 1962 die Biologin und Schriftstellerin Rachel Carson mit dem Buch „Der stumme Frühling“. Damit war das Thema des Umgangs des Menschen mit der Natur von der Wissenschaft in die Breite der Gesellschaft getreten.

Die weltweiten Forschungsergebnisse verlangten nach internationalem Handeln. Auf der Weltkonferenz für Umwelt und Entwicklung 1992 in Rio de Janeiro wurde unter anderem die Convention of Biological Diversity (CBD) beschlossen. Dieses Übereinkommen dokumentiert den Willen der Völkergemeinschaft, die Arten mit ihrem genetischen Potential und ihren Lebensräumen zu erhalten und fordert aktive Maßnahmen dafür ein.

Bereits 2007 hatte das Bundeskabinett eine Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt beschlossen, die einen Handlungsrahmen für die föderalen Ebenen, aber auch für andere gesellschaftliche Akteure setzt: Wirtschaft, Handel, Wissenschaft. Und nicht zuletzt wendet sie sich auch direkt an die Bürger!

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Bild: R. Schubert

Fledermäuse nutzen ein altes Bauwerk der Berliner Wasserbetriebe als Winterquartier

Und Berlin? Berlin ist eine der artenreichsten Großstädte Europas. Neben 3,4 Millionen Berlinern leben hier rund 20.000 bis 30.000 Tierarten. Von den 260 in Deutschland brütenden Vogelarten wurden 178 auch in Berlin als Brutvögel nachgewiesen. Und Berlin ist Heimat für 2.180 der 3.300 in Deutschland vorkommenden Gefäßpflanzensippen. Möglich ist das, weil Berlin eine grüne Stadt ist. Das Stadtbild ist von Wäldern, Feldern, Wiesen, Grün- und Sportanlagen, Kleingärten, Friedhöfen und Gewässern geprägt.

Berlin weiß, dass dieser Reichtum erhalten bleiben muss. Die biologische Vielfalt strukturiert Erholungsräume, ist Rohstoffquelle, reguliert das Mikroklima. Sie ist ein vielgestaltiges kulturelles Erbe aus der 800-jährigen Entwicklung der Stadt. Und nicht zuletzt ist es diese biologische Vielfalt, die das mentale Wohlbefinden und die ästhetische Wahrnehmung der Stadt mit prägen. So zeigt uns mitten in der Stadt nicht nur der Kalender, welche Jahreszeit gerade ist.

Arten und Lebensgemeinschaften in ihren Lebensräumen werden von unterschiedlichen Ursachen beeinflusst und in der Folge negativer Einflussfaktoren „verschwinden“ sie: Sie sterben aus, weil sie keinen geeigneten Lebensraum mehr finden und sich nicht so schnell, wie sich ihre Umwelt ändert, an die neuen Bedingungen anpassen können. Ein internationales Ziel war es, dieses täglich stattfindende Aussterben von Arten weltweit bis zum Jahr 2010 zu stoppen. Aber jetzt schon ist zu erkennen, dass dieses Ziel nicht erreicht werden kann. Wissenschaftler, andere Fachgremien und Politiker arbeiten schon an „post-2010-Zielen“.

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Bild: R. Schubert

Reich strukturierte und geschützte Landschaft im Berliner Norden: Blankenfelde im Bezirk Pankow

Um das „2010-Ziel“ zu unterstützen, hatte die Internationale Naturschutzorganisation IUCN 2004 den „countdown 2010“ ins Leben gerufen. Diesem Aktionsbündnis trat 2008 auch das Land Berlin bei und mit ihm weitere Berliner Institutionen. Schülerinnen und Schüler aus zehn Klassen Berliner Grundschulen gestalteten diese Veranstaltung mit, indem sie ihre Vorschläge und Forderungen für Maßnahmen zum Schutz und zur Förderung einer von ihnen ausgewählten Tier- oder Pflanzenart szenisch darstellten.

Ausgehend von dieser Veranstaltung wurde eine Ausstellung entwickelt, die das Problem der biologischen Vielfalt verdeutlicht und in das gesellschaftliche Bewusstsein ruft. Unter dem Titel „Berlin und der countdown 2010“ werden auch die Aktionen der Kinder dargestellt und die Verpflichtungen, die Berlin als Partner übernommen hat, erläutert. Ergänzt wird die Ausstellung durch Tafeln. Diese zeigen, was andere Berliner Partner im Rahmen ihrer Verpflichtungen leisten.

So bieten die Berliner Wasserbetriebe Fledermäusen ein Winterquartier an, das Bezirksamt Mitte gibt gebäudebrütenden Vögeln Nisthilfen, der Landesverband der Gartenfreunde unterstützt die Erhaltung alter Obstsorten, das Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf schafft Lebensraum für die Rotbauchunke.

Eine Ausstellung allein reicht aber nicht aus, um das Thema in der Mitte der Stadtgesellschaft zu verankern. In Anlehnung an die Nationale Strategie wird deshalb im jetzt stattfindenden „Internationalen Jahr der Biologischen Vielfalt 2010“ eine „Berliner Strategie zur Biologischen Vielfalt“ erarbeitet. 2011 soll diese Strategie als Handlungsrahmen vorliegen. Doch letztlich müssen wir alle einen Beitrag dazu leisten, die natürliche Vielfalt des Lebens in Berlin zu erhalten, zu schützen und zu fördern.


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Am Köllnischen Park 3
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E-Mail: reinhard.schubert@senstadt.berlin.de
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