Zurück in Berlin, „Ecke Volksbühne“

von Shoshana Shmueli

Am 6. Januar 1929 wurde ich als Rosa Katz – heute Shoshana Shmueli – in Berlin im Jüdischen Krankenhaus an der Elsässer-Straße geboren. Meine Eltern, Lea (Lenka) und Nachum (Nathan) Katz wohnten zunächst in der Hirtenstraße 12a. Im selben Haus besaßen sie eine Geflügelhandlung (streng koscher).

Im April 1933 – nachdem Hitler die Reichstagswahlen gewonnen hatte – wurde ein Gesetz zur Aufhebung koscherer Schächtung erlassen. So wurde meine Familie gezwungen, alles aufzugeben und Berlin zu verlassen. Nachdem wir einige Monate ein Flüchtlingsdasein in Amsterdam gefristet hatten, gelang uns die Weiterreise über Madagaskar nach Israel. Hier, in Israel, wuchs ich auf und gründete meine Familie. Auch meine Kinder und Enkel sind hier aufgewachsen.

Inzwischen bin ich einige Male in Berlin gewesen: 2009, zu meinem 80sten Geburtstag, bin ich nochmals zurückgekehrt, aber diesmal, auf ihren expliziten Wunsch hin, mit meiner Tochter Yael und meinem Sohn Nimrod. Sie brachten auch Kameras mit, mit denen wir den Besuch aufzeichnen und dokumentieren konnten.

Die Linse der Videokamera umkreiste die Schauplätze meiner Vergangenheit: den Bülow-Platz mit der Volksbühne, heute in Rosa-Luxemburg-Platz umbenannt, den die Regisseurin Britta Wauer in ihrem Film verewigt hat. Diesen Platz der Wandlungen nannte sie einfach „Ecke Volksbühne“ und im Untertitel: „Ein Platz – seine Menschen, ihre Schicksale und eine große Geschichte“. Ihr gilt an dieser Stelle mein herzlicher Dank.

Von diesem Theater, das dem israelischen Staatstheater „HaBima“ zum Vorbild diente, wandert die Kamera zum Karl-Liebknecht-Haus, und von dort zum Fenster unserer Wohnung meiner Kindertage, Hirtenstraße 12a, erste Etage. Aus diesem Fenster habe ich erstmals 1931, noch vor der Machtübernahme Hitlers, die großen Aufmärsche der Nazis und Kommunisten entlang der Kaiser-Wilhelm-Straße beobachtet.

Bei meinen Besuchen in Berlin sah ich regelmäßig nach unserem Geflügelladen; er ist seit damals durch viele Hände gegangen. Seine äußere Fassade ist bis heute gleich geblieben, wie wir mit eigenen Augen feststellen konnten. Uns erwartete dort diesmal eine angenehme Überraschung: Ein junger Mann namens Darko Cico, der den Laden heute als Computergeschäft führt, betrachtete unsere mitgebrachten Fotos des damaligen Geschäftes mit wachsender Aufregung. Er erzählte uns, wie er bei der Ladenübernahme Tarrazo-Kacheln fand. Ihm hatte man erzählt, es habe sich dort „früher“ eine Metzgerei befunden. Er bat um unser Einverständnis, die alten Fotografien zu vergrößern und in seinem Schaufenster auszustellen – als Mahnmal.

Zufällig entdeckten wir diesmal auch die Stolpersteine an der gegenüber liegenden Straßenecke, die an eine Familie Levinstein erinnern, die im Holocaust ermordet wurde. Einziger Überlebender war Israel, wie wir in dem Film von B. Wauer erfahren. Es stellte sich heraus, dass es derselbe Israel aus dem Kibbuz Yad Channa ist, der uns seit vielen Jahren ein treuer Freund ist. Erst aus dem Film erfuhren wir, dass unsere Familien schon damals Nachbarn in Berlin waren, obwohl sie sich damals nicht kannten.

Durch Berlin begleiteten mich mein Mann und meine Kinder: entlang all meiner vagen Kindheitserinnerungen, besonders der an die plötzliche Entwurzelung.

Sie teilten mit mir auch die Momentaufnahmen aus glücklicheren Kindertagen. Zwei jener Fotos sind mir sehr lieb: Eines zeigt mich mit Mutter auf dem Spielplatz im Lustgarten, am Fuße des Pergamonmuseums. Das andere zeigt mich zusammen mit meiner Tante Malka neben dem eindrucksvollen Standbild des Titanen Atlas, der die Erdkugel auf seinen Schultern trägt. Damals stand die Skulptur vor dem Reichstag.

Stark beeindruckt waren meine Kinder vor allem von den Erinnerungstafeln, die sie überall im gesamten Stadtraum verteilt fanden. Sie zu fotografieren und zu dokumentieren, wurden sie nicht müde. Hervorheben möchte ich die Steinmauer der Löcknitzer-Grundschule im Bayrischen Viertel: Mit jedem einzelnen Ziegel hat jeweils ein Kind einem bestimmten Bewohner des jüdischen Viertels ein Andenken gesetzt, indem es seinem Schicksal nachgegangen ist. Sowohl meine Tochter als auch ich sind als Pädagogen tätig, weshalb uns dieses Projekt besonders bewegte. Einem weiteren Beispiel begegneten wir auf der Rosenstraße: ein Standbild, Siegeszeichen des menschlichen Geistes und des Mutes der Wenigen, die es wagten aufzubegehren und zu kämpfen. Wir sehen arische Frauen um die Befreiung ihrer jüdischen Ehemänner kämpfen.

Wir haben voll Achtung und Ehrerbietung all die Denkmäler und Andachten betrachtet, die den Wunsch nach einer Gedenkkultur gegen das Vergessen und die Notwendigkeit dieser Erinnerung erkennen lassen. Auf den Dokumentationsseiten, die an die Nazi-Verbrechen in der Villa Wannsee erinnern, dem Ort, an dem man sich in einer Konferenz zur Judenfrage auf die „Endlösung“ einigte, haben wir mit eigenen Augen gesehen, wie Gymnasiasten Geschichte lernten und ihren Klassenkameraden Informationen über Ghettos und Vernichtungslager vermittelten. Wir sahen in der Ausstellung „Topographie des Terrors“ in den ehemaligen Gestapokellern, wie Gruppe um Gruppe deutscher Soldaten und Offiziere aufmerksam den Beschreibungen der furchtbaren Vergangenheit zuhörten, bereit, sich mit ihr auseinanderzusetzen.

Als Lehrerin für jüdische Geschichte an einem Lehrerseminar und der Universität Tel-Aviv konnte ich auf den Besuch des Jüdischen Museums nicht verzichten: ein Rundgang auf den Spuren von hunderten von Jahren jüdischen Lebens und jüdischer Kreativität im Zusammenleben mit den deutschen Nachbarn. Meine Kinder traten auf ihrem stummen Weg durch das Jüdische Museum auf das „Herbstlaub“, das der israelische Bildhauer Kadishman im Herzen des Museums angehäuft hat. Diese gefallenen Herbstblätter wiesen auf den Weg in den Holocaust – den Weg, den ihre Großeltern gingen – die sie nie kennengelernt haben.

Charakteristisch für unsere Familie ist der unreligiöse Lebensstil; dennoch war die Teilnahme an dem Shabbatgebeten in der liberalen Synagoge auf der Pestalozzistraße ein Erlebnis.

Während dieses Besuches in Berlin fanden mein Sohn und meine Tochter endlich den Zugriff auf ihre komplizierte und ambivalente Vergangenheit und Familiengeschichte.


Shoshana Shmueli
Chiffre 110105