Ein Familienfoto mit 280 Verwandten - In Berlin trafen sich die Nachfahren des jüdischen Aufklärers Moses Mendelssohn

_von Torsten Hilscher
mit freundlicher Genehmigung von ddp_

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Die 280 Nachfahren Mendelssohns stellen sich auf der Freitreppe des Konzerthauses auf dem Gendarmenmarkt zum Familienfoto auf. Hier wurde 1827 die einzige Oper von Felix Mendelssohn-Bartholdy uraufgeführt.

Das blonde Mädchen aus Bielefeld steht im Foyer des Berliner Roten Rathauses staunend vor einer Vitrine. Sie schaut auf eine alte Federzeichnung, die den 13-jährigen Felix Mendelssohn Bartholdy abbildet. Es ist, als würde sie in einen Spiegel schauen: Der Knabe mit langem Haar und sie – die Ähnlichkeit ist verblüffend. Und keineswegs zufällig. Denn Eva (7) ist eine Verwandte des weltberühmten Musikers. Beide sind Nachfahren des jüdischen Aufklärers und Philosophen Moses Mendelssohn (1729-1786). Am 13. und 14. Oktober 2007 traf sich die sechste bis zehnte Generation auf Einladung des Berliner Senats in der Hauptstadt.

Den Auftakt bildete ein Empfang im Fest- und Wappensaal des Rathauses. Am nächsten Tag traf sich der Clan im ehemaligen Stammhaus der Mendelssohn-Bank in der Jägerstraße, um kurz darauf das durch Bauten der Vorfahren geprägte Viertel rund um den Gendarmenmarkt zu bewundern. Höhepunkt: das erste komplette Familienfoto auf den Stufen des Konzerthauses.

„Dass der Berliner Senat sich zu diesem Erbe bekennt, ist bemerkenswert“, freut sich Mendelssohn-Nachfahre Julius Schoeps. Der Professor leitet in Potsdam das nach seinem Ahnherren benannte Institut. Die meisten seiner Verwandten waren ihm bis zu diesem Treffen unbekannt. Kein Wunder, denn sie kommen aus Australien, der Schweiz, England, Schweden, Italien, den Niederlanden, Tschechien und ganz Deutschland. Darunter sind auch Gabriele und Ulrike Mendelssohn aus Rheinland-Pfalz, Museumsdirektorin die eine, Ärztin die andere. Ebenfalls Arzt ist Thomas Leo. Der 82-jährige Kardiologe floh als Junge 1938 über Holland nach Venezuela, bevor er sich in den USA niederließ. Einer seiner drei Söhne, Paul S. Leo, ist Anästhesist.

Leo hatte Glück: Zwar nahmen sich in der Nazizeit zwei Familienmitglieder das Leben, aber bereits in Konzentrationslagern internierte Verwandte kamen wieder frei. Vom 1795 gegründeten und 1938 zwangsliquidierten Bankhaus blieb aber nichts mehr übrig. Geblieben sind Erinnerungen an eine ganze Dynastie von Mäzenen, Künstlern und Gelehrten, an beliebte Berliner Salons und den Geist von Aufklärung, Toleranz und Vernunft.

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Im Rahmen des Familientreffens enthüllen der Staatssekretär für Kultur, André Schmitz, und Angelika von Mendelssohn-Siebeck einen renovierten Grabstein Joseph Mendelssohns auf dem Jüdischen Friedhof in der Schönhauser Allee.

Diese Maximen stammen von Senior Moses. Keine selbstverständliche Haltung, durfte er doch als Jude bei seiner Ankunft im Jahr 1743 Berlin nur durch das Rosenthaler Stadttor im Norden betreten. Selbst als Moses heiraten wollte, bedurfte es noch einer königlichen Zustimmung. Derselbe König, Friedrich II., der ihm die Hochzeit gestattete, verweigerte allerdings später die Aufnahme des mehrsprachig gebildeten Universalgelehrten in die Akademie der Wissenschaften.

Die kleine Eva hat sich unterdessen vom Abbild ihres Vorfahren Felix gelöst. Sie wendet sich zum neben ihr stehenden Betrachter und flüstert: „Wenn Du mehr erfahren willst, im Saal sind noch ein paar von uns“ – eine Untertreibung. 280 Mendelssohn-Nachfahren haben sich zusammengefunden. „Viel Glück“, sagt Eva und verschwindet zwischen Verwandten namens Wyss, von Mendelssohn, Joffe, Olsen, von Schwerin, Horwitz, von Bismarck und Dubois-Reymond, nicht zu vergessen die Mendelssohn-Bartholdys, nach Felix‘ Bruder Paul und die Mendelssohn-Bartholdys nach Felix selbst.